Eigentlich wollte ich diesen Text nicht mehr schreiben. Genauer gesagt fehlte mir etwas die Inspiration zu dem Thema und ich wusste nicht genau, worauf ich hinaus wollte. Ob ich überhaupt etwas dazu schreiben will. Auch der Anfang schien schwierig. Doch wie es manchmal so ist, schlägt die Inspiration einfach zu und man schreibt die wenigen Sätze, die einem in den Sinn kommen, nieder. Es begann, wie so oft, mit einer Podcast-Episode. In diesem Fall einer Ausgabe des Realitätsabgleichs. Eine Sendereihe des WRINT-Podcasts, mit Holger Klein und Toby Baier.
Holgi verwendete darin den Begriff »intellektuell unredlich«. Ich finde das eine wunderbare und elegante Formulierung. Seitdem geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Deshalb musste ein Text dazu her. Es ging um das Thema Migration und dass das, was viele Politiker*innen im Moment machen, genau das ist: intellektuell unredlich. Man könnte es auch Lügen nennen oder verschleiern der Tatsachen.
Unser Problem ist meiner Meinung nach nicht die Migration, sondern die Integration. Und wir sind hauptsächlich selbst daran schuld. Geflüchtete Menschen kommen zu uns, verlassen ihre Heimat, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. »Heimat«, auch so ein Begriff, den wir für uns in der deutschen Sprache als einzigartig definieren wollen. Aber wenn es um andere Menschen geht, verwehren wir ihnen dieses Gefühl, dieses Bedürfnis, sich woanders zu Hause fühlen zu können. Vielleicht eine neue Heimat zu finden.
Wir jammern immer wieder über den mythischen Fachkräftemangel, den es schon seit Jahrzehnten geben soll. In bestimmten Bereichen ist es auch so. Pflege zum Beispiel oder an Schulen, Handwerker ebenso. Wo denken wir, dass all die Menschen, die diese Lücken auffüllen sollen, herkommen?
Sämtliche Österreich*innen müssten sich wie die Karnickel vermehren und ganze Rudel werfen, um das zu wuppen. Und selbst dann dauert es 15 bis 20 oder noch mehr Jahre, je nach Beruf, bis diese Nachkommen einsatzbereit sind. Ganz zu schweigen, dass die Schulen in diesem hypothetischen Fall noch mehr überfordert wären als jetzt schon.
Wieso nutzen wir nicht die Chance und bilden die Menschen, die zu uns kommen, in diesen Berufen aus? Warum investieren wir nicht heute das Geld in die entsprechenden Ressourcen, um die Probleme der Zukunft bewältigen zu können? Aber dazu müsste man das Ego in der Politik hinter sich lassen und über die nächste Wahl hinaus denken können. Man müsste dem Land und der EU im Allgemeinen wünschen können, dass es morgen besser ist als heute. Doch manche scheinen ihre Aufgabe als Politiker*in nicht als solche zu begreifen.
Besonders Sprachen spielen doch zukünftig immer wichtigere Rollen. Besonders, wenn Menschen von überall auf der Welt bei uns Schutz und eine Zukunft suchen. Wer Französisch spricht oder Spanisch, Chinesisch oder Japanisch gilt als gebildet und intelligent. Türkisch, Syrisch, Ukrainisch, Arabisch, Bosnisch, Serbisch, Kroatisch und Polnisch wird dies aber scheinbar nicht zugeschrieben. Dabei ist das doch zukünftig von großem Nutzen.
Könnten uns diese Menschen, die diese Sprachen sprechen, nicht zukünftig darin unterstützen, Neuankömmlinge willkommen zu heißen? Ihnen Deutsch beibringen, auf Augenhöhe kommunizieren, ihnen zeigen, wie, was bei uns funktioniert und gemacht wird (von Bürokratie hin zu Jobsuche und so weiter).
Ich bin immer wieder fassungslos über die Vorschläge, die stattdessen gemacht werden. Unmenschlich und ethisch fragwürdig. Wollen wir wirklich so sein? Oder zu behaupten, man könnte ein Verbrechen stoppen, indem man Einwanderung stoppt? Im Sinne von „wäre der nicht reingekommen, hätte es Verbrechen x nicht gegeben“. Das ist gelogen und falsch. So funktioniert das nicht. Man kann nichts vorhersagen. Schon gar nicht, wenn man Daten von heute auf gestern anwendet, wo wir das noch nicht wussten. Es ist anmaßend und eine Unverfrorenheit, denn dann könnte man doch in der Gleichen Logik Suizide vorhersagen. Funktioniert aber auch nicht.
Nutzen wir doch die Chancen, statt immer mehr Mauern aufzubauen –buchstäblich, sowie im übertragenen Sinn. Und entlarven wir diejenigen, die es wagen zu behaupten, schreckliche Verbrechen vorhersagen zu können und diese tragischen Ereignisse für sich instrumentalisieren. Entweder sind sie Lügner und wissen es, oder aber sie sind zu einfältig, um ihre Lügen und falschen Behauptungen selbst zu begreifen. Beide Fälle haben nichts in der Politik zu suchen. Eigentlich ist intellektuell unredlich eine viel zu nette Formulierung.