Ich denke, wir müssen uns die nächsten zwei Tage mit dem Buch Husband Material von Alexis Hall auseinandersetzen. Es steckt einfach so viel in dem Buch, dass ich es nicht in einem unnötig langen Text verarbeiten möchte, sondern mir etwas Zeit lassen will, die Aspekte, die mich beschäftigen, zu beschreiben. Immerhin hat mich der Vorgänger Boyfriend Material von der ersten bis zur letzten Seite gefangen genommen. Es war eine hervorragend geschriebene Geschichte, mit pointierten Dialogen, einer nachvollziehbaren Charakterentwicklung, und es war ein roter Faden zu erkennen, dem ich sehr gerne gefolgt bin.
Husband Material jedoch weiß diesen roten Faden nicht recht wieder aufzugreifen. Die Handlung setzt zwei Jahre nach dem ersten Band an und zeigt Oliver und Lucien in einer gemeinsamen, glücklichen Beziehung. Erneut ist die Geschichte aus Luciens Perspektive geschrieben. Genau damit beginnen meines Erachtens die Probleme. Nachdem ich die ersten 30 % des Buches gelesen hatte, musste ich es für einen Tag beiseitelegen und haderte ehrlich mit mir selbst, ob es sich überhaupt lohnt zu Ende zu lesen. Für mich untypisch habe ich sogar auf Goodreads Rezensionen gelesen, um zu sehen, was mich noch so erwartet.
Ich kann schon einmal so weit verraten, dass es sich lohnt, das Buch komplett zu lesen, da die Szenen und vor allem die Dialoge zwischen Oliver und Lucien superb geschrieben sind. Auch die Situationen, in die sie geraten, sind, teils tragisch, teils lustig, teils lehrreich. Doch das alles ließ sich leider in den ersten 30 % des Buches nicht wirklich absehen. Es steht nämlich Bridges Hochzeit an. Sie ist Luciens beste Freundin und somit ist er in die Planung der Hochzeit sehr involviert.
Das alles ist noch soweit okay. Bis Bridge von einer Freundin ein Bild von Tom geschickt bekommt, ihrem Verlobten. Dieses zeigt Tom mit einer attraktiven Frau, wie sie gemeinsam aus einem Restaurant spazieren. Daraufhin kann Bridge ihren zukünftigen Ehemann zwei Tage nicht erreichen. Es eskaliert. Die engsten Freund*innen werden gerufen, es wird geweint, spekuliert, verzweifelt Eiscreme gegessen – schlicht, es werden sämtliche Klischees ausgepackt, die ich schon vor 10 Jahren nervig fand. Hinzu kommt, dass Lucien Oliver durch diese künstlich aufgeputschte Situation komplett vernachlässigt. Oliver ist Rechtsanwalt und gerade in einen komplizierten Fall verwickelt. Die beiden sehen sich kaum. Dann verbringt Lucien auch noch zwei Tage bei Bridge, weil sie selbst nicht zurechtkommt. Schließlich entscheiden die Freund*innen Tom ausfindig zu machen und quer durch England zu fahren und ihn zur Rede zu stellen.
Nicht nur erinnert das an eine ähnliche Situation aus dem ersten Buch (die berechtigt war und ihren Sinn/Platz in der Geschichte hatte), sondern löst sich in nichts auf. Denn wer sich an das erste Buch erinnert, wird feststellen, dass Tom für die Regierung arbeitet. Ich bin mir nicht sicher, ob er direkt im Geheimdienst arbeitet oder eine Art Agent ist, aber etwas in dieser Richtung. Natürlich hat er da mit verschiedenen Klient*innen zu tun und ist für ein paar Tage immer mal wieder nicht erreichbar. Es ergibt also absolut keinen Sinn, dass Bridge Zweifel an seiner Treue hat, vor allem da sie kurz vor der Hochzeit stehen, es nie Anzeichen dazu gab und sie seit Jahren ein Paar sind.
Ein weiterer Aspekt, der die ersten 30 % des Buches absolut sinnlos macht, ist Lucien und Olivers Beziehung. Nicht nur ignoriert Lucien Olivers Bedürfnisse und die schwierige Phase, die er in der Arbeit durchmacht; die Diskussionen, die die beiden führen, könnten 1:1 aus dem ersten Buch stammen. Als hätten zwei Jahre einer glücklichen Beziehung nicht stattgefunden. Natürlich ändern sich Menschen nicht von heute auf morgen und fallen vielleicht in alte Muster zurück, aber in einer fiktionalen Geschichte, wo entsprechende Entwicklungen stattgefunden haben und noch dazu mehrere Jahre vergangen sind, machen diese Passagen zu einer sehr anstrengenden Lektüre.
Was mich zusätzlich noch abgeschreckt hat, war die Tatsache, dass in dem Buch vier Hochzeiten vorkommen. Das sind für meinen Geschmack mindestens drei zu viel. Es wiederholt sich dadurch gefühlt sehr viel, die Orte der Handlung sind eintönig und ich hatte nicht viel Hoffnung für das Buch. Trotzdem wollte ich wissen, wie es weitergeht und habe weitergelesen. Die erste Hälfte habe ich immer mal überflogen, dann wieder konzentriert gelesen, aber nachdem Bridges Hochzeit überstanden ist, nimmt das Buch etwas an Fahrt auf.
Interessanterweise kommt sie im Rest des Buches kaum mehr vor. Was nicht unbedingt etwas Schlechtes ist. Boyfriend Material hatte es verstanden, die vielen Nebencharaktere so unterzubringen, dass sie nicht zu viel Platz einnehmen, trotzdem aber ihre einzigartigen Persönlichkeiten ausleben können. Sie haben die Hauptcharaktere unterstützt und sind nicht zu sehr ins Rampenlicht gerückt. Husband Material hat diese Stärke zuerst kaum gehabt. Lucien und Oliver wurden zu Nebencharakteren ihrer eigenen Geschichte. Zum Glück ändert sich das etwas. Aber mit den positiven Entwicklungen beschäftigen wir uns morgen.