Vor einigen Jahren habe ich an einer Fortbildung teilgenommen, die unter anderem zum Thema hatte, wie man schwierige Gespräche führt. Seien es Streitigkeiten unter Kolleg*innen, Versetzungen, das Ansprechen heikler Angelegenheiten oder sonstige Themen. Wie es oft der Fall ist, zumindest wenn es sich um einen guten Kurs handelt, sind Rollenspiele ein erheblicher Teil des Programms. Man bekommt ein Szenario vorgelegt, liest sich in die jeweilige Rolle kurz ein, macht sich Gedanken darüber, wie man ein solches Gespräch führen möchte, was die Ziele sind und legt los.
Genauso oft wie sie vorkommen, sind solche Rollenspiele, wie mir scheint, aber auch verhasst. Verhasst ist vielleicht ein etwas starkes Wort, aber sie stoßen doch auf eher mäßige Begeisterung. Doch sie sind ein wichtiger Teil dieser Kurse, da man erst so lernt, mit vergleichbaren Situationen umzugehen. Natürlich können solche gestellten Situationen nie die Realität komplett abbilden, doch wenn man sie ernst genug nimmt, kann man immer etwas daraus lernen. Sei es als Beobachter oder Teilnehmer.
Besonders wenn man zuerst nur die anderen Teilnehmer*innen beobachtet, denkt man sich gerne, dass man es doch selbst sicher besser hinbekommen würde, bis man im Zentrum der Aufmerksamkeit sitzt. Hat man sich aber erst einmal überwunden, fällt es leichter, sich in die Situation hineinzuversetzen und vergisst vielleicht sogar, dass man beobachtet wird. Manchmal vergisst man sogar während des Rollenspiels, was überhaupt das Ziel dieses spezifischen Szenarios ist, was man in dem Gespräch erreichen will – nicht, dass mir das bereits passiert wäre.
Zwar sind mir nicht unbedingt die spezifischen Szenarien im Kopf geblieben, aber eine Lektion, die ich mir davon mitgenommen habe, durchaus. Ich habe mit dem Kursleiter eines der Szenarien durchgespielt und es war wirklich ein heikles Thema, bei dem es um zwei Arbeitskollegen ging, die gemeinsam ein Projekt realisieren sollten. Leider sind mir die Details nicht mehr so recht bewusst, aber ich weiß noch, dass ich mir von Anfang an unsicher war, wie ich an das Gespräch herangehen soll. Ich kam immer wieder ins Stocken, überlegte, was ich sagen soll oder wie ich am besten auf die Rhetorik meines Gegenübers reagiere. Etwas brachte uns sogar einmal komplett raus, als ich etwas verdutzt reagierte und ein Arbeitskollege lachte und mich dadurch ebenfalls aus der Rolle brachte. Alles natürlich kein Problem, es gehört eben zu dieser Art Kurs dazu und zu ernst muss man es ja auch nicht nehmen.
Aber was der Kursleiter in dieser kleinen Unterbrechung gesagt hat, ist mir noch heute im Gedächtnis geblieben. Ich hatte nämlich angemerkt, dass ich mich teilweise für nicht schnell genug in meinen rhetorischen Retouren hielte oder als das, was man im Englischen als quick witted bezeichnen würde – also als schlagfertig. Jede*r kennt wahrscheinlich das Gefühl oder die Situation, dass erst nach einer Diskussion oder Unterhaltung das perfekte Argument, ein toller Satz oder was auch immer einfällt. Beim nächsten Mal hat man es dann aber parat. Und im Eifer des Gefechts vergessen doch alle manchmal genau die richtigen Argumentationen, die man zuvor noch wusste.
Wie dem auch sei, der Kursleiter betonte nicht nur, dass man die anderen meist als besser, in dem Fall also als rhetorisch schlagfertiger ansieht, als man sich selbst einschätzen würde. Außerdem ist es ratsam, sich manchmal etwas mehr Zeit zu lassen, zu überlegen und es nicht unbedingt besser ist, immer mit dem ersten Gedanken in die Situationen hineinzugehen. Wenn wir einmal ehrlich sind, ist das allgemein ein guter Rat.
Jede Situation, Diskussion, Streits oder was auch immer sind immer individuelle Situationen. Die Kontexte, in denen sie stattfinden und die Atmosphäre machen viel aus, genauso die Vertrautheit der Diskutierenden. Aber ich habe solche Kurse zu schätzen gelernt, da sie eine gute Vorbereitung sind. Man kann sich in einem sicheren Umfeld ausprobieren. Das allein ist von unschätzbarem Wert.