Ein neues Universum

Nachdem ich mir vor Kurzem Marvel Unlimited geholt habe, war ich mir unsicher, wo ich anfangen soll. Immerhin sind es knapp drei Jahre, in denen ich kaum Comics gelesen, geschweige denn den Marvel-Kosmos an sich verfolgt habe. Neue Comics gibt es jede Woche, es ist eine fortlaufende Geschichte, die niemals endet. Welchen Zeitpunkt sucht man sich da aus, um wieder einzusteigen in diese großartige, bunte Welt der Superhelden?

Die Antwort war so einfach wie überraschend. Ich hatte vollkommen vergessen, dass Jonathan Hickman damit betraut wurde, das Ultimate-Universum wieder aufzubauen. Warum wieder? Anfang der 2000er begann, mit Ultimate Spider-Man von Brian Michael Bendis und Mark Bagley, ein neues Universum innerhalb des Marvel-Kosmos. Es sollte für Autorinnen und Künstlerinnen eine Möglichkeit sein, ohne Jahrzehnte alte Traditionen und eine ebenso lange währende Geschichte, Charaktere neu zu denken. Sie neu zu interpretieren und frische Geschichten zu erzählen. Doch irgendwann hat man sich dazu entschlossen, das Ultimate-Universum sterben zu lassen und ein paar wenige Charaktere in das Haupt-Universum von Marvel zu implementieren.

Wie mittlerweile wahrscheinlich hinlänglich bekannt sein sollte, besteht der Marvel-Kosmos aus einem Multiversum. Das heißt, es existieren mehrere Universen parallel nebeneinander. So kann man unterschiedliche Interpretationen derselben Charaktere haben. Sie unterscheiden sich durch ihre Entstehungsgeschichte, Einstellungen, Geschlecht, Umgebung; einfach in allem, was man sich vorstellen kann. Jedem dieser Universen ist eine Nummer zugeteilt. Das Haupt-Universum hat die Nummer 616. Das ist insofern großartig, als es dieses Haupt-Universum nicht zu etwas Besonderem macht. Es ist eine Welt unter vielen und diese ist eben zufälligerweise diejenige, die wir in den Comics verfolgen und sehen. Bei DC ist das etwas anders; hier bezeichnet man das Haupt-Universum oder dessen Erde als »Prime Earth«. Es gibt also nur eine richtige, von der alles andere ausgeht. Bei Marvel können alle das richtige Universum sein. Es gibt keine Hierarchie per se.

Wie dem auch sei, das alte Ultimate-Universum wurde also ausgelöscht. Dieses Universum hatte die Kennung 1610. Nun hat Jonathan Hickman, gemeinsam mit dem Künstler Bryan Hitch, 2023 ein neues Ultimate-Universum erschaffen. In der vier Ausgaben umfassenden Mini-Reihe Ultimate Invasion kreiert ein böser Reed Richards (The Maker) dieses neue Universum (das hat die Kennung 6160). Doch in diesem gibt es keine Helden. Der Maker kommt ursprünglich aus der alten 1610-Welt und hat somit das Wissen von zwei Welten. In der von ihm erschaffenen neuen Welt will er herrschen, ohne lästige Superhelden. So vereitelt er (fast) alle Entstehungsgeschichten. Kein Spider-Man, kein Black Panther, keine Avengers.

Ultimate Invasion ist oberflächlich betrachtet eine mehrere Universen umspannende, epische Geschichte. Doch bei genauerem Betrachten erzählt sie eigentlich nur die Geschichte einer Handvoll Charaktere. In dessen Zentrum steht allerdings nicht der Maker, sondern Howard Stark. Tony Starks Vater, der in diesem Universum 6160, eine Verschwörung aufdeckt, die er nicht stehen lassen kann. Es ist eigentlich eine sehr intime Geschichte, die ich so nicht erwartet habe. Die Conclusio findet dann in dem One-Shot-Comic Ultimate Universe statt und gibt den Startschuss für die weiteren Ultimate-Comics: Spider-Man, Black Panther, X-Men und The Ultimates.

Bisher habe ich zwar nur Ultimate Invasion, Ultimate Universe und ein paar Ausgaben von Ultimate Spider-Man (ebenfalls von Jonathan Hickman, mit den Künstlern Marco Checchetto und David Messina) gelesen. Ich bin allerdings sehr begeistert, wie scheinbar mühelos es Hickman gelingt, persönliche, kleine Geschichten inmitten eines epischen Konflikts zu erzählen. Wie auch schon bei den X-Men, die er 2019 in eine neue Krakoa-Ära führte, schafft er erneut eine vielleicht angestaubte Idee, mit frischem Wind zu füllen. Erst einmal werde ich definitiv bei den Ultimate-Comics bleiben, und mich danach erst anderen Ausgaben widmen, die sich im 616-Universum abspielen.

Das Ultimate-Universum war immer ein Ort, wo man mit alten Traditionen brechen und neues ausprobieren konnte. Es blieb manchmal hinter diesen Erwartungen zurück. Vielleicht hat man sich nicht getraut oder den Autor*innen künstlerische Fesseln angelegt. Deshalb freut es mich umso mehr, dieses tolle Universum sich neu entfalten zu sehen. Ich weiß nicht mehr wo, aber in einem Podcast habe ich vor vielen Jahren einmal die Idee gehört, dass man das Ultimate-Universum als temporäres Konstrukt sehen sollte, das alle 10 Jahre oder so neu gedacht wird. Jetzt gibt es eben Jonathan Hickmans Version davon, wo sich natürlich auch andere austoben und Charaktere neu erfinden können. Später gibt es vielleicht wieder ein neues und so weiter. Ich halte das für eine gelungene Idee, so kann das Ultimate-Universum kontemporärer, moderner und mit mehr Risiken gedacht werden, als es beim herkömmlichen 616 möglich wäre.

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