Vor ein paar Tagen habe ich ein wenig über das Thema Selbstwahrnehmung philosophiert (Das Selbst im Spiegel). Nicht gerade ausführlich, aber so als kleiner Gedankenansatz fand ich die Idee spannend.
Das hat mich dann auf ein anderes Thema gebracht, bei dem man sich eigentlich keine, bis wenige Gedanken macht. Die täglichen Fotos, die wir erstellen, entsprechen eigentlich kaum der Realität. Die eigene Wahrnehmung der Situation, was man gesehen und gehört, gerochen oder mit wem man sie erlebt hat – sie sind immer anders als die abgebildeten Pixel. Ein Foto kann nie mehr sein als eine Art Trigger, um ein etwas zu inflationär gebrauchtes Wort einzustreuen, für Erinnerungen. Ein Auslöser, der uns hilft und dabei unterstützt, sich besser in die vergangene Situation hineinzuversetzen.
Das trifft dieser Tage vielleicht sogar mehr zu, als noch vor ein paar Jahren. Denn jedes Foto, das mit einem Smartphone geschossen wird, wird immer durch vielerlei Berechnungen optimiert. Es wird durch Prozessoren gejagt und überarbeitet, bevor es überhaupt in der Fotobibliothek landet. Vielleicht erstellt das Smartphone sogar dutzende Bilder gleichzeitig mit unterschiedlichsten Beleuchtungsstufen und mischt diese zusammen, sodass am Ende ein bestmögliches Ergebnis erzielt wird. Doch was ist dieses Ergebnis? Ganz davon abgesehen, dass die subjektiven Ebenen und Ansichten, die wir in dem Moment haben, sowieso nie wirklich abgebildet werden können. Versteht mich nicht falsch, es ist eine wunderbare Technologie und ich weiß es zu schätzen, Momente und Augenblicke jederzeit festhalten zu können. Allerdings sollte man sich hin und wieder bewusst machen, dass diese Fotografien auch immer eine Interpretation des Smartphones und des darauf laufenden Betriebssystems sind.
Ein Beispiel ist das unten angehängte Bild. Ich war mal wieder mit Freund J. in Salzburg unterwegs und da es ein sonniger Tag werden sollte, wanderten wir über den Mönchsberg. Die Sonne blieb zwar weitgehend von Wolken verdeckt, aber trotzdem war es eine tolle kleine Wanderung über einen der Stadtberge. Dabei haben wir unter anderem festgestellt, dass der Reinberg mal erklommen werden will, da wir das bisher noch nie in Betracht gezogen bzw. versäumt haben.
Jedenfalls war ein Ziel der Wanderung der Aussichtspunkt Richterhöhe, von dem man einen wunderschönen Blick über die Stadt und zu den Bergen am Horizont hat. Auf dem Weg dorthin sahen wir ein Flugzeug vom Flughafen aus starten. Es sah beeindruckend aus, wie sich dieses tonnenschwere Gefährt aus Metall immer weiter in die Höhe kämpfte und über den Häusern aufstieg. Es flog in Richtung Untersberg und der Blickwinkel von dem Weg aus war perfekt. So wirkte es fast so, als würde die Unterseite des Flugzeugs nur knapp der vordersten Spitze des Berges entwischen.
Das alles dauerte ein paar Sekunden, vielleicht etwas mehr als eine Minute, wenn es hochkommt. Die hervorstechenden Häuser der Stadt, die dunklen grau-blauen Wolken, gepaart mit dem Bergrelief und dem Flugzeug, das sich gegen die Gravitation stemmte, hat mich gefesselt. Es ist einer dieser speziellen, kleinen Momente, die leicht zu verpassen sind, wenn man nicht acht gibt. Im Eifer des Gefechts habe ich zwei Bilder gemacht, beide sehen sehr ähnlich aus. Aber sie verblassen, ob der beeindruckenden Kraft der Erinnerung.
In ein paar Jahren, wenn mir die iCloud Fotobibliothek dieses Bild hochspült, aus irgendwelchen algorithmischen Gründen, und ich das kleine Flugzeug am Horizont erblicke, erinnere ich mich vielleicht doch wieder an diesen einen besonderen Moment. Und damit an einen fantastischen Tag. Das Betätigen des Auslösers kann die Zeit überdauern und uns helfen, den Moment zu erinnern, so wie er vielleicht wirklich war – oder zumindest sich der Realität anzunähern.
