Von Anfang bis Ende
Im März bin ich mit Freund J. zum ersten Mal den gesamten Kapuzinerberg abspaziert. Normalerweise geht man bei der Linzergasse hinauf, geht eine Runde und kommt neben dem Platzl wieder herunter. Oder man geht in die umgekehrte Richtung. Wobei es sich bei uns zumindest eingebürgert hat, von der Linzergasse aus zu starten. So hat man den steilen, anstrengenden Teil gleich hinter sich. Es ist immer wieder ein toller Spaziergang. Man ist im Grünen, aber doch mitten in der Stadt. Durch die vielen Bäume und die Höhe merkt man vom Trubel der Stadt nichts. Es ist eine Oase, mitten in Salzburg. Es ist auch nicht mit dem Mönchsberg vergleichbar. Vom Mönchsberg aus sieht man immer wieder in die Stadt hinunter. Aber der Kapuzinerberg ist anders, man ist abgeschiedener.
Dieses Mal haben wir uns entschieden, den Basteiweg entlangzugehen. Ein Stück hinter dem Kloster kann man rechts abbiegen und gelangt durch einen kleinen Weg zur Wehrmauer. Der Anblick der Stadt ist von hier aus wahrlich einzigartig. Die Festung wirkt imposanter, das Gelände flacher und man hat einen herrlichen Blick über die Landschaft. Ich freue mich schon, denselben Weg im Sommer zu gehen, wenn die Bäume saftig grüne Blätter tragen, alles blüht und es warm ist. Nicht, dass es an jenem Tag kalt gewesen wäre, aber der Wind hat doch noch eine gewisse Frische in sich, die im Sommer einem angenehmen Lüftchen weicht.
Leider hat das Schlössl aktuell geschlossen, da scheinbar ein paar zu laute Techno-Partys gefeiert wurden. Es gab auch eine Auktion, bei der man sich ein paar der Dinge hätte ersteigern können, die der nun ehemalige Besitzer hinterlassen hat. Wenn man den Berichten glauben darf, konnte man durchaus ein paar nette Schnäppchen machen. Die Auktion habe ich ungünstigerweise verpasst. Aber man kann trotzdem hinaufwandern und rechts eine metallene Treppe hinabsteigen. Von da aus geht ein Weg weiter zu einer Aussichtsplattform. Diese bietet einen schönen Blick auf den Gaisberg, der mit gerade einmal 3 Stunden Gehzeit zu erreichen wäre. Vielleicht muss man die Angabe des Schildes zu einem späteren Zeitpunkt überprüfen.
Jedenfalls geht neben der Aussichtsplattform eine Treppe nach unten. Eine schier endlose Treppe, die immer wieder Kurven macht und in mehr oder weniger konstanten Serpentinen nach unten führt. Diesen Weg bin ich noch nie zuvor gegangen. Ich fragte mich, wo wir wohl rauskommen würden. Immerhin startet man von der Linzergasse aus. Ein Stück Altstadt, das sich durchaus sehen lassen kann, vor allem weil man vom Stefan-Zweig-Platz durch ein prächtiges Tor schreitet. Die Ernüchterung war groß, als wir schließlich hinter einer Tankstelle neben dem Einkaufszentrum ZiB (Zentrum im Berg) herauskamen. Wir sind von dort aus schließlich wieder zur Linzergasse zurück und auf die andere Seite der Salzach gegangen, um Futter zu suchen und Erfrischungsgetränke zu uns zu nehmen.
Es ist immer wieder erstaunlich. Jetzt gehe ich schon so lange in Salzburg herum, mache Führungen mit, beschäftige mich mit der Geschichte und erkunde die Stadt. Doch auch Jahre später gibt es immer wieder Neues zu entdecken.


Raus aus dem Trott
Vielleicht kennt das ja jemand, diesen Alltagstrott – oder ich bin allein damit, aber ich behaupte einfach mal, dass das nicht der Fall ist. Mit Alltagstrott meine ich, dass die Tage an einem vorbeiziehen, ohne dass sich dabei ein Gefühl der Erfüllung einstellt. Eine monotone Abfolge verschiedener Handlungen, die gemacht werden müssen, sei es in der Arbeit, zu Hause oder wo auch immer. Und abends sitzt man auf der Couch, schaut irgendwas an, was eben gerade läuft, oder klickt zu viele YouTube-Videos an, die einen eigentlich nicht interessieren, aber irgendwie doch spannend klingen, nur um am Ende mit einem „Mäh“-Gefühl dazusitzen und es ist schon wieder halb elf, also viel zu spät, weil eigentlich wollte man doch früher ins Bett. Oder so ähnlich zumindest.
Diesen Trott hatte ich Ende März. Also habe ich mich hingesetzt und das gemacht, was mir immer hilft: Schreiben. Ich habe mein Journal zur Hand genommen und mir drei Fragen gestellt, die es einfach machen, etwas zu Papier zu bringen: Was lief heute gut? Was lief heute schlecht? Und: Wie ordnet sich dieser Tag ins größere Ganze ein? Die Reflexion über den Tag und die vergangenen Tage fiel positiver aus, als ich es im Gefühl hatte. Manchmal lässt man sich zu sehr vom Jammern der anderen oder von Kleinigkeiten runterziehen. Natürlich spielt die aktuell eher mittelmäßige Weltlage ebenfalls eine Rolle. In so einem Fall hilft es mir, den Fokus etwas enger zu ziehen. Sich auf sich selbst und die unmittelbare Umgebung zu konzentrieren. Am Ende sieht man die Welt etwas klarer und sieht Dinge eventuell positiver, als sie anfangs schienen. Um diese Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und meiner Wirklichkeit zu verinnerlichen, sie zu realisieren, hilft es ungemein, sie auf einem Blatt Papier geschrieben zu sehen.
Nach dieser Rückschau und neuen Einordnung des Geschehenen habe ich mir ein paar Punkte notiert, die ich in den letzten Tagen des März beachten oder erledigen möchte. Eine solche Liste beginne ich gerne mit den einfachen Dingen. Zum Beispiel die Wohnung putzen. Das macht man hoffentlich ohnehin regelmäßig, von daher würde ich es sowieso in den nächsten Tagen erledigt haben. Ein weiterer Punkt war, zu meiner gewünschten Zeit wirklich ins Bett zu gehen und nicht erst eine Stunde später. Oder täglich einen Text zu schreiben. Beides Dinge, die ich meistens mache, aber die gerne auch vernachlässigt werden. Ich hatte mir zu dem Zeitpunkt gerade ein neues Buch gekauft (»Die Wirklichkeit ist auch nicht wahr« von Florian Aigner), also war ebenfalls auf der Liste: jeden Tag ein Kapitel zu lesen. Ich bin alles durchgegangen, was ich vor mir hergeschoben hatte, und am Ende stand eine ordentliche Liste auf dem Blatt Papier. Vielleicht würde ich nicht alles schaffen oder zu allem kommen, aber ich setze mir lieber mehr und etwas höhere Ziele. Ich betrachte es nicht als gescheitert, sollte ich nicht alles abhaken können; cool wäre es allerdings schon. Mich spornt so etwas an.
Allein diese Liste vor Augen zu haben und meine Gedankenwelt nicht nur sortiert, sondern neu eingeordnet zu haben, hat mir ungemein geholfen. Zuerst sollte man stets reflektieren, wo man sich befindet. Erst dann kann man ableiten, was man zeitnah erreichen oder erledigen möchte. Bei der Bullet-Journal-Methode gibt es eine Handlung, die sich »weekly reflection« nennt. Man setzt sich am Ende der Woche hin und lässt die Woche Revue passieren. Das werde ich wieder regelmäßig machen. Denn in den vergangenen Wochen und Monaten habe ich das zu sehr vernachlässigt. Es ist aber ein nützliches Tool. Mir haben die oben genannten Schritte sehr geholfen. Jedoch gilt wie immer bei solchen Dingen: Jeder und jede muss für sich herausfinden, was funktioniert, was man braucht und was man machen oder erreichen möchte.
Schnell gekocht
Es war an einem unscheinbaren Samstagabend. Ich hatte fast den ganzen Tag damit zugebracht, Warhammer-Figuren zu bemalen, und wollte es mir auf der Couch gemütlich machen. Da erreichte mich eine Nachricht von Freund J. Unaufgefordert wurde mir ein Bild zugeschickt, das den Verlauf des Abends für immer verändern sollte. Es war ein Bild von Essen. Eine Frechheit. Da dachte ich mir, Chips würden reichen. Dann erblicke ich auf dem Foto gebratenes Hühnchen und leckeres Gemüse. Solch unaufgeforderte Bildsendungen sollten umgehend verboten und mit aller Härte des Gesetzes bestraft werden. Eine Frechheit. Nun sah ich mich also gezwungen, zu kochen; der Hunger auf Fleisch und frisch Gekochtes war geweckt.
Ich heizte also den Ofen vor. Hier sollte das Tiefkühl-Ofengemüse gemacht und die Kroketten zubereitet werden. Unterdessen machte ich mich daran, die Putenschnitzel, welche sich idealerweise in meinem Kühlschrank befanden, vorzubereiten. Ich mag es gerne einfach. Also habe ich die Schnitzel nur gesalzen, gepfeffert und mit Paprikapulver bestreut – auf beiden Seiten natürlich –, bevor ich sie noch mit einer feinen Schicht Mehl bedeckte. Die Pfanne wurde mit etwas Öl gefüllt und vorgeheizt. Während das Gemüse und die Kroketten langsam fertig wurden, brut ich die Schnitzel von beiden Seiten je einige Minuten an. Nach etwa einer halben Stunde war alles fertig.
So aß ich um 20 Uhr abends mit einem herrlich zubereiteten Gericht auf der Couch und sah mir den aktuellen Elden-Ring-Challenge-Rund von Bushy an. Das perfekt gebratene Putenschnitzel, das Ofengemüse und dazu die krossen Kroketten schmeckten wunderbar. Nach einem langen Mal-Tag genau das Richtige. Vielleicht kann man also Gnade walten lassen und das unaufgeforderte Verschicken von Essensbildern nicht komplett verbieten. Manchmal können sie durchaus motivierend wirken.

Everything X-Men | Comic Book Events (2/2)
Wie jeden Donnerstag sehen wir uns auch heute einen alten Text von mir an. Genauer gesagt einen Text, den ich im Rahmen des sogenannten Projektstudiums für mein Medienwissenschaftsstudium geschrieben habe. In diesem Projekt habe ich mich eingehend mit den X-Men-Comics beschäftigt. Die Texte habe ich damals in Englisch verfasst, möchte sie aber heute auf Deutsch präsentieren. Die initiale Übersetzung habe ich mit DeepL gemacht (inklusive der Zitate) und den Text anschließend redigiert.
Heute geht es mit dem zweiten und letzten Teil des Textes zu Comic-Book-Events weiter. Vergangene Woche ging es noch um die Geschichte von Events und um ein paar Beispiele. Dieses Mal gibt es eine Aufzählung, was meiner Meinung nach und nach Recherchen zu urteilen ein gutes Event ausmacht. Selbst heute, fast 10 Jahre später, finde ich es eine passende Liste.
Als Letztes sind erschienen:
- Was ist ein Mutant (Teil 1, Teil 2)
- X-Men First Class v1 (2007)
- Comic-Epochen (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5)
- Avengers Disassembled (Teil 1, Teil 2)
- House of M (Teil 1, Teil 2)
- Comic Book Events (Teil 1)
Was braucht ein gutes Event?
Die folgende Liste erhebt keineswegs den Anspruch auf Vollständigkeit. Noch muss jedes Event jeden Punkt erfüllen. Denn jede Geschichte ist anders, hat andere Voraussetzungen. Doch die Erfüllung zumindest einiger dieser Punkte ist ein guter Grundstein.
- So klein wie möglich, aber so groß wie notwendig
Das ist meine persönliche Regel Nr. 1 in Bezug auf Events. Egal, wie schlecht oder gut ein Event sein mag. Macht es nicht zu aufgebläht und bezieht nicht zu viele andere Titel mit ein. Pausiert sie von mir aus für die Dauer des Events. Marvel hat diese Regel mit »Secret Wars« und »Civil War« vor ein paar Monaten definitiv gebrochen.
Ich nutze Marvel Unlimited, um die X-Men-Titel für diese Textreihe zu lesen, und ich schaue mir gerne jede Woche die Neuzugänge an. Ich habe das Gefühl, dass seit Monaten fast alle neuen Titel etwas mit den oben genannten Events zu tun hatten. Das war frustrierend. Warum sollte ich einen dieser Titel lesen, wenn sie scheinbar etwas mit einem Event zu tun haben, das mich nicht interessiert? Ein anschauliches Beispiel ist etwa »Convergence« von DC von vor ein paar Jahren. Zwei Monate lang beherrschte dieses Event DC Comics. Danach war es vorbei damit. Ob es gut war oder nicht, spielt hier keine Rolle. Es geht mir nur darum, dass es in sich geschlossen war. Die Existenz dieses Events verdanken wir dem Umzug der Büros von DC von einer Küstenseite der USA zur anderen, aber das ist eine andere Geschichte. - Haltet es einfach und simpel
Damit meine ich die allgemeine Herangehensweise an die Geschichte selbst. Es kann eine komplexe, weltbewegende Geschichte sein oder etwas sehr Intimes, das ist mir grundsätzlich egal. Wenn jemand das Ereignis jedoch Jahre später liest und keine 25-jährige Beziehung zu den Figuren hat, sollte er oder sie dennoch in der Lage sein, die Prämisse und die Konsequenzen zu verstehen. »House of M« ist ein gutes Beispiel dafür. Ich habe vorher keine Avengers-Comics gelesen und erst vor Kurzem mit den X-Men angefangen, aber die emotionale Tiefe der Geschichte war trotzdem da. »Annihilation« von Marvel ist ebenfalls ein verständliches Beispiel. Es ist eine großartige, limitierte Serie mit spannenden Charakteren. Obwohl sie kosmisch ist und so groß wie ein Event nur sein kann, fiebert man mit den Kämpfen und den Charakteren mit. - Liefertermine einhalten
Marvel hat einige der Liefertermine früherer Events um Monate verpasst. Das ist ein absolutes No-Go. Natürlich können Künstler*innen krank werden oder andere Dinge dazwischenkommen, aber wenn man keinen Puffer hat, ist das selbst verschuldet. Nehmen wir das Event »52« von DC. Es war ein einjähriges Event mit wöchentlich neuen Ausgaben. Das sind 52 Ausgaben! Und sie haben keine einzige Woche verpasst. Das ist großartig. Andererseits ist der Veröffentlichungsplan von »Doomsday Clock« eine Katastrophe, und ich habe das Gefühl, dass dieses Event erst vorbei sein wird, wenn ich in Rente gehe. - Bitte macht keine Andeutungen wie: „WIRD DIESES EVENT DAS UNIVERSUM FÜR IMMER VERÄNDERN?“.
Manchmal hat man das Gefühl, dass Marvel und DC die Bedeutung des Wortes „für immer“ nicht kennen. Es bedeutet nicht, dass es zwei Monate anders ist, bevor man wieder zum alten Status quo zurückkehrt. Was mich an dem Event »Crisis on Infinite Earths« am meisten fasziniert hat, war die Tatsache, dass fast jede Rezension etwas in der Art schrieb: Die Auswirkungen des Events waren lang anhaltend oder sind bis heute spürbar. Das ist die richtige Verwendung von „für immer“.
Sehen wir uns Marvels »Battleworld« an. Ich lese regelmäßig Rezensionen und höre Podcasts, aber ich könnte nicht sagen, was mit »Battleworld« passiert ist. Mit einer neuen Erde, die von Doom neu erschaffen wurde, dachte ich, dass dies der neue Status quo sein sollte oder zumindest für ein paar Monate bestehen bleiben oder vielleicht ein neues Event auslösen würde. Was ist passiert? Ich habe keine Ahnung. - Den Charakteren treu bleiben
Den Charakteren und ihrer grundlegenden Motivation sollte man treu bleiben. Warum tun sie, was sie tun? Wenn ein Charakter wie Captain America einem Gegner gegenübersteht, den er nicht besiegen kann (was er ohne zu zögern tun würde, nur damit sich seine Freunde in der Zwischenzeit etwas anderes ausdenken oder sich ein Zivilist retten kann), dann lässt man dies zu. Vielleicht lässt man ihn sogar einen heldenhaften Tod sterben. Anscheinend sind »Green Lantern: Sinestro Corps War« und »Infinity Gauntlet« großartige Beispiele dafür.
Die Sache ist die: Wenn die Geschichte eines Helden erzählt werden soll, der auf die schiefe Bahn gerät, dann bleibt man dabei. Man sollte die Geschichte nicht mittendrin aufgeben und es sich anders überlegen. Hierzu dient Marvels »Shadowland« als Beispiel. Der Hauptcharakter der Geschichte sollte zu einer Art Bösewicht werden. Es gab Gründe für sein Handeln, es war glaubwürdig und nachvollziehbar. Aber in letzter Minute entschied man sich für eine andere Lösung und tat so, als sei er besessen gewesen. Warum? Nur, damit die Figur leichter wieder rehabilitiert werden kann? - Die Vergangenheit verändern
„Retconning ist in der Tat die wichtigste Methode, mit der Comic-Autor*innen die von Eco aufgezeigten ‚traumhaften‘ Probleme des seriellen Erzählens bekämpfen können, da es ihnen ermöglicht, die Vergangenheit der Figuren so umzuschreiben, dass sie dem Tod entkommen, dem sie durch jede Handlung unweigerlich entgegengehen. Retconning ist eine Überarbeitung des Comic-Universums, um dieses Universum für zeitgenössische Leser*innen frisch und spannend zu gestalten, aber es beinhaltet auch den Einfluss der Vergangenheit, da es sich direkt in diese Vergangenheit einschreibt“ (Friedenthal, 2011).
Es kann eine Herausforderung sein, immer wieder Geschichten von besonderer Bedeutung zu erzählen. Wenn es also im Moment keine originellen Ideen gibt, sollte ein Event nicht erzwungen werden, nur um ein bisschen mehr Geld zu verdienen. Ein Event muss auf verschiedenen Ebenen funktionieren und sich für die Leser*innen auszahlen. Denn einerseits muss man gewillt sein, in diese Geschichte zu investieren – nicht nur finanziell, sondern auch zeitlich. Andererseits muss man das Vertrauen der Leser*innen am Ende belohnen. Es ist sicherlich nicht leicht, eine Balance zu halten, sodass ein Event für langjährige Fans und frische Leser*innen funktioniert. Um Stan Lee zu paraphrasieren: Jedes Event kann von einem Leser oder einer Leser*in das erste sein. Sie verdienen das Beste. Denn sollte das Vertrauen weg sein, ist es sehr schwer, es sich wieder zu verdienen.
Oft denke ich: Erzählt einfach großartige Geschichten. Events sind nicht alles. Erzählt coole, abenteuerliche, intime, spannende Geschichten über die Charaktere, die wir lieben. Erschafft neue, führt unerwartete Team-ups herbei. Wenn man möchte, kann man im Hintergrund Andeutungen zu einem größeren Ganzen machen, so wie es seit Jahren bereits der Fall ist. Der Fokus sollte aber auf den monatlichen Geschichten liegen. Diese sind es, die eine Beziehung zwischen Schöpfer*in und Leser*in schaffen. Events sind der Bonus, der langjährige Treue belohnt.
Quellen:
- ign.com | The best comic book events
- ign.com | The worst comic book events
- ign.com | Crisis on infinite earths the absolute edition review
- mtv.com | The 11 biggest comic book events ever
- english.ufl.edu | Archive | Volume 6 | Issue 2 | Monitoring the Past: DC Comics’ Crisis on Infinite Earths and the Narrativization of Comic Book History by Andrew J. Friedenthal
Nicht wiederzuerkennen
Das Osterwochenende hat sich wunderbar dafür geeignet, um endlich mit »Lords of the Fallen« anzufangen. Dabei handelt es sich um ein Dark-Fantasy-Spiel mit starken Soulslike-Elementen. Das heißt, man kämpft sich durch harte Bosse und eine düstere Welt, wird aber ebenso mit diesen Herausforderungen belohnt und in eine dichte Atmosphäre gepackt. »Lords of the Fallen« erschien ursprünglich 2023, allerdings befand sich das Spiel in einem katastrophalen Zustand. Das Balancing war völlig aus den Fugen. Nicht nur was die Stärke der Gegner betrifft, sondern auch deren Menge und Platzierung innerhalb der Welt. Die Steuerung war nicht sehr präzise, Bosse zum Teil unfair und noch viele Kleinigkeiten mehr, die die Erfahrung mit dem Spiel sehr getrübt haben.
Ich habe die Disc, ich hatte es mir damals für die Xbox gekauft, die ich mittlerweile nicht mehr besitze, wieder zurückgeschickt, da es keine spaßige Erfahrung war. Stattdessen schaute ich die Videoreihe von Jokerface dazu, der sich bis zum Finale durchgequält hat. Und dieser Ausdruck passt hier wirklich besonders gut. Wenn man Jokerface regelmäßig verfolgt, lernt man seine berühmte Souls-Gelassenheit kennen. Schwere Bosse machen ihm Spaß zu lernen, und es muss schon viel passieren, dass ihn ein Spiel frustriert. Beim Schauen der Videos hat man gemerkt, dass die erste Version von »Lords of the Fallen« eine dieser frustrierenden Erfahrungen war. Doch jetzt, über 2 Jahre später, kann man das Spiel scheinbar tatsächlich genießen. Gut 80 Patches machen dies möglich.
Der Entwickler, CI Games SE, hat auf die Rückmeldungen der Spieler*innen gehört und nochmal kräftig nachgebessert. Wenn ich mich recht erinnere, war nach knapp einem Jahr die Werbekampagne darauf ausgerichtet, dass Version 1.5 die beste Version des Spiels ist (was nicht schwer sein sollte). Gut zwei Jahre nach Erscheinen des Spiels war es dann die Version 2.0, die die ultimative Edition von »Lords of the Fallen« darstellt. Und was soll ich sagen? Ich habe jetzt knapp 5 Stunden im Spiel verbracht und es ist kaum wiederzuerkennen.
Allein schon in den ersten Leveln erkennt man, dass die Gegnerdichte deutlich abgenommen hat. Teils sind sie immer noch zäh, aber man kann sie nun in Ruhe bekämpfen, ohne gleichzeitig von allen Richtungen beschossen zu werden. Man hat tatsächlich auch die Chance, sich in Ruhe umzusehen, wenn man ein Gebiet von den meisten Gegnern freigeräumt hat und nicht permanent gestresst wird. Der inzwischen vorhandene, dedizierte Sprung-Knopf macht die wenigen Parkour-Passagen erträglich, wenn nicht sogar unterhaltsam. Bosse wurden etwas umgestaltet, zumindest diejenigen, an die ich mich noch erinnern kann. Umbral, die Welt der Toten, ist ebenfalls nicht mehr so voller Stress und Chaos, sondern ein passender Teil der Spielwelt. Ich wage zu behaupten, »Lords of the Fallen« macht tatsächlich Spaß zu spielen.
Ich mag weiterhin keine Bosse, die mit Unterstützung kämpfen. Beispielsweise hatte ein Boss Hunde als Gehilfen, die auch immer wiederkamen, egal, wie oft man sie getötet hat. Der Boss schießt allerdings mit den Pfeilen, denen ich nicht ausweichen kann, wenn ich mit Hunden beschäftigt bin. Der Kampf hat keinen Spaß gemacht und war einfach nur frustrierend. »Lords of the Fallen« ist also bei weitem kein perfektes Spiel geworden. Es reicht weder an die Titel von FromSoftware noch an das fantastische »Lies of P« heran. Jedoch ist es um einiges unterhaltsamer geworden. Doch ein Aspekt stört mich, der vielleicht verhindert, dass ich es zu Ende spielen werde: das Color-Grading. Aber darüber reden wir ein anderes Mal.

Konsequent?
Ich frage mich manchmal, wie konsequent manche Menschen wirklich mit ihren Interessen und Hobbys sind. Damit meine ich, ob sie bei einem bleiben oder wie oft sie wechseln. Wir haben alle Verpflichtungen, denen wir nachgehen müssen. Sei es Beruf, Familie, Freunde, Vereine, sich regelmäßig sportlich zu betätigen, kochen, schlafen und so weiter. Das sind alles mehr oder weniger Dinge, die man machen muss. Vereine ausgeklammert, aber das zähle ich an dieser Stelle zu sozialen Kontakten, die man braucht. Am Ende des Tages bleibt dann meist ein kleines Fenster übrig, in dem man sich etwaigen sonstigen Dingen widmen kann. Von Gaming über Bücher hin zu den vielen Aspekten des Warhammer-Hobbys kann das alles sein – stricken, häkeln, Gartenarbeit – was auch immer Spaß macht und Freude bereitet.
Wenn man sich auf sozialen Medien umsieht, bei mir ist es hauptsächlich Reddit (und YouTube), kann schnell der Eindruck entstehen, dass sich viele für eine Sache entscheiden und das zum Fokus machen. Die Realität sieht oft allerdings anders aus. Es gibt Phasen, die man durchmacht, die Jahreszeiten können eine Rolle spielen oder wie viel Zeit im aktuellen Lebensabschnitt übrig bleibt, um sich der Sache zu widmen, für die man sich entschieden hat. Ich frage mich manchmal, ob das etwas Schlechtes ist oder etwas Gutes oder ob man das überhaupt bewerten sollte. Vielfältige Interessen machen Menschen spannend. Wenn jemand leidenschaftlich über etwas redet, hört man gerne zu.
Beispielsweise haben über 10 Jahre lang Comics meine Freizeit dominiert – hauptsächlich amerikanische Comics, auch wenn ich gelegentlich Mangas und andere Arten von comic-haften Erzählungen in der Hand hatte. Ich habe, so viel ich konnte, gelesen, darüber geschrieben, Bücher konsumiert, Rezensionen, Artikel und Essays gelesen sowie Podcasts gehört. Ich habe mich nicht nur mit den Geschichten beschäftigt, sondern auch mit der Geschichte von Comics an sich, bin in die Metaebene abgetaucht und habe sie von unterschiedlichsten Perspektiven betrachtet. Doch heute ist dieses Interesse weg und ich kann gar nicht sagen, wann ich das letzte Mal einen Comic gelesen habe. Vielleicht kommt das Interesse wieder, vielleicht bleibt es aber auch eine spannende Phase, die ich nicht vermissen möchte, die jedoch vorbei ist.
Gaming ist ein anderes Ding, dem ich gerne nachgehe. Mal spiele ich sehr viel, mal eher weniger. Aktuell ist es eher Warhammer und das Zusammenbauen sowie Bemalen der Figuren. Sport nimmt jetzt im Frühjahr auch wieder mehr Platz ein, als es noch im Winter der Fall war. Das ist auf jeden Fall von den Jahreszeiten abhängig. Ich beobachte es tatsächlich sehr gerne, wie sich die Interessen mit der Zeit verändern. Nicht nur innerhalb eines Jahres betrachtet, sondern über das Leben hinweg. Denn mit Sicherheit spielt auch das Alter eine Rolle. Manches begleitet uns ein Leben lang, anderes ist vielleicht nur eine Phase, egal wie lang diese dauern mag. Wieder anderes entdecken wir vielleicht nach einer längeren Pause erneut und können uns gar nicht mehr vorstellen, wie wir das Interesse je verlieren konnten.
Unsere Zeit auf diesem Planeten ist begrenzt, und es ist spannend, zu beobachten, wie wir diese nutzen. Es sagt etwas über uns aus, über unsere Prioritäten. Es spielen aber nicht nur intrinsische Faktoren eine Rolle, auch externe Einflüsse prägen uns – manche versuchen, so lange wie möglich unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Vielleicht muss man aber auch nicht zu viel hineininterpretieren. Manchmal hat man einfach nur Lust, coole Figuren zu bemalen.

Lokaler Jetlag
Normalerweise ist mir die Zeitumstellung relativ egal. Die meisten Uhren stellen sich automatisch um – nur Ofen, Auto und eine analoge Uhr in der Küche muss ich noch per Hand auf die Sommerzeit einrichten. Oft läuft es so ab, dass ich sowieso früh ins Bett gehe, und von daher ist die eine Stunde mehr oder weniger nicht unbedingt von großem Einfluss. Dieses Jahr habe ich mir allerdings schwerer getan als sonst. Nicht nur in der Nacht von Sonntag auf Montag, sondern auch in der Nacht auf Dienstag hatte ich große Einschlafprobleme. Ich höre zum Einschlafen immer den wunderbar entspannenden Podcast »Sprechkabine«, aber auch der hat nicht geholfen. So hatte ich in der ersten Nacht weniger als 5 Stunden Schlaf und in der zweiten weniger als 4.
Eine kurze Nacht ist nichts Tragisches, die stecke ich normalerweise gut weg. Doch zwei Nächte fangen langsam an, ihre Auswirkungen zu zeigen. Vorteil ist natürlich, dass man irgendwann so erschöpft ist, dass die erholsame Nacht nur eine Frage der Zeit ist. Um diese Zeit allerdings so weit wie möglich zu verkürzen, kann man ein paar Dinge machen. Am Dienstag habe ich einen entspannten Spaziergang unternommen und eine Pause vom Training eingelegt. Außerdem habe ich etwas früher mit dem Bemalen von Warhammer-Figuren aufgehört. Dafür verwendet man im Allgemeinen Tageslichtlampen und wenn diese bis kurz vor dem Bettgehen am Gesicht vorbeistrahlen, ist das vielleicht auch nicht gerade förderlich. Dann noch etwas lesen und alles aufschreiben, was im Kopf herumgeistert, und die erholsame Nacht war zum Greifen nahe.
Ich fand es spannend, dass es mir dieses Jahr so sehr aufgefallen ist, mich auf die neue Zeit einzurichten. Aber eine Stunde kann große Auswirkungen haben, da sie nicht nur mit Tageslicht, sondern auch mit Verhaltensweisen, Gewohnheiten und vielem mehr zusammenspielt. Mal sehen, ob mir die nächste wieder leichter fällt oder ebenfalls Auswirkungen hat. Doch meine Vermutung ist, dass die Umstellung auf die Sommerzeit eher spürbare Auswirkungen hat als die Umstellung auf die Winterzeit. Aber das ist nur eine Theorie.
Endlose Kämpfe in Silksong
Es ist vollbracht. Ich habe »Silksong« beendet. Dieses grandiose, manchmal nervige, furchtbar schwierige und knallharte, aber doch mit einer gefühlvoll erzählten Geschichte ausgestattete Spiel ist nach knapp 60 Stunden zu Ende. »Silksong« ist Metroidvania und Soulslike zugleich. Von anspruchsvollen Parkour-Passagen über lang gezogene Bosskämpfe und schier endlosen Gegnerwellen bekommt man hier einiges geboten. Das Spiel ist aufgeteilt in drei Akte. Wobei der Dritte erst nach dem „geheimen“ Ende freigeschaltet wird und vollkommen optional ist. Die Anforderungen, das geheime Ende zu erreichen, sind hart. Aber zurück zum Anfang.
Die ersten beiden Akte habe ich innerhalb kurzer Zeit durchgespielt. Es waren viele Höhepunkte dabei. Von den wunderbaren Charakteren (allen voran Sherma und Shakra) über die mit viel Liebe zum Detail gestaltete Welt von »Silksong«: Pharloom. Man wird immer wieder motiviert und durch neu entdeckte Geheimnisse angespornt, weiterzusuchen und weiterzumachen. Die Steuerung ist präzise, aber es werden bei so manchen Bossen kleinste Fehler hart bestraft. Nach zwei Akten und einem fulminanten Finale scheint man das Spiel verstanden zu haben. Doch dann kommt Akt 3 und zieht den Schwierigkeitsgrad noch einmal ordentlich an. Bosse haben schier endlose Lebensleisten und möchten einfach nicht untergehen. Das hat dazu geführt, dass ich ein paar Wochen Pause brauchte.
Schließlich habe ich mit einem neuen Speicherstand von vorne angefangen und die ersten beiden Akte durchgespielt und alles gemacht, was bis zu diesem Punkt möglich war. Grund dafür war auch, dass ich für das kommende DLC bereit sein möchte. Je nachdem, wo es anknüpft – vor Beginn von Akt 3 oder danach. Dann hat es mich aber doch noch einmal gereizt, das Spiel endlich zu beenden, und ich habe meinen ersten Speicherstand geladen. Die Pause und das erneute Durchspielen der ersten zwei Drittel haben gutgetan. Ich fand mich besser zurecht, manövrierte mich geschickter durch die Welt und habe erst einmal Aufgaben erledigt, um die Protagonistin Hornet besser auszurüsten, stärker zu machen. Dann ging es an die Bosse.
Die unterschiedlichen Biome des Spiels trumpfen noch einmal richtig auf. Die darin befindlichen Bosse in Akt 3 sind abwechslungsreich, großartig designt und perfekt in ihre Umwelt integriert. Aber diese verdammten Lebensleisten. Es gibt nämlich keine. Das ist Fluch und Segen zugleich. Man haut einfach so lange auf Bosse drauf, bis sie erledigt sind. Doch in Akt 3 wollen sie partout nicht fallen. Man hat die Kämpfe verstanden und trotzdem gehen sie noch minutenlang weiter. Der zweite Kampf mit Trobbio beispielsweise ist visuell schon anstrengend, da sehr viel am Bildschirm passiert. Man weicht aus, schlägt in den richtigen Momenten zu, bleibt ruhig und das Ende scheint zum Greifen nah. Doch dann geht der Kampf noch länger, man macht die ersten Fehler und diese werden oft so hart bestraft, dass man stirbt und vorne beginnen muss. Gleiches gilt für Skarrsinger Karmelita oder den letzten Boss des Spiels. Die Kämpfe gehen zu lang. So wird es schnell nervig und frustrierend.
Doch eines muss ich dem Spiel zugutehalten. Es hat mir nicht nur beigebracht, bei diesen Kämpfen dranzubleiben, sondern vor allem, ruhig zu bleiben. Manchmal einfach nur dastehen und warten, was die Gegnerin macht. Nicht hektisch herumrennen und draufhauen, sondern reagieren, statt immer nur zu agieren. Es hat lange gedauert, bis ich diese Lektion verstanden habe, und es kostet einige Mühe, wenn am Bildschirm viel passiert, nichts zu tun. Aber es zahlt sich aus. Man durchschaut Muster schneller und sieht die Fenster zum Zuschlagen besser. Das ist sicherlich etwas, das ich in andere Soulslikes mitnehmen kann. Dennoch war es eine hart erlernte Lektion und ich hoffe nicht, dass das DLC damit aufwartet, es noch einmal schwieriger zu machen.
Ich bin sehr froh, »Silksong« nicht nur gespielt, sondern es auch bezwungen zu haben. Jeder Boss, jeder Gegner, wurde erledigt, das »Hunter’s Journal« ausgefüllt und einige mehr Trophäen erspielt. Ob ich mich hier auch an Speedruns und den »Steel-Soul-Mode« heranwagen wie beim Vorgänger »Hollow Knight«, wage ich noch nicht zu sagen. Erst einmal mache ich eine Pause vom Spiel und genieße den Sieg über den finalen Boss. Ich werde aber sicherlich irgendwann nach Pharloom zurückkehren. Spätestens mit dem DLC »Sea of Sorrow«.
Thema für eine Titelseite?
Ich bin enttäuscht. Eigentlich bin ich großer Fan des Falters. Es ist eine österreichische Wochenzeitung, die durch qualitativen, hochwertigen Journalismus besticht, unaufgeregt Fakten berichtet und immer wieder wichtige Themen aufdeckt; sie überhaupt erst ans Tageslicht bringt. Manchmal ist aber auch Kritik angebracht und notwendig. Oder zumindest ein Nachdenken, ob es notwendig war, auf diese Art und Weise über etwas zu berichten. Ich spreche in diesem speziellen Fall von der Ausgabe vom Mittwoch, 01.04.2026, und der Titelgeschichte: »Die Beichte des „Pedo-Hunter“«.
Darin berichtet ein ehemaliger Angehöriger der rechten Szene, wie es ist, in dieser Blase der Gesellschaft zu existieren. Anfangs als Impfgegner einzuordnen, rutschte er schnell in die rechte Szene ab und verwaltete schließlich Telegram-Gruppen. Diese ermöglichten es anderen, sich zu organisieren und Jagd auf queere Menschen zu machen. Sich online mit ihnen verabreden und sie dann niederschlagen, quälen, erniedrigen, geradezu foltern. Für den Großteil der Menschen, die in das heterosexuelle Spektrum fallen, sind solche Nachrichten eine Randnotiz. Meldungen, die irgendwo auf den Nachrichtenseiten vorkommen oder abgedruckt werden, die aber schnell vergessen werden, nachdem man sich gedacht hat: krass, wie schlimm.
Aber für queere Menschen ist das ein dauerhaftes Thema; etwas, das im Hinterkopf mitschwingt. Genauso wie wir hellhöriger sind für unterschwellige homophobe Bemerkungen, die am Großteil der Bevölkerung einfach so vorbeigehen, die sich nicht damit beschäftigen muss. Bemerkungen, die wir aber sehr wohl wahrnehmen und dann mit uns herumtragen. „Homophob“ ist übrigens ein Begriff, den ich nicht mag, da er eine simple Angst unterstellt. Es gibt Sexismus, Rassismus, aber gerade bei Gewalt jeglicher Art gegen queere Menschen wird von Phobie gesprochen, wie bei Spinnen. Der Phobie-Begriff schwächt die Taten und Ansichten dahinter, meiner Meinung nach zu sehr, und stellt sie als kleines Delikt hin. Aber ich schweife ab. Was die Nachrichten anbelangt, habe ich beispielsweise den Newsletter von queer.de abonniert, wo jeden Tag ein Überblick über alle Nachrichten angeboten wird, die die LGBTQIA+-Community betreffen. Dass es natürlich nicht nur positive Nachrichten gibt und die schlechten, bedrohlichen und beunruhigenden Nachrichten in den vergangenen Monaten und Jahren mehr wurden (ein Gefühl, das ich nicht mit Zahlen belegen kann), muss ich wohl nicht extra erwähnen.
Jetzt landet also jemand, der mutmaßlich dafür mitverantwortlich ist, dass rechte Selbstjustizler auf Menschen wie mich Jagd machen, auf der Titelseite des Falters. Ich halte es für wichtig, dass über solche Menschen berichtet wird und Aussteiger wie dieser Unbekannte sich hervortun, um das System hinter den Angriffen aufzudecken. Er spricht auch ein wichtiges Thema an: dass es in Österreich scheinbar keine Institutionen gibt, an die sich Aussteiger wenden können, oder die das überhaupt fördern. Wusste ich nicht und ist eine große Lücke, die schnellstmöglich geschlossen werden muss. Auf der anderen Seite ist die Person nicht bereit, das System, in dem sie unterwegs war, komplett auffliegen zu lassen. Kommentare unter dem entsprechenden Artikel im Standard haben darauf aufmerksam gemacht, ob sich dieser Unbekannte vielleicht nur mit dem Gericht gutstellen will, indem er sich gemeinnützig bei den RosaLila PantherInnen in Graz aktiv zeigt. Das kann man natürlich aus einem Bericht heraus nicht beurteilen, Skepsis ist allerdings angebracht.
Mir geht der Artikel im Falter allerdings nicht weit genug oder er ist zu einseitig und lässt Themen aus, die ich bei einem solchen Text gerne sehen würde. Glückwunsch, jemand hat herausgefunden, wie man ein normales, mitfühlendes menschliches Wesen ist, das die eigenen Aggressionen nicht an anderen Menschen auslässt – wobei er angeblich nicht an den Gewaltakten dabei war. Trotzdem ist diese Erkenntnis keine Leistung, sondern sollte der Standard sein. Dafür auf die Titelseite zu kommen, ist mir zu billig. Überhaupt empfinde ich es als kritisch, wenn nur über Täter berichtet wird. Ich mag auch die Serien auf Netflix und Co. nicht, die sich allein mit den Tätern beschäftigen. Was ist diese perverse Begeisterung für die Täter? Besonders in einem Text wie diesem sollte man doch andere Fragen stellen: Wie leben die Opfer nach den Angriffen? Wie geht man als queerer Mensch mit der Angst um, vielleicht der oder die Nächste zu sein? Wie kann man solchen Attacken vorbeugen? Welche Strategien gibt es? Wo können sich Aussteiger melden? Sind die RosaLila PantherInnen in Graz wirklich so offen oder haben sie auch Bedenken, dass jemand wie der Unbekannte bei ihnen aktiv werden möchte? Ich kann diese Fragen nicht beantworten, aber ein unabhängiges journalistisches Medium könnte sich damit beschäftigen und recherchieren.
Mir fehlt natürlich der journalistische Abstand, um das Thema nüchtern betrachten zu können, allerdings sehe ich viele Probleme bei der Aufbereitung des Textes. Ihn einfach nur so stehenzulassen, ist für mich keine Titelseite wert. Allein schon, dass „Pedo-Hunter“ auf der Titelseite prangt. Es schockiert und soll dazu führen, dass die Zeitung gekauft wird, schon klar. Und der Begriff ist in Anführungszeichen gesetzt, toll. Im Artikel selbst wird auch erwähnt, dass die Täter (gendern ist an dieser Stelle wohl nicht notwendig) Homosexuelle, Dragqueens und Co. auf dieselbe Stufe stellen wie Pädophile. Aber auch hier werden mir die Begriffe zu wenig differenziert und erklärt. Die falschen Vorurteile und verdrehten Weltbilder müssten meiner Meinung nach besser herausgestellt werden.
Vielleicht schicke ich diesen Text hier an den Falter, vielleicht sehe ich das Thema zu emotional – ich weiß es nicht. Der Artikel an sich ist okay und vielleicht wäre er mir weniger sauer aufgestoßen, wäre er irgendwo mittendrin vorgekommen. Aber so hätte ich gerne eine bessere Einordnung gesehen und dass der Täter nicht dermaßen im Zentrum steht. Wie gesagt, die Erkenntnis »Menschen jagen ist schlecht« verdient keine Medaille und mit Sicherheit auch keine Titelseite auf einer ansonsten hervorragenden Wochenzeitung.

Der Diktator
Demnächst sind in Ungarn Wahlen. Im Zuge dessen gab es eine schöne Folge von »Last Week Tonight« mit John Oliver, in der sie sich Viktor Orbán gewidmet haben. Es ist ein Rundumschlag, wie er an die Macht kam, wie er diese gesichert hat und warum es so schwer ist, ihn loszuwerden. Wir müssen nur einmal gewinnen, soll so ein Spruch gewesen sein, der immer wieder die Runde machte. Beängstigend, und nun verstehe ich auch, warum Ungarn eine Art Blaupause ist, an der sich andere angehende Autokraten und Diktatoren orientieren. Ungarns Oberhaupt hat vorgemacht, wie man sich nicht nur Macht sichert, sondern sie immer weiter ausbaut.
Im Zuge der Folge habe ich mein neues Lieblingsvideo entdeckt. Ein Ausschnitt, der bereits 10 Jahre alt ist. Darin sieht man den ehemaligen Präsidenten der Europäischen Union, Jean-Claude Juncker, wie er Orbán begrüßt. Er bezeichnet ihn offen als Diktator und verpasst ihm eine mehr oder weniger ernste Ohrfeige. So sollte man zukünftig bitte generell Autokraten, Diktatoren und alle, die es werden wollen, begrüßen.
- YouTube | euronews | ‚Here comes the dictator‘ Juncker’s cheeky welcome for Hungarian PM