Wie jeden Donnerstag werfen wir auch heute wieder einen kleinen Blick in die Vergangenheit. Wir sehen uns einen Artikel an, den ich am 10. Oktober 2015 auf meinem damaligen Blog »geek-planet« veröffentlicht habe. Dadurch, dass ich jeden Donnerstag einen entsprechenden Text heraussuche, sollen irgendwann alle meine Texte auf einer Webseite zu finden sein.
Das waren noch Zeiten, als man sich auf die neue Staffel von The Walking Dead gefreut hat. 13 Jahre sind seit der Erstausstrahlung der zweiten Staffel vergangen; 9 Jahre, seit ich den folgenden Text geschrieben habe. Die Comics waren noch hoch im Kurs und liefen bis zum Schluss hervorragend. Doch was im Comics stets gut funktionierte, fühlte sich in der Serie irgendwann repetitiv, übertrieben und einfach nicht mehr spannend an.
Ich bin mir nicht sicher, woran das genau gelegen hat. Dafür ist es einfach schon viel zu lange her, seit ich die Serie geschaut oder die Comics gelesen habe. Aber die grundlegenden Ereignisse der Serie und der Comics sind dieselben, trotzdem habe ich die Comics regelmäßig verfolgt, zum Teil mehrfach gelesen und bis zum Schluss als fantastische Geschichte wahrgenommen. Vielleicht macht das Medium hier doch einen zentralen Unterschied und dass es eben nur einmal im Monat einen neuen Comic gibt, dafür aber regelmäßig.
Woran es auch immer gelegen hat, die frühen Staffeln der Serie konnten überzeugen. Vor allem, weil sie gewisse Dinge anders gemacht haben als die Vorlage. Die kleinen Unterschiede haben geholfen, dass sie selbst für Comic-Kenner spannend war zu verfolgen.
Im Englischen gibt es den Begriff »gutter«. Dieser beschreibt in Comics den meist weißen, leeren Platz zwischen den einzelnen Panels. Es ist den Leser*innen überlassen, zu interpretieren, was genau zwischen den dargestellten Augenblicken passiert. Die zweite Staffel von The Walking Dead ist ein perfektes Beispiel für eine solche Herangehensweise der Autoren, denn bis auf zwei große Ereignisse könnte es sich genauso zugetragen haben.
- Developed by Frank Darabont
- Cast: Andrew Lincoln, Jon Bernthal, Sarah Wayne Callies, Laurie Holden, Jeffrey DeMunn, Steven Yeun u.a.
- Musik: Bear McCreary
- Executive producers: Frank Darabont, Gale Anne Hurd, David Alpert, Robert Kirkman u.a.
- Erstausstrahlung: 16. Oktober 2011 auf AMC
„This isn’t a democracy anymore.“ – Rick
Ein oft nicht so stark im Zentrum der Kritiken stehender Punkt sind für mich die Walker selbst, die „The Walking Dead“ erst zu dem machen, was es ist. In dieser Staffel treten die Kreaturen immer häufiger auf und an drei bis vier Stellen gleich in einem ganzen Rudel. Ich bewundere die Nebendarsteller für ihre tollen Leistungen, denn mir wäre noch keiner aufgefallen, der aus der Reihe tanzt oder sich markant anders benimmt als der Rest. Auch die Maskenbildner verdienen ein großes Lob, denn das Make-up und die Leichen sehen einfach fantastisch und sehr realistisch aus. Dadurch fällt es leichter, sich auf diese Welt einzulassen.
Wenn ich der Staffel ein übergeordnetes Thema geben müsste, wäre es »Leadership«. Anfangs hält die Gruppe zwar noch zusammen und scheint tatsächlich so etwas wie Teamwork zu entwickeln, doch mit dem Fortschreiten der Handlung und den Geschehnissen auf der Farm, zerfällt sie immer weiter. Bis sie am Ende ebenso physisch voneinander getrennt sind. Ich habe mir drei Punkte herausgesucht, an der ich festhalten möchte, warum die Gruppe zerbricht. Gleichzeitig sind es aber auch die Punkte, die die Staffel sehenswert und spannend machen:
Todesstrafe
Ein Thema, welches mich nachhaltig bewegt hat, ist die Diskussion um die Hinrichtung ihres Gefangenen Randall. Ihr unmoralisches und verachtenswertes Verhalten ihm gegenüber hat mich regelrecht schockiert. Nachdem sie seine Wunden versorgt und ihn wieder aufgepäppelt haben, beginnen sie ihn zu foltern, genauer gesagt Daryl foltert ihn. Alle anderen lassen es einfach geschehen. Dann planen sie ihn auszusetzen, dies scheint aber ein zu hohes Risiko und nachdem er beinahe von Walkern gegessen wurde, wollen sie ihn kaltblütig hinrichten. Dabei hat er sogar bei der Flucht geholfen, auch wenn es nur aus einem Zwang heraus war, um nicht zu sterben. Ich spreche hier immer von »sie«, doch eigentlich ist es allein Rick, der die Entscheidungen trifft und alle anderen sehen teilnahmslos zu, weil sie zu viel Angst haben aufzustehen und sich an der Diskussion zu beteiligen.
Allein Dale wagt es, Rick zu widersprechen, er versucht die anderen von seinem Standpunkt und der moralisch richtigen Entscheidung zu überzeugen. Dale ist ein fabelhafter Charakter und wird von Jeffrey DeMunn wunderbar dargestellt. Seine Integrität, Stärke und das Festhalten an Prinzipien ist bewegend und alle könnten sich eine Scheibe davon abschneiden. Mir kamen fast die Tränen, als alle zusammensaßen und Dale um das Leben von Randall gekämpft hat.
Wie kann man nur daneben sitzen, schweigen und jemanden über das Leben eines Menschen entscheiden lassen, ohne zumindest für seine Überzeugungen einzutreten? Egal, ob diese nun für oder gegen die Hinrichtung wären, aber so etwas auf die leichte Schulter zu nehmen, empfinde ich als arg fahrlässig und hat meine Meinung über so manchen Charakter geändert. Diese Thematik wird sicher noch eine Weile ihre Nachwirkungen zeigen und ich finde es äußerst schade, dass Dale sein Leben lassen musste. Es kam sehr unerwartet, denn in den Comics ist er am Ende von Buch 1 noch am Leben.
Anführer
Von allen Beteiligten haben eigentlich nur drei das Zeug zu einem Anführer für die Gruppe. Rick, Shane oder Dale. Shane wäre zwar die falsche Entscheidung, weil er teilweise zu unüberlegt, vorschnell und kompromisslos handelt, doch zumindest steht er mehr oder weniger zu seinen Entscheidungen. Dale wäre eindeutig mein Favorit, da er zuerst über Dinge nachdenkt, bevor er handelt. Er scheint in seinem Leben schon viele Erfahrungen gemacht zu haben – er ist ruhig und wäre sicher ein toller Anführer.
Doch diese Rolle ist und bleibt natürlich bei Rick, auch wenn er durch diverse Verschleierungen etwas an Vertrauen eingebüßt hat. Was ich nicht ganz verstehe, ist, die Überraschung der anderen, als er ihnen gesteht, Shane in einem Kampf umgebracht zu haben. Selbst ohne die Comics zu kennen, war diese finale Auseinandersetzung von weitem abzusehen. Zwei solch massive Alphamänner können einfach nicht in einer einzigen Gruppe existieren und die Manipulationen von Shane müssen den anderen zumindest ein bisschen aufgefallen sein.
Rick hat nun die Möglichkeit, mehr oder weniger frisch zu starten. Sie kennen jetzt seine Geheimnisse und er muss sich durchsetzen, was er am Ende mehr als hervorragend unter Beweis stellt. Ich bin sehr gespannt, wie es weiter geht und ob die Gruppe es schafft, sich zusammenzuraufen und füreinander einzustehen und zu kämpfen. Im Moment würde ich nämlich eher davon ausgehen, dass sie sich gegenseitig umbringen würden, wenn nicht alle so paralysiert und handlungsunwillig wären.
Dies ist auch etwas, das ich nicht verstehe. Ich befinde mich hier in einer Welt, die von Zombies regiert wird, und habe es geschafft, einen Grund zum Leben zu finden. Wieso stehe ich dann nicht mehr für die Sache ein? Warum handle ich nicht den Umständen entsprechend und sorge dafür, weiterhin zu überleben?
Die Farm
Es ist ein schönes Land. Idyllisch. Die Vögel zwitschern. Es gibt Kühe, Strom, genug zu essen und alle scheinen sich gut zu verstehen. Diesem utopischen Trugschluss sind die meisten aufgesessen. Sie sind nicht mehr in der Alten Welt, wo das größte Problem ein leerer Akku ist. Es ist eine Lüge, die alle glauben und wahrhaben wollen. Ein Stück Normalität. Zwar stellen sie einen Wachtposten auf, doch direkte Gefahr drohte ihnen bis zum Schluss nie. Sie hätten sich wappnen können. Einen Verteidigungsplan erstellen. Maßnahmen treffen, um eventuelle Angreifer abzuwehren. Doch daran denken sie alle nicht. Lieber schlachten sie mögliche Gefahren ab und spielen, wie es Andrea so schön ausgedrückt hat, Haus und Familie.
Wie gesagt, sind dies alles Punkte, die mir sowohl sauer aufgestoßen sind, als auch begeistert haben. Denn es zeigt, wie unvorbereitet und hilflos die Menschen in solchen Situationen sein können. Es zeigt, dass es wichtig ist für seine Prinzipien einzustehen und sich immer an Diskussionen zu beteiligen. Besonders, wenn es um etwas Wichtiges geht.
Da ich das letzte Mal etwas negativ gegenüber Daryl eingestellt war, muss ich sagen, dass sich meine Meinung über ihn wirklich geändert hat. Er setzt sich sehr für das Auffinden von Sophia ein und wird sogar zu einem Teamplayer – zumindest mehr als so manch anderer. Er ist inzwischen zu meiner Lieblingsfigur geworden.
Carls Entwicklung finde ich problematisch. Die Autoren springen mir zu sehr mit ihm herum. Einmal total waghalsig und sich einem Walker allein stellend. Dann aufmüpfig und respektlos. Später wieder nett und ängstlich. Alles innerhalb einer Episode mehrmals im Wechsel ist schwierig, anstrengend und der Schauspieler überzeugt mich ebenfalls nicht so wirklich.
Alles in allem hat mir die Staffel allerdings gut gefallen. Die Abweichungen gegenüber der Vorlage finde ich faszinierend und machen es für Kenner spannend, zuzusehen:
- Es sterben Personen, die in den Comics noch wichtig sind (Sophias, Dale und Otis)
- Die Weiterentwicklung neuer Charaktere (Daryl)
- Alternative Lösungen für Konflikte (Mord an Shane, Flucht von der Farm)
Alles interessante Aspekte, die in den nächsten Staffeln hoffentlich weiter ausgebaut werden. Ich erwarte mir in der dritten Staffel, dass sie mit den vergangenen Ereignissen noch zu kämpfen haben und entsprechende Nachwirkungen zu spüren sind.