Heute geht es weiter mit der Besprechung des Buches Husband Material, die ich gestern begann (Husband Material und die Kunst, zu enttäuschen). Wie berichtet, sind die ersten 30 % von Husband Material sehr anstrengend. Es geht auch noch zum Teil so weiter, da die nächste Hochzeit, die ansteht, diejenige von Miles und JoJo ist. Miles ist Luciens Ex-Freund, der ihn vor nunmehr sieben Jahren zutiefst betrogen und ihre Geschichte für viel Geld an die Klatschpresse verkauft hat. Luciens Eltern sind, genauer gesagt waren, erfolgreiche Musiker, was ihn natürlich auch zu einem Interesse für diese Blätter macht. Nun treffen sich die beiden zufällig wieder und Miles lädt Lucien zu seiner Hochzeit ein.
Die Idee einer Konfrontation der beiden hatte ich schon während des ersten Buches im Kopf. Es war absehbar, dass es diese geben musste, damit Lucien eine Art Abschluss finden und Oliver mit ihm gemeinsam dieses Kapitel zuklappen kann. Doch es hätte nicht unbedingt eine weitere Hochzeit gebraucht, um dies zu realisieren. Was ich allerdings sehr zu schätzen wusste, ist, dass Miles Verlobter JoJo zu Lucien ins Büro kam und die beiden eine wirklich herzliche und offene Unterhaltung über Miles und die vergangenen Ereignisse hatten. Das war einer der Momente, in denen ich ahnte, dass das Buch besser und seine Momente haben würde.
Es folgen daraufhin einige großartig geschriebene Szenen und Momente, die ich gerne als eine kleine Aufzählung abhandeln würde. Es geschieht einfach sehr viel und dies erlaubt mir eine kompakte Besprechung der wichtigsten Ereignisse:
- Eine Szene, die zur Abwechslung nicht auf einer Hochzeit stattfindet, ist der spontane Hochzeitsantrag von Lucien. Es ist ein toll geschriebener Augenblick aus dem Alltag der beiden, wo sie einfach miteinander funktionieren, sich verstehen und trotzdem gewisse Probleme überwinden. Solche Alltagsmomente hätte ich mir gerne mehr gewünscht.
- Die dritte Hochzeit ist von Alex. Einem Kollegen von Lucien. Die Fahrt dorthin wird zu einem Arbeitsausflug, wo auch Oliver dabei ist. Es ergeben sich einige lustige Situationen, die Bande wird verhaftet, findet aber doch noch zur Hochzeit. All diese Momente hätte man ebenso haben können, wenn es ein „normaler“ Ausflug der Kolleg*innen mit ein oder zwei Partner*innen gewesen wäre.
- Die darauffolgende Sequenz zwischen Oliver und Lucien im Hotelzimmer bestärkt diesen Eindruck abermals. Denn diese dreht sich um Olivers psychischen Probleme. Seit zwei Jahren geht er zu einer Psychotherapeutin und arbeitet an seinem Drang, immer andere zufriedenstellen zu wollen, seinem damit einhergehenden Perfektionismus und seiner Essstörung. Die tiefgründige Unterhaltung der beiden und Luciens Art, seinen Freund zu unterstützen, sind voller Liebe geschrieben und strahlen nichts als Unterstützung und Hingabe aus. Die beiden funktionieren einfach miteinander. Der Autor Alexis Hall spielt in solchen Szenen absolut sein Verständnis für die Charaktere aus und brilliert in der Art, wie er die Dialoge zum Leben erweckt.
- Oliver hat ein sehr schwieriges Verhältnis zu seinen Eltern, die ihn sein Leben lang unter Druck setzen, fordern und mit (unterschwelliger) Homophobie drangsalieren. In einer wirklich gut geschriebenen Dinner-Szene zwischen seinen Eltern, ihm und Lucien steht er aber das erste Mal für sich ein. Lucien weiß sich zurückzuhalten und stärkt seinem Partner gekonnt den Rücken. Eine befreiende Szene.
- Es findet auch eine Beerdigung statt, die vielleicht das beste größere Kapitel des Buches darstellt. Diverse Streits über die Hochzeit machen Luciens und Olivers Beziehung gerade etwas schwierig und wie sie das Ganze vielleicht überwinden, wird im Laufe dieses Kapitels wirklich gut dargestellt.
- All die Hochzeiten und die Beerdigung machen Lucien und Oliver sehr reaktiv. Sie müssen weitestgehend mal hierhin und mal dorthin, weil es ihre Freund*innen, Kolleg*innen etc. sind (meist von Lucien übrigens). Aber eigentlich will ich Protagonisten, die aktiv sind und nicht nur auf ihre Umwelt passiv reagieren müssen. Es hätte schon geholfen, wenn sie eine Hochzeit abgelehnt und stattdessen was anderes gemacht hätten.
Das waren so die kleineren bis größeren Momente oder Sequenzen, die im Buch eigentlich einwandfrei funktionieren. Nicht alles hätte entlang von Hochzeiten abgearbeitet werden müssen, aber die intimen Momente und lustigen Ereignisse machen dafür wieder wett. Aber ein größeres Thema, das ich auch bei diversen Goodreads-Rezensionen angesprochen wurde, muss ich ebenfalls noch behandeln.
Denn Oliver und Lucien leben ihre Homosexualität unterschiedlich aus. Lucien ist sehr offen, umgibt sich mit LGBTQIA-Freund*innen, mag Regenbögen und all die anderen Ikonografien, die mit der Community einhergehen, und geht auf entsprechende Partys. Oliver mag das alles nicht so sehr. Er lehnt es nicht ab, geht stattdessen aber auf Demonstrationen – er braucht die Ikonografien und Regenbögen nicht, um seine Sexualität auszudrücken. Was macht Lucien? Er wirft ihm internalisierte Homophobie vor. Natürlich kann das, besonders im Hinblick darauf, wie Oliver aufgewachsen ist, eine Rolle spielen, doch es muss es nicht sein. Die Grenze zwischen internalisierter Homophobie und einer ikonografischen Ablehnung mag schmal sein, doch sie ist entscheidend. Oliver muss das für sich selbst entdecken und herausfinden, aber Luciens absolutes Unverständnis stößt bei mir auf Ablehnung.
Jede*r in der LGBTQIA+-Community lebt die eigene Sexualität, Identität und alles, was damit einhergeht, unterschiedlich aus. Jede*r muss den eigenen Weg entdecken, und wie so vieles, existiert auch dieser Aspekt auf einem Spektrum. Dass es eine, vielleicht zwei Unterhaltungen oder hitzigere Diskussionen im Laufe des Buches gibt, finde ich verständlich und es ist ein Thema, das angesprochen werden sollte. Aber dass dieses Thema, ob des künstlich aufgebauschten Unverständnisses von Lucien, immer wieder vorkommt und durchgekaut wird, entzieht sich meinem Verständnis. Besonders als es zur Hochzeit der beiden kommt, genauer gesagt deren Planung, eskaliert dieses Thema immer wieder.
Es macht einen Unterschied, ob man kompromissorientierte streitet/diskutiert, weil man unterschiedliche Dinge von einer Hochzeit erwartet, oder aber den anderen einfach nicht so akzeptieren kann, wie er ist. Das ist auch ein Grund, warum ich mir gewünscht hätte, dass dieses Buch aus der Sicht von Oliver geschrieben worden wäre. Wir haben Luciens Ansichten und Gedankengänge zur Genüge im ersten Buch mitgemacht. Ich würde sagen, man versteht ihn. Deshalb wäre es umso interessanter gewesen, in Olivers Gedanken einzutauchen. Mehr von seinem Leben, seinen Freunden, Arbeitskollegen, Arbeitsalltag und Sichtweisen mitzubekommen. Wie ich finde, eine verpasste Chance.
Husband Material ist kein schlechtes Buch. Die Momente und Szenen, die ich beschrieben habe, sind es wert, dieses Buch zu lesen. Es hinkt dem Vorgänger aber um Welten nach, wenn es um das Füllmaterial geht – um das, was zwischen diesen großartigen Sequenzen passiert. Deshalb habe ich nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben, obwohl ich so einige Stellen nur überflogen habe.
Alexis Hall hat mit Lucien und Oliver zwei beeindruckende Charaktere erschaffen. Ich habe sie gerne verfolgt – sie inspirieren. Ich bin gespannt, ob es noch ein drittes Buch mit den beiden geben wird. Allerdings hoffe ich, es orientiert sich mehr am ersten Band und nimmt eventuell Olivers Perspektive ein. Aber ich kann die Reihe auf jeden Fall empfehlen.