Einen Film-YouTuber, den ich schon seit geraumer Zeit verfolge, ist David Hain. Ich mag seine Kritiken ganz gerne. Er stellt interessante Beobachtungen an und kann diese unterhaltsam in seinen Videos präsentieren und argumentieren. Manchmal ist er mir etwas zu kritisch, das ist mir besonders seit seinem Dune: Part Two Video noch einmal mehr bewusst geworden, aber das muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein. Unterschiedlicher Meinung zu sein, tut manchmal ganz gut. Jedenfalls funktioniert er für mich recht gut als Richtschnur, welche Filme mir ebenfalls gefallen könnten oder was man sich im Allgemeinen nicht entgehen lassen sollte.
Zone of Interest ist genau ein solcher Film. In einem seltenen Fall an Leichtsinnigkeit hat David Hain dem Film nämlich 5 Sterne gegeben. Das passiert eigentlich nur bei bestimmten Sternenkonstellationen, aber Zone of Interest war es das scheinbar wert. Er spricht in seiner Kritik von einer wahrlich grausamen, physischen Reaktion auf das, was da auf der Leinwand präsentiert wird. Auch Freund T. hat mir nach der Betrachtung des Films geschrieben, dass es ein schwieriger Film sei. Das ließ mich doch etwas vorsichtig werden. Glücklicherweise hat sich Freund C. bereit erklärt, mit ins Kino zu gehen. Denn nachdem ich mir zwei Wochen lang eingeredet habe, wie schlimm der Film werden würde, war es nicht möglich, diesen allein zu sehen.
Diese zwei Wochen der Spekulation hatten natürlich den „Nachteil“, dass ich mir alles Mögliche ausmalte und nun die Erwartungen dermaßen überzogen waren, der Film konnte das nicht mehr erreichen. Trotzdem hat er seine Wirkung nicht verfehlt. Für diejenigen, die gar nicht wissen, worum es in Zone of Interest geht:
Es zeigt das Leben von Rudolf Höss und seiner Familie. Er war SS-Obersturmbannführer und Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz. Genau davon berichtet der Film. Er zeigt aber nie, was im KZ passiert, sondern begleitet die Familie Höss, wie sie in einem regelrecht idyllischen Haus mit riesigem, gepflegtem Garten wohnen – direkt an der Mauer des Konzentrationslagers. So sieht man zwar nie, was dort drin passiert, hört es aber sehr wohl. Kinder spielen im Garten, es wird über Pläne diskutiert, wie der Wein in den nächsten Jahren wachsen soll, während im Hintergrund die Schornsteine qualmen, Schreie und Schüsse zu hören sind.
Es ist wahrlich kein einfacher Film und ich würde ihn sogar eher als eine Art Dokumentation einstufen. Derart nüchtern verfolgt nicht nur die Kamera den Alltag eines KZ-Kommandanten und seiner Familie, sondern so gefühllos und kalt reden die Personen über das, was hinter der Mauer passiert. Wer in Europa aufwächst, lernt in der Schule ausführlich über die Gräuel des Dritten Reichs, wie unvergleichlich es in der Geschichte der Menschheit war. Ich glaube, mit diesem Film habe ich zum ersten Mal so richtig verstanden, auf einer tieferen emotionalen Ebene, was damit gemeint ist. Es wird bei Besprechungen über Produktivität und Effizienz und dergleichen berichtet, als ginge es darum, etwas herzustellen und nicht, abertausende Menschen zu ermorden.
Das soll aber nicht heißen, dass nicht direkt darüber geredet wird oder sie gar verklausulierte Formulierungen verwenden. Eher das Gegenteil ist der Fall. Wenn über die Effizienz von Verbrennungsöfen geredet wird, ist klar, worum es geht. Auch die „außenstehenden“ Personen wissen sehr wohl, was innerhalb der Mauern passiert, reden sogar miteinander darüber. Diese Kälte, Nüchternheit oder emotionale Distanziertheit, ich tue mir schwer, es konkret benennen zu können, was es ist, machen diesen Film zu einem unvergleichlichen Erlebnis.
Jonathan Glazer hat mit Zone of Interst etwas Einzigartiges geschaffen. Die Schauspieler*innen sind gewaltig in ihrer Darstellung; man sieht und empfindet sie als die Charaktere, die sie darstellen. Egal, ob ich 500 oder 5.000 Worte über Zone of Interest schreiben würde, es würde dem Film nicht gerecht. Es ist ein wichtiger Film, eine auf vielen Ebenen beeindruckende Darstellung und eine Geschichte, die bei einem bleibt und nacharbeitet. Wie ich mit Freund C. festgestellt habe: auch wenn einen der Film nicht abholt, ob der Art und Weise wie er aufgebaut ist, redet man darüber, tauscht sich aus, gewinnt Perspektiven. Aber gleichgültig bleibt er einem bei Weitem nicht.