Abstand von Social Media

Ich stelle gerne den Status quo infrage. Wobei von »gerne« eigentlich keine Rede sein kann, denn das Hinterfragen der eigenen Verhaltensweisen ist meist auch mit dem Verlassen der Komfortzone verbunden. Und wer verlässt schon gerne die eigene Komfortzone oder testet Dinge, die unangenehm (auf welche Art und Weise auch immer) sein könnten, wenn es doch in dieser Zone so schön gemütlich ist. Es gibt Kaffee, Kuchen, eine gemütliche Couch und so weiter. Natürlich nur im metaphorischen Sinne, denn die Komfortzone ist eine psychische Zone und hat nichts mit den eigenen vier Wänden zu tun, wie es manchmal fälschlicherweise missverstanden wird. Wie so oft, und ich versuche das stets so zu propagieren, müssen diese Veränderungen oder Dinge, die man infrage stellt, nichts Weltbewegendes sein.

Die Annahme ist doch häufig, dass Veränderungen immer etwas Großes sein müssen. Sei es etwas Sportliches, wie einen Marathon zu laufen oder etwas Gesundheitliches, wie 15 kg abzunehmen, oder etwas Kreatives, wie einen großen Roman zu schreiben. So vorbildlich diese Art von Zielen sein kann, so sind sie doch meist ein ganzes Stück weit von uns entfernt. Aber was führt uns zu diesen großen Zielen, wenn nicht kleine, inkrementelle Veränderungen? Veränderungen, die vielleicht gar nichts mit dem Ziel zu tun haben, sondern die wir nur ausprobieren wollen, damit wir sie ausprobiert haben. Sie können durchaus große Nachwirkungen mit sich ziehen, die man gar nicht vorhersehen kann.

Besonders gerne stelle ich Dinge infrage, bei denen meine automatische Antwort lautet: ohne das könnte ich nicht existieren, das brauche ich, das will ich nicht missen, nimm mir das auf keinen Fall weg. Was passiert wirklich, wenn ich mir dieses ominöse Ding wegnehme? Ich gehe gleich darauf ein, was es aktuell für mich ist. Im schlimmsten Fall finde ich heraus, dass es wirklich sehr wichtig für mich ist und dann kann ich mir Gedanken darüber machen, warum das so ist. Ich kann evaluieren, warum es diese Bedeutung für mich hat und ob ich es weiterhin nutzen will; weiterhin Zeit dafür »verschwenden« will. Im besten Fall finde ich heraus, dass es gar keine so große Rolle spielt, wie ich immer gedacht habe. Das kann schon eine Erleichterung sein.

Social Media habe ich schon vor einigen Jahren abgelegt. Instagram hat mir nicht gutgetan, Twitter war ein fantastischer Fundus an kreativen Menschen, bis es ein gewisser jemand gekauft hat und es nur mehr den Bach runterging. Meinen Facebook-Account habe ich schon lange gelöscht, mit Snapchat und TikTok und Co. wollte ich mich gar nicht mehr auseinandersetzen. Aber auf etwas, das ich seit Jahren nicht mehr verzichtet habe, war mein YouTube-Premium-Abo. Ich nutze YouTube mehr als alle anderen Streaming-Dienste zusammen. Netflix, Amazon, Apple TV+ und wie sie nicht alle heißen, abonniere ich immer nur monatsweise und kündige sie dann gleich wieder. Nur wenn mich wirklich etwas auf der Plattform interessiert, abonniere ich es, schaue mir die Serien oder Filme an und kündige wieder.

Aber YouTube-Premium zahle ich seit Jahren jeden Monat brav ein. Ich will einfach die Werbung nicht sehen. Ich schaue gerne lange Videos von Streamern über meine Lieblingsspiele, Essays zu den unterschiedlichsten Themen, verfolge per Held der Steine die Klemmbaustein-Welt oder folge diversen Warhammer-Kanälen. Es kommen jeden Tag neue Inhalte, die mich interessieren, von Kanälen, die ich im Abo habe, oder einfach nur zwischendurch in meiner Startseite landen. Doch in den vergangenen Monaten ist mir aufgefallen, dass ich doch sehr viel YouTube schaue. Das ist vielleicht auch an den Texten, die ich geschrieben habe, aufgefallen, da natürlich dann entsprechende Textideen aus diesem Konsumverhalten heraus entstehen. Und ich will für mich wissen, ob mir dieser Service wirklich so wichtig ist.

Deshalb habe ich vor einigen Tagen das Abo gekündigt. Es läuft noch bis Ende des Monats, dann ist es erst einmal vorbei mit werbefreiem YouTube schauen. Ich befürchte schon, dass mir die erste Werbung so sehr auf den Senkel geht, dass ich gleich wieder ein Abo abschließe. Aber manchmal muss es eben wehtun. Wer weiß, vielleicht schaue ich dadurch wirklich einfach weniger, selbst wenn ich es wieder abonnieren sollte, und das Experiment ist auf diese Art erfolgreich. Immerhin hängt mit dem Abo YouTube-Music zusammen und das nutze ich ebenfalls regelmäßig. Bevor ich dann einen anderen Musik-Service abonniere, kann ich auch wieder YT-Premium nutzen.

Wie gesagt, manchmal muss man oder besser gesagt will ich Dinge einfach nur ausprobieren. Festgefahrenes, das man schon seit Jahren so macht und nie etwas anderes ausprobiert oder getestet hat, muss bisweilen hinterfragt werden. Denn so werden Verhaltensweisen schnell zu Gewohnheiten. Das ist nicht unbedingt etwas Schlechtes, aber Hinterfragen lohnt sich dann doch gelegentlich.

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