Normalerweise schreibe ich die Texte zu den Filmen oder Serien, die ich mir ansehe, erst am nächsten Tag. Ich lasse das Gesehene etwas auf mich wirken, denke darüber nach, stöbere auf Wikipedia und anderen Seiten herum. Doch es juckt mir unter den Fingern, meine Gedanken zu Endgame sofort niederzuschreiben. Über zwei Monate habe ich für einen Rewatch der Infinity Saga gebraucht (die Texte dazu erscheinen allerdings nur wöchentlich). Für dieses Finale (Spider-Man: Far From Home sehe ich eher als Epilog) habe ich mir extra Mikrowellen-Popcorn gemacht, ein Fläschchen Römerquelle Emotion geöffnet und wollte so einfach nur den Film genießen. Diesen Text schreibe ich nun bei einem Gläschen Baileys mit Zimtschnecken-Geschmack – zur Feier des Tages. Also, lasst uns über Endgame sprechen.
Wenn man das Wort »Fan-Service« in den Mund nimmt, hat dies meist einen etwas negativen Beigeschmack. Man denkt vielleicht an überfrachtete Filme, Serien, die zu sehr in ihrer Geschichte schwelgen oder alte Charaktere, die immer wieder vor die Kamera gezehrt werden. Alles, um eine Reaktion beim Publikum auszulösen. Doch für mich ist Avengers: Endgame genau das: perfekter Fan-Service. Ein besseres Finale hätte man für die Fans und die Charaktere nicht machen können. Über 10 Jahre sind die Fans Marvel und dem MCU treu geblieben. Wir haben mitgefiebert, Trailer analysiert und mit großen Erwartungen auf die nächsten Projekte und Ankündigungen gewartet. Endgame würde schlussendlich knapp 2,8 Milliarden Dollar einspielen. Diese Treue in diesem Ausmaß belohnt zu sehen, ist einfach nur großartig.
Die Zeitreise, die sich im Film als das Mittel der Wahl herausstellt, um den Fingerschnipp von Thanos ungeschehen zu machen, eignet sich wunderbar als eine Möglichkeit, die vergangenen 11 Jahre Revue passieren zu lassen. Es werden die Höhepunkte noch einmal besucht. Das allerdings auf eine Weise, sodass man als Fan einen neuen Blickwinkel auf bestimmte Situationen erhält. Natürlich ist es nicht vorbei, nur weil die gerade frisch gegründeten Avengers vor dem besiegten Loki posieren. Es geht danach für unsere Held*innen noch weiter. Nur haben wir das im Film nicht gesehen. Nun bekommen wir die Möglichkeit, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, wenn man so will. Man sieht beispielsweise, wie bescheuert es von außen aussieht, beobachtete man Peter Quill auf seinem Weg zum Space Stone. Steve (und damit auch das Publikum) bekommt unter dessen seine Entwicklung zwischen New York 2012 und heute (von Endgame aus gesehen) vorgeführt.
Doch nicht nur das passiert in diesen Rückblenden. Manche Charaktere bekommen eine zweite Chance. So wie Tony mit seinem Vater. Tony kann seinen Frieden mit ihm finden. Steve auf der anderen Seite sieht Peggy wieder und wie viel er ihr tatsächlich bedeutet hat. Wir haben das Bild von einem jungen Steve, bevor er das Serum bekommen hat, auf Peggys Schreibtisch zwar bereits sehen dürfen, doch er hat es jetzt das erste Mal mitbekommen. Was ihn wahrscheinlich in seiner schlussendlichen Entscheidung bestärkt hat, den Tanz, den er ihr vor so vielen Jahren versprochen hat, endlich einzulösen. Es sind einfach großartige Momente, die die treuen Zuschauer*innen belohnen. Doch ebenso werden die Charaktere selbst belohnt, etwa Thor, der sich von seiner Mutter verabschieden darf. Die Momente funktionieren somit auch nur für diese Gruppe an Menschen, die von Anfang an dabei waren und alles angeschaut haben. Als Quereinsteiger ist man mit Endgame sicherlich heillos überfordert.
Was mich an dem Film jedoch schon immer etwas gestört hat, war der Umgang mit Thors offensichtlicher Depression durch die traumatischen Ereignisse aus Ragnarok und Infinity War. Ich kann mich täuschen, aber für mich hat das Publikum es stets als Witz abgetan. Ja, es ist unerwartet, einen übergewichtigen Thor zu sehen, aber wenn man den Film ohne Publikum zu Hause sieht und nur die eigenen Reaktionen hat, merkt man erst, wie durchaus akkurat die Darstellung von Thors psychischen Problem ist. Thanos darf in seiner Nähe nicht einmal erwähnt werden, weil er sonst PTBS-ähnliche Reaktionen bekommt. Er trinkt viel, hängt nur zu Hause herum und würde wahrscheinlich komplett untergehen, wenn ihm nicht seine neuen Freunde Korg und das Insektenwesen Gesellschaft leisten würden. Chris Hemsworth leistet hier hervorragende Arbeit. Durch dieses immense Tief ist der spätere Triumph daher umso kathartischer.
Ich dachte erst, es stört mich, dass sich die anderen Avengers und Held*innen nicht mehr um Thor gekümmert haben. Doch sie alle haben in den vergangenen fünf Jahren mit ihren eigenen Dämonen und Herausforderungen gekämpft. Steve hangelt sich an Selbsthilfegruppen entlang, die er halb leitet, halb selbst dort nach Erlösung sucht; Bruce kämpfte um einen neuen Status quo mit Hulk; Natalie sucht verzweifelt nach Problemen, die sie lösen kann; andere sind überhaupt nicht auf der Erde und versuchen anderen Planeten zu helfen. Das ganze Universum hat die Hälfte des Lebens verloren und versucht irgendwie, mit den Nachwirkungen klarzukommen. Dass dadurch so manche Kontakte hinten bleiben und man sich aus den Augen verliert, bis man die Truppe wieder zusammenrufen muss, ist dann ziemlich verständlich.
Eine Tatsache, die Endgame noch einmal schön unterstreicht, ist, welch ein brillanter Bösewicht Thanos ist. Sowohl von der Darstellung des Charakters her und wie er geschrieben ist, als auch in seinem Verhalten im Film. Er handelt nicht übereilig oder überstürzt. Er denkt nach, analysiert die Situation und bedenkt jedwede Information, die ihm neu zugespielt wird. Dass es Nebula sein muss, die durch ihr eigenes neuronales Netzwerk (oder wie man das nennen mag) die Zeitreisepläne der Avengers offenbart, ist eine wirklich tolle Ironie der Geschichte. So kann Thanos auch gleich zuschlagen, nachdem Bruce in einem äußerst großartigen Moment das Leben im Universum wieder herstellt. Doch Thanos schreitet nicht selbst zur Tat, sondern lässt sich die Infinity Stones bringen. Er sitzt währenddessen einfach nur da und wartet. In seiner Brillanz steckt ebenso viel Hybris und Arroganz. Das bietet natürlich die perfekte Gelegenheit für Iron Man, Captain America und Thor, sich ihrem Erzfeind anzunehmen.
Thor hat in diesem Fall sogar zwei Hämmer zur Verfügung. Es entfaltet sich ein großartig choreografierter, mit gut aussehenden Effekten versehener Kampf, der seinesgleichen sucht. Jeder der drei Helden spielt seine Kräfte aus und gibt alles. Steve darf sogar endlich das Versprechen von Age of Ultron einlösen und Mjölnir hochheben. Ich habe noch immer die Reaktionen des Kinosaals, in dem ich Endgame nicht nur einmal gesehen habe, im Kopf. Noch heute schaue ich gerne Reaktionen auf YouTube an, genauso wie die Reaktionen auf eine spätere Szene. Die darauf folgende Sequenz, in der Steve sowohl seinen Schild als auch den Hammer in aller Perfektion nutzt, lässt wohl jedes Fan-Herz höher schlagen. Es ist ein Triumph, den man sich wohl nie erwartet hätte, im Kino sehen zu dürfen. Ein wahrlich heroischer Moment. Diese Momente reihen sich in diesem finalen Kampf, in diesem Endgame, jedoch Schlag auf Schlag aneinander. Es ist ein Fan-Service. Es ist einfach nur schön zuzuschauen und Zeuge zu werden, was jahrelange Planung bewirken kann.
Doch Thanos ist zu stark für Steve. Am Ende des grandiosen Kampfes steht er ihm alleine gegenüber. Mit einem gebrochenen Schild in Händen. Er kann und wird niemals aufgeben. Es folgt der wohl beste Callback der Kinogeschichte: Sam gibt Steve den Funkspruch »On your left« durch. Dank Doctor Strange tauchen nun alle Held*innen auf, die wir in den vergangenen Jahren begleiten durften. Sie sind zurück im Universum und eine neue Hoffnung breitet sich aus. So spricht Captain America zum ersten und letzten Mal die Worte, die man schon immer aus seinem Mund hören wollte: »Avengers, assemble«. Dazu kommt der Soundtrack von Alan Silvestri, der in den beiden Avengers-Filmen sein Bestes gibt und sowohl alte Themen wieder aufgreift als auch neu interpretiert und neue einfließen lässt. Es kommt das Beste aus den vergangenen Jahren zusammen. Peter Parker und Tony haben einen herzerweichenden Moment. Die Heldinnen des MCU dürfen sich zusammenschließen und den Infinity Gauntlet gegen die Heerscharen von Thanos verteidigen. Wenn Thanos nicht verzweifelt genug gewesen wäre und seine tödlichsten Kanonen auf das Schlachtfeld niederregnen ließe, hätte ihn Scarlet Witch aka Wanda mit Sicherheit auseinandergenommen. Wieder so ein kathartischer Moment, bei dem ich schon Gänsehaut bekomme, wenn ich daran denke.
Wanda: You took everything from me!
Thanos: I don’t even know who you are.
Wanda: You will.
Doch nicht nur Wanda bekommt ihre Chance, sich Thanos entgegenzustellen. Auch Carol Denvers darf sich mit Thanos messen und hätte ihn mit Sicherheit ebenso besiegt, wenn er sich nicht eines Infinity Stones bedient hätte. In diesen Kämpfen sieht man Thanos Erbarmungslosigkeit und seinen Einfallsreichtum. Immer wieder passieren tolle Schlagabtausche. Es gibt einfach zu viele tolle Momente in dieser Schlacht und im Film sowieso, als dass ich hier auf alle eingehen könnte. Ich hatte noch nicht einmal eine Chance, Natashas Opfer zu erwähnen. Der Streit zwischen Clint und ihr, wer sich nun für wen opfern darf, ist ebenso toll umgesetzt, wie Scott Langs Ankunft in einer Welt, die alles verloren und fünf Jahre getrauert hat. Oder das immer wieder aufkommende Thema des Vertrauens zwischen Tony und Steve. Wie tief die Verletzung aus Civil War bei Tony sitzt, bekommt man relativ am Anfang von Endgame schmerzlichst zu sehen. Doch sie lernen damit umzugehen und vergeben sich am Ende doch. Sonst hätten sie am Ende die zweite Zeitreise nie angetreten.
Avengers: Endgame ist das Ende einer langen Reise. Der 22. Teil einer Saga, die es so nicht wieder geben wird. Es ist und bleibt ein einzigartiges Unterfangen. Egal, was Marvel mit dem MCU treiben wird und was sie zukünftig auffahren, die Infinity Saga können sie nicht wiederholen. Dafür hat sich Marvel, Disney und die Welt zu sehr verändert. Aber darüber reden wir ein anderes Mal. Es ist einfach nur schön, Endgame und die Reise dorthin immer wieder antreten zu können, egal was noch kommen mag. Kevin Feige und sämtliche Autorinnen, Produzentinnen, einfach alle, die daran mitgearbeitet haben, haben uns etwas wahrlich großartiges geschenkt. Und welche Größen an Schauspieler*innen mitgewirkt haben, sieht man bei Tonys Beerdigung. Alle stehen am Ufer und gedenken des Opfers, das Tony erbringen musste, um Thanos zu besiegen.
Doch ehe der Film vorbei ist, gibt es noch die Credits, die alle Namen auflisten, die in Endgame mitgewirkt haben. Durch die Zeitreise haben es die Russo Brüder geschafft, alle wichtigen Charaktere noch einmal auftreten zu lassen und sei es nur für wenige Sekunden. Sie alle sind noch einmal zu sehen und dürfen sich quasi von den Fans verabschieden. Die größte Ehre und Aufmerksamkeit bekommen dabei natürlich die originalen Avengers. Jeremy Renner, Mark Ruffalo, Scarlett Johansson, Chris Hemsworth, Chris Evans und natürlich Robert Downey Jr. bekommen ihre eigene Karte, mit ihrer Unterschrift versehen. Dazu ertönt der originale Avengers-Soundtrack in neuem Klang und unterstreicht so das Ende der Reise.
Bevor wir uns eine kleine Pause von den „offiziellen“ MCU-Filmen nehmen, sehen wir uns noch den Epilog Spider-Man: Far From Home an. Die Welt mag einen Helden verloren haben. Doch für Peter war er Mentor und eine Vaterfigur. Ich bin tatsächlich gespannt, wie der Film auf mich wirken mag. Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen und bin offen für Überraschungen.