Mit den Guardians of the Galaxy hat Marvel eine komplett neue Truppe ins MCU eingeführt. Eine Truppe, die vor dem Film kaum Bekanntheit hatte – außer natürlich bei Comic-Fans. Insofern war es durchaus ein Risiko, diesen Film zu machen. James Gunn sollte die Guardians ins Leben rufen. Er schaffte es nicht nur, diese seltsamen, unbekannten Charaktere gut ins MCU zu integrieren und einem neuen Publikum vorzustellen, Gunn machte sie schnell zu einem Fan-Liebling.
Wer konnte vor 2014 schon ahnen, dass zwei CGI-Charaktere dermaßen beliebt sein würden? Das liegt nicht nur am hervorragenden Design und der realitätsnahen Umsetzung. Rocket und Groot fügen sich quasi perfekt und fehlerfrei in die reale Umgebung des Films ein. Die Synchronsprecher darf man dabei selbstverständlich nicht außer Acht lassen: Bradley Cooper und Vin Diesel für diese Rollen zu engagieren, war ein genialer Schachzug. Wer sich noch nie die YouTube-Videos von Vin Diesel bei den Aufnahmen für Groot angesehen hat, verpasst etwas. Er spricht die Rolle mit einer Inbrunst, andere können sich eine Scheibe davon abschneiden. Aus den drei Wörtern »I«, »am« und »Groot« holt er alles heraus, was nur geht. Bradley Cooper muss sich aber nicht verstecken. Seine Leistung als Rocket ist ebenso klasse.
Was mich an Ensemble-Filmen immer wieder begeistert, vorausgesetzt sie sind gut gemacht, ist die Art, wie die unterschiedlichen Charaktere zusammenfinden. Besonders in Superhelden-Filmen ist dies nicht immer ganz so einfach. Wir als Zuschauer*innen haben einen unfassbaren Wissensvorsprung gegenüber den Charakteren. Wir wissen, dass sie irgendwann zusammenfinden und gemeinsam kämpfen, das Leben für die anderen opfern würden. Doch wie sieht es mit den Charakteren selbst aus? Sie benötigen erst die richtige Motivation, einen Grund, der überzeugend genug ist, dass sie dieses Team bilden. Wenn diese Motivation auf herbei gedichteten Begründungen fußt, sind die emotionalen Momente danach nichts wert. Heroische Momente können so schnell in der Irrelevanz verpuffen, ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
Deshalb finde ich es umso erstaunlicher, dass es James Gunn und seinem Team gelungen ist, diese außergewöhnlichen Charaktere, in einer Umgebung, die wir zuvor nicht kannten, dermaßen organisch zusammenzuführen. Es wirkt nie erzwungen. Zuerst wollen manche den Infinity-Stone, um dessen Macht für sich zu beanspruchen. Andere wollen Peter Quill entführen, um ein Kopfgeld einzusacken. Wieder andere wollen den Mörder ihrer Familie rächen. Am Ende retten sie gemeinsam die Welt Xandar vor Ronan the Accuser und man kauft es dem Film in jeder Sekunde ab.
Das alles geschieht allerdings nicht, weil ein Plot in diese Richtung gezwungen hat, aus arbiträren Gründen, sondern weil sie für etwas Größeres als sich selbst einstehen möchten. Sie wachsen im Laufe des Films über sich hinaus, entwickeln sich und dürfen Einsichten, Erkenntnisse haben. Das merkt man bereits früh im Film, dass die Charaktere in der Lage sind, tiefer zu blicken, als man vielleicht vermuten würde. Beispielsweise wenn Peter die Wunden von Rocket sieht, nachdem sie im Gefängnis angekommen sind.
Drax Motivation, seine Familie zu rächen, ist zwar ein initialer Grund, sich den Guardians anzuschließen, doch seine im Film begangenen Fehler führen zu der Erkenntnis, dass es vielleicht nicht so schlecht ist, sich mit einem Team um seine Gegner zu kümmern (und Thanos zu töten). Gamora hat ebenso ihre Gründe, wie Rocket oder Groot, sich mit den anderen zu verbünden. Und selbst wenn diese Gründe weiterhin vorhanden sind, bleiben sie nicht der eine treibende Faktor hinter den Charakteren. Sie sind vielschichtiger als das. Das hilft natürlich ebenso, die immer wieder aufkommenden Konflikte zu überwinden und zusammen weiterzukämpfen. Mit diesen teils schweren Thematiken (man denke nur an die Beschreibungen von Rocket, was ihm nicht alles angetan wurde), schafft es der Film allerdings trotzdem unfassbar lustig zu sein. Es ist keine leichte Aufgabe, diesen Humor natürlich wirken zu lassen und trotzdem die ernsteren Momente wirken zu lassen. Guardians of the Galaxy schafft diesen Spagat allerdings noch recht gut. Beim zweiten Teil bin ich mir da nicht mehr so sicher; der kommt aber früher oder später auch noch dran.
Guardians of the Galaxy ist ein großartiger Eintrag ins MCU. Die letzten drei Filme könnten nicht unterschiedlicher sein. Von Thors göttlichen, mythischen Abenteuern über Captain America, einem Spionage-Polit-Thriller, bis zu den Guardians hatten wir verschiedene Genres und trotzdem fühlen sich alle nach demselben Universum an. Wir bekommen hier einen Science-Fiction-Film, der seine Figuren und deren lange Geschichte mit Respekt behandelt und sich trotzdem nicht zu ernst nimmt. Um ein Zitat aus dem Film zu paraphrasieren: They may be a-holes, but they’re not total dicks.