Vergangenes Wochenende habe ich Boyfriend Material von Alexis Hall gelesen. Nachdem sich dieses Buch und der Nachfolger Husband Material schon seit längerer Zeit auf meinem Kindle befanden, wurde es Zeit, diese in Angriff zu nehmen. Außerdem habe ich zwischen all den Science-Fiction-Büchern, die ich in letzter Zeit gelesen habe, etwas Bodenständigeres gebraucht. Zudem wollte ich etwas lesen, wo schwule Personen und queere Charaktere im Allgemeinen vorkommen – auch als Protagonisten.
Repräsentation in verschiedensten Medien und Lebensbereichen ist wichtig. Für die breite Gesellschaft macht es die Themen, Personen und Identitäten zu etwas allgegenwärtigen und nahbaren. Für mich bedeutet es, mich selbst und meine Lebensrealität wiedergegeben zu sehen. Leider sind schwule Charaktere in populären Franchisen meist zu Nebenrollen verurteilt, wenn sie überhaupt vorkommen. Aber zum Glück gibt es genug Autor*innen, die bei verschiedensten (Indie) Publishern gute Geschichten und Bücher veröffentlichen, die auf verschiedenste Weise die unterschiedlichsten Lebensrealitäten abbilden. Genauso gibt es Plattformen wie WebToon oder Tapas, auf denen Künstler*innen ihre (Web)Comics so veröffentlichen können – genau nach der Idee, wie sie es wollen. Auch davon werde ich in den nächsten Monaten einige vorstellen.
Alexis Hall war mir schon länger ein Begriff und die Bücher (vor allem Boyfriend Material) kommen immer wieder in Bestenlisten vor. Nachdem ich nun das erste Buch selbst gelesen habe, kann ich mich dieser Meinung nur anschließen. Von der ersten bis zur letzten Seite haben mich die Charaktere von Boyfriend Material gepackt. Die Geschichte ist trotz der Länge von über 400 Seiten dicht geschrieben und es wird nie langweilig. Doch worum geht es eigentlich?
Der Ich-Erzähler des Buches ist Lucien. Sohn von zwei berühmten Rock-Stars, die ihre erfolgreichen Jahre allerdings schon hinter sich haben (vor allem seine Mutter; sein Vater hat die Familie nicht lange nach Luciens Geburt verlassen). Deshalb findet sich Lucien oft als Ziel von Klatschblättern wieder, die jede ungünstige Situation ausnutzen oder einfach peinliche Zufälle in ein schlechtes Licht zu rücken wissen. Da hilft es nicht gerade, dass sein Ex die Geschichte von ihm und Lucien für 50k£ an eines dieser Blätter verkauft hat. Zum Start des Buches ist das 5 Jahre her und er kämpft immer noch mit Vertrauens- und Bindungsängsten sowie großen Selbstzweifeln.
Er arbeitet bei einer Wohltätigkeitsorganisation, die sich der Rettung des dung beetles (also des Mistkäfer) verschrieben hat. Durch diverse Verkettungen von Ereignissen braucht Lucien ein Date zu ihrer jährlichen Spendenaktion, dem Beetle Drive, um sich in der Öffentlichkeit und bei Spendern wieder ein positiveres Image aufzubauen. Die Wahl fällt, da nicht gerade viele Optionen zur Verfügung stehen, auf Oliver Blackwood. Einem erfolgreichen, aufstrebenden Rechtsanwalt, der aber etwas steif, trocken und unflexibel rüberkommt.
Von außen betrachtet handelt es sich also um eine typische Liebesgeschichte, in der sich die beiden erst nicht ausstehen können, im Laufe des Buches aber immer näher kommen, bis sie es vielleicht doch schaffen, ihre Gefühle füreinander einzugestehen. Auf dem Weg dorthin gibt es so einige Auf und Abs, von denen man ein paar vorhersehen kann, aber die Reise dorthin ist packend geschrieben. Vor allem die Geschichte aus Luciens Perspektive zu erleben ist immer wieder spannend und eindrucksvoll. Der Autor weiß die komplexe Gefühlswelt von Lucien gekonnt einzufangen und mit viel Mitgefühl zu erzählen.
Durch vergangene Ereignisse und ist sein Selbstwertgefühl am Boden, Vertrauen kann und will er nur einer Handvoll von Freund*innen. Man will ihm wiederholt gut zureden, vor allem wenn er sich davor sträubt, das Gute zu sehen, das sich gerade in seinem Leben abspielt und sich so gesehen unbewusst selbst manipuliert. Oliver ist ebenfalls alles als perfekt, auch wenn er es immer wieder versucht zu sein und die hohen Erwartungen anderer, so gut es nur geht, zu erfüllen.
So finden Lucien und Oliver trotz ihrer vielen Differenzen eine gemeinsame Basis. Die Geschichte weiß um die Stärke der beiden Figuren und die Chemie, die sie haben. Die Dialoge und Beschreibungen von Alexis Hall sind nachvollziehbar und dadurch, dass man immer mehr von der Vergangenheit der Charaktere erfährt, durchaus realistisch dargestellt. Ich konnte mich selbst mit Teilen der Figuren identifizieren und vielleicht gerade auch deshalb das Buch einfach nicht weglegen. Wahrscheinlich ein Grund, warum ich gerade einmal drei Tage gebraucht habe, um es durchzulesen.
Die zahlreichen Nebencharaktere, die vorkommen, finden natürlich ihren Platz in der Geschichte. Es kommt nicht selten vor, das die beiden Hauptcharaktere in queeren Geschichten in einem Vakuum zu existieren scheinen und man bekommt nicht viel davon mit, was abseits dieser anbandelnden Beziehung passiert. Das ist hier anders. Vor allem die verschiedenen Dynamiken werden hervorragend dargestellt. Hinzu kommt, dass die Auftritte dieser Nebencharakter nie zu überborden werden, sodass der Fokus auf Oliver und Lucien bleibt. Sie sind das Zentrum der Handlung, vor allem Lucien, da sie aus seiner Sicht geschrieben ist. Wie es bei solchen Geschichten des Öfteren der Fall ist, kommen natürlich auch Entscheidungen und Situationen vor, wo man als Leser*in einfach nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchte. Diese sind aber immer in der Charakterisierung der Personen verankert und so zu einem gewissen Grad nachvollziehbar.
Aber auch wenn die Geschichte viele schwierige Themen anspricht, ist es nie trocken oder schwerfällig in der Erzählung. Es kommen so einige wirklich lustige Szenen und Sequenzen vor, die Boyfriend Material zu einem schönen Gesamtpaket machen. Das Buch hat mich begeistert und mitgenommen auf eine Reise, die ich so nicht erwartet hatte. Es kommt ja gelegentlich vor, dass man Bücher liest, mit Charakteren, mit denen man sich zu einem gewissen Grad identifizieren kann. Deren Mut und Entwicklung bei einem bleiben und vielleicht sogar positiv beeinflussen können. Inspiration kann von vielen Punkten ausgehen, verschiedenste Formen annehmen. Dieses Buch ist sicherlich einer davon.