Throwback Thursday: Call Me By Your Name von André Aciman

Letzten Donnerstag haben wir uns an dieser Stelle einen alten Text von mir angeschaut, in dem es um das Buch Der Tod in Venedig geht. Heute blicken wir zurück auf den 21. März 2018. An dem Tag habe ich auf meinem damaligen Blog geek-planet eine Rezension zu Call Me By Your Name von André Aciman veröffentlicht. Darin referenziere ich Thomas Manns Buch, da es durchaus gewisse Parallelen gibt, die ich im Text anspreche.

Außerdem ist seit Ende Februar der zweite Teil von Dune in den Kinos, wo Timothée Chalamet die Hauptrolle spielt. Auch in der Verfilmung von Call Me By Your Name spielt er neben Armie Hammer eine der beiden Hauptrollen. Also gleich noch ein Grund, sich wiederholt mit dem Buch zu beschäftigen.

Die Ansichten, die ich zu dem Buch beschreibe, sind heute noch genauso wahr wie damals. Dazu hat sich meine Einstellung nicht geändert. Eher das Gegenteil. Ich mag es heute noch queere coming-of-age Geschichten zu lesen, wo ich mich selbst und meine Lebensrealität wiederfinde. Repräsentation ist wichtig. Diversität ist wichtig. Wo die Homosexualität der Charaktere als etwas Normales dargestellt wird und nicht unbedingt ins Zentrum der Geschichte und deren Konflikte gerät. Sondern, wo es um komplexe Charaktere geht, die mehr sind, als nur diese eine Eigenschaft. Es ist ein feiner, aber bedeutsamer Unterschied. Bei coming-of-age Geschichten ist das vielleicht schwieriger darzustellen oder seltener anzutreffen. Call Me By Your Name bekommt den Spagat allerdings hervorragend hin.


Buchverfilmungen bieten ein breites Spektrum an Qualität, unabhängig, wie gut die Vorlage sein mag. Deshalb lese ich vor deren Sichtung gerne das dazugehörige Buch oder den Comic. Zum einen, weil ich dadurch mehr von den Charakteren, ihren Handlungen und Motiven erfahre und sich die geneigten Leser*innen so besser in diese hineinversetzen können. Zum anderen, weil es interessant ist zu sehen, welchen Kern sich die Macher für den Film herausgepickt haben. Bücher sind ein fantastisches Medium, aber meist nicht dazu geeignet, nur einen Film daraus zu machen. Es passiert entweder zu viel darin oder, wie im Falle von Call Me By Your Name, werden die Gedanken und Gefühle des Protagonisten sehr detailliert wiedergegeben. Wenn der Film nicht gerade mit permanentem Voice Over experimentieren will, ist solch eine Tiefe für einen Film fast nicht zu schaffen. Die Schauspieler*innen müssen es schaffen, die inneren Konflikte und Gedanken dem Publikum über Mimik und Gestik mitzuteilen.

Was beim aktuellen Beispiel dann noch hinzukommt, ist die Wahl der Perspektive. Denn Call Me By Your Name ist aus der Ich-Perspektive des 17-jährigen Elio erzählt. Er und seine Familie wohnen in Italien. Sie verbringen jeden Sommer dort und nehmen für sechs Wochen einen Sommergast auf. Diese genießen das abgeschottete Dasein und nutzen die Ruhe, an ihren künstlerischen, kreativen Projekten zu arbeiten. Die Italienischkenntnisse können natürlich ebenso vertieft werden. So kommt es, dass der 24-jährige Oliver Elios Welt auf den Kopf stellen sollte.

Wo genau die Handlung sich abspielt, wird nie so ganz klar, genauso das Jahr. Nur an einer Stelle wird es nebenbei angedeutet. Ansonsten ist es eine zeitlose Geschichte, die sich voll und ganz auf die Charaktere konzentriert. Sie und ihre Erlebnisse, ihre Gefühlswelten und wachsende Liebe stehen im Vordergrund. Natürlich wissen wir nur, was Elio wirklich empfindet. Von ihm bekommen wir erzählt, was er denkt, dass Oliver wohlfühlen mag und empfindet. Sein Verhalten bekommen wir ebenfalls nur über die Sichtweise des Erzählers mit, wie Oliver zu den anderen steht und mit welchen (Neben)Charakteren er sich umgibt. Lange habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie ich die Einzigartigkeit beschreiben soll, die Call Me By Your Name ausmacht, und bin, denke ich, auf einen Vergleich gestoßen, der den Roman gut einordnet.

In gewisser Weise ist Call Me By Your Name die Anti-These zu Ein Tod in Venedig, welches ich Anfang des Jahres gelesen habe. Darin ist der Protagonist, der sein Leben lang versteckt gelebt hat und seinen Gefühlen nicht nachgeben wollte/konnte, dazu verdammt, passiv einem Jungen nachzustellen, der ihn in den Wahnsinn treibt. Wie die tragische Geschichte interpretiert werden könnte, habe ich in einem eigenen Review genauer beschrieben. Elio dagegen ist jung, bekommt eine ähnliche Möglichkeit geboten, wie Aschenbach in Manns Erzählung; weiß damit zwar auch nicht so recht umzugehen, doch wagt schließlich den ersten Schritt, auf den Älteren zuzugehen.

Doch zwischen der ersten Begegnung und dem ersten Kuss vergeht so einige Zeit. Denn Elio macht sich sehr, sehr viele Gedanken über sein Ziel der Begierde. Mehr als ihm guttut. Allein darin steckt schon so viel Weisheit und so viele Lektionen, die man sich zu Herzen nehmen sollte. Elio leitet aus dem Verhalten eines für ihn völlig Unbekannten ab, wie sich dieser fühlt und was dieser empfindet. Dabei stellt sich oft heraus, dass er einfach falschliegt. Ohne Oliver zu fragen, weiß er einfach nicht, was in diesem vorgeht. Interpretationen sind immer von Ängsten und Sorgen, Hoffnungen und Sehnsüchten verfälscht. Darin liegt der große Spannungsbogen des ersten Teils, denn Elio steigert sich selbst so sehr in seine Interpretationen und Wahrnehmungen hinein, dass man als Leser*in einfach mitgerissen wird. Man kann nichts dagegen machen. Dafür sind die Formulierungen und Metaphern, Anspielungen und Referenzen zu gut umgesetzt, als dass man sich ihnen erwehren könnte.

Oft hat mich überrascht, in welchem Detail der Autor André Aciman die Beziehung zwischen Oliver und Elio beschreibt. Damit habe ich einfach nicht gerechnet. Es ist aber eine schöne Abwechslung. Doch dies unterstreicht teils die verwirrte Gefühlswelt von Elio und zu welchen Taten er sich selbst hinreißen lässt. Wie sehr er sich von diesem einen Mann vereinnahmen lässt. Seine Besessenheit ist manchmal nur schwer von seiner Liebe zu trennen.

Ähnlich zu Der Tod in Venedig hatte ich beim Lesen oft das Gefühl etwas zu verpassen, weil einfach so viel in den Szenenbeschreibungen steckt – in den Bildern, die vermittelt werden und in den Gefühlen, die die Protagonisten zeigen. Es werden so viele Bücher, Gedichte und klassische Musikstücke referenziert, dass man diese lesen müsste, um sich danach nochmals Call Me By Your Name zu widmen, damit dieses Buch seine emotionale Wucht vollends ausschöpfen kann. Doch selbst dann bleibt vieles ungeklärt und der Interpretation der Leser*innen überlassen. Es ist erfrischend, dass Aciman nicht alles erklärt und jedem einzelnen Gefühl auf den Grund geht. So bleibt es nahbar und man muss sich selbst Gedanken dazu machen.

Call Me By Your Name ist nicht nur eine Geschichte über die Liebe zwischen zwei Männern, sondern geht weit darüber hinaus. Das Setting, die Charaktere und die Zeitlosigkeit greifen wie Zahnräder perfekt ineinander und ziehen einen in diese außergewöhnliche Welt hinein. Klare Leseempfehlung.