Eigentlich sollte ich gerade in Berlin auf dem Weg zur Philharmonie sein und mir ein klassisches Konzert mit zwei Freunden ansehen, doch stattdessen sitze ich zu Hause in Österreich und genieße eben hier mein verlängertes Wochenende. Was kam dazwischen?
Ein Streik der Deutschen Bahn. Sarkastischer Weise könnte man jetzt behaupten oder infrage stellen, was genau der Unterschied ist zwischen einer streikenden Bahn und einer „normal“ funktionierenden, schlussendlich wahrscheinlich nicht sehr viel, doch das wäre gemein. Ich muss zugeben, etwas im Zwiespalt mit mir selbst zu sein, was dieses Thema anbelangt, immerhin war ich selbst dieses Jahr schon bei einem Streik von ein paar Stunden beteiligt. Warum also sollten die Mitarbeiter*innen der Bahn nicht das gleiche Recht haben, um uneinsichtige, weltfremde Manager*innen von ihren Forderungen zu überzeugen?
Andererseits fügt man unschuldigen Menschen sehr viel Schaden zu. Ich kam beispielsweise so nicht nach Berlin und bleibe auf meinen Konzertkosten und den Kosten für den Flug nach Hause sitzen. Zwar werde ich versuchen, etwas bei der Bahn an Gutschein oder dergleichen herauszuholen, doch die Antwort wird die gleiche sein wie beim letzten Mal: nope.
Natürlich etwas ausformulierter und um gute Gründe ringend, richtig, aber an der Tatsache ändert es trotzdem nichts. Produzierende Branchen schaden eigentlich nur ihren eigenen Firmen und senden ihrem Management ein Signal. Bei Dienstleistungen sind sehr viele Menschen betroffen, die eigentlich nichts damit zu tun haben. Abertausende Menschen sitzen irgendwo fest oder kommen nicht an ihr Ziel, weil jemand seine Arbeit niederlegt. Die indirekten Kosten und Schäden, die damit angerichtet werden, steigen ins Unermessliche. Und da sind nicht einmal die eventuellen psychischen Auswirkungen eingerechnet, je nachdem, was der Grund für Reisen ist und welche Auswirkungen ein nicht Antreten der Reise oder ein Festsitzen haben können.
Wie zuvor erwähnt, ich stehe im Zwiespalt, ob ich es gut finde oder nicht. Das Prinzip des Streiks unterstütze ich aber. So ist immerhin die Signalwirkung eine große, aber ob es wert ist, auf so vielen Schultern diesen Kampf auszufechten, muss sich erst noch herausstellen.
In Gewerkschaften sollten sich dennoch so viele Menschen wie möglich organisieren, da man so mehr Macht und Druck ausüben kann. Besonders gut sieht man das gerade am Beispiel von Tesla in Skandinavien. Tesla will eine Gewerkschaftsbildung verhindern, jetzt setzen sich andere, bereits organisierte Branchen für die Mitarbeiter*innen ein. Die Gebäude werden nicht mehr gereinigt, die Post nicht mehr zugestellt und in Finnland, Schweden und ich glaube sogar in Dänemark und Norwegen blockieren die Hafenarbeiter*innen die Lieferungen von Tesla. Ganz davon abgesehen, dass man einem bestimmten Menschen, dessen Namen ich nicht in den Mund nehmen will, schadet, zeigt es sehr deutlich, was eine gut organisierte Gesellschaft bewirken kann.