Ab wann zählt etwas als Tradition? An Silvester bin ich nunmehr schon zum zweiten Mal zu Freunden nach Stuttgart, genauer gesagt Tübingen gefahren. Für mich ist es eine schöne Art, das Jahr abzuschließen und ein neues zu beginnen. Ich weiß heute schon, am Abend des 1. Januar, wo ich diesen Text hier verfasse, dass ich für den nächsten Jahreswechsel wieder dorthin fahren werde. Es ist auf etwas, das ich mich verlassen kann, das einen ähnlichen Ablauf hat – jedes Mal. Doch trotzdem ist es immer wieder schön, es werden neue Dinge probiert, die Themen ändern sich, über die gesprochen wird. Andere Aspekte wiederum laufen nach einem ähnlichen Schema ab, wiederholen sich und geben dem Ganzen eine Rahmung.
Vielleicht ist das, was für mich eine gelungene Tradition ausmacht. Etwas, das sich für einen selbst und die Menschen darum herum entwickelt hat. An dessen Gestaltung man mitwirken kann. Die Stabilität einer etablierten Tradition, die allerdings trotzdem nicht festgefahren ist, die mit der Zeit und den Menschen mitgeht. Menschen entwickeln sich weiter, verändern sich, lernen hoffentlich neue Dinge kennen und lassen andere Perspektiven zu. Traditionen können so natürlich weitergegeben und übernommen werden, doch sollten sie stets flexibel genug sein.
Deshalb mag ich am Ende des Jahres das Konzept von Weihnachtsfeiern. Man setzt sich mit Kolleginnen und Kollegen zusammen. Spricht über die Arbeit, was gut und was schlecht gelaufen ist, widmet sich jedoch genauso privaten Themen. Ein Revue passieren lassen des Jahres und Wünsche an das neue werden gerichtet. Weihnachtsfeiern gibt es allerdings ebenso im privaten Bereich. Mit Freund J. hat sich unter anderem eine Tradition entwickelt, dass wir jedes Jahr vor Weihnachten noch einmal essen gehen.
Das ist etwas, was wir fast jede Woche machen, mit Führungen, in neuen Lokalen oder an etablierten Plätzen. Trotzdem ist es vor Weihnachten noch einmal etwas Besonderes, da es wahrscheinlich das letzte Mal in diesem Jahr sein wird. Die Stimmung ist anders, das Herangehen auf eine Weise entspannter. So hektisch manche in der letzten Arbeitswoche sind oder vor Weihnachten noch etwas erledigen wollen, so entspannt wird es mit der Zeit auch.
Das ist doch das schöne, wenn man erwachsen ist. Man kann selbst entscheiden, welche Traditionen es wert sind, fortgesetzt zu werden und welche lieber ad acta gelegt werden sollten. Mit welchen Menschen man seine Zeit verbringen möchte. Weihnachten gehört für mich der Familie, Silvester ist etwas anderes. So soll für mich das Jahr enden, mit den Menschen, die mich mitunter am besten kennen. Mit denen ich lache, aber genauso über tiefgründige und sehr persönliche Dinge sprechen kann. So kann das neue Jahr positiv starten. Denn egal, was die Weltlage bringen wird, ich kann es zum einen ohnehin nicht beeinflussen. Und zum anderen weiß ich, ich habe Menschen in meinem Leben, mit denen sich schwierige Zeiten durchstehen lassen.
