Mit Far From Home endet die Infinity Saga nach 23 Filmen. Ich halte es für eine gute Entscheidung, dass Endgame nicht das direkte Ende war, sondern es noch eine Art Epilog mit Spider-Man gibt. Immerhin hat sich Tony als Mentor und Vaterfigur für Peter heraus getan. Dadurch bekommen wir mit diesem Film die Möglichkeit, uns nicht nur von dieser Geschichte des MCUs zu verabschieden und natürlich von Tony, sondern erfahren ebenso, wie die Zeit nach dem Fingerschnipp von Thanos war. 5 Jahre mussten die Menschen ohne die andere Hälfte auskommen, nur ums sie dann plötzlich alle wiederzuhaben. Wenn das keine traumatische Erfahrung ist, dann weiß ich auch nicht.
Gleich zu Beginn wird klar, dass sich die Welt verändert hat. Immerhin sind alle, die zurückgeblieben sind, um 5 Jahre gealtert. Diejenigen, die durch die Infinity Stones und Thanos ausgelöscht wurden, kamen jedoch wieder so zurück, wie sie vorher waren. Eine Diskrepanz, die erst einmal überwunden werden muss. Es muss ein Schock sein, geliebte Menschen erst zu verlieren und dann jahrelang zu versuchen, ohne sie zu leben. Nur um sie dann plötzlich wieder unter sich zu wissen. Wie macht man weiter? Was sind die Probleme und Herausforderungen, die sich dadurch ergeben? Wie geht die Schule damit um? Alles Fragen, die zu komplex und vielfältig sind, um sie in einem Film darzustellen. Hier wäre tatsächlich eine Serie spannend gewesen. Peter Parker hat jedoch nicht wirklich Zeit, die Dinge zu verarbeiten. Nick Fury kommt ihm da etwas dazwischen.
Ein Spider-Man-Film mit Quentin Beck aka Mysterio arbeitet selbstverständlich viel mit Illusionen und Tricks. Deshalb scheint die Frage wichtig, wie viel von Nick Fury und Agent Hill wir wirklich sehen. Ich würde schätzen, gar keine, denn zumindest Fury ist, wie wir durch die Post-Credit-Szene sehen, irgendwo im All unterwegs. Somit sind die beiden Skrulls, die Fury und Hill vertreten, für die Interaktionen mit Peter verantwortlich. Im Nachhinein lässt sich das natürlich immer leicht sagen, jedoch kamen mir die „Motivationsreden“ von Fury schon immer etwas suspekt vor. Peter liegt psychisch sowieso schon am Boden, da tritt er noch mit der Verantwortung, dass die Welt Spider-Man benötigt und er nun im Besitz eines Milliarden-Dollar schweren Verteidigungsnetzwerkes ist, nach.
Ich frage mich sowieso, warum es ausgerechnet Nick Fury ist, der Peter die Brille mit E.D.I.T.H. an Peter übergibt. Sollte das nicht Happy sein? Dieser kennt sich zumindest ein wenig damit aus, würde ich vermuten und könnte Peter etwas sanfter an die Sache heranführen. Auf der anderen Seite hat Quentin Beck, der scheinbar aus einem Paralleluniversum stammt, Fury und Hill darauf hingewiesen, dass die Erde kurz vor der Zerstörung steht. Sogenannte Elementals haben sich geformt und wollen die Erde vernichten. Warum und weshalb ist nicht so wichtig. Die Skrulls, die Fury und Hill vertreten, glauben dem dahergelaufenen, selbst ernannten Helden auch gleich. Ich war damals im Kino selbst fast davon überzeugt und gespannt, wie sie das Multiversum ins MCU einführen.
Die Auflösung, dass sich ehemalige Mitarbeiter*innen von Tony zusammengeschlossen haben, um Peter die A.I. und damit das Verteidigungsnetzwerk abzuluchsen, ist brillant gelungen. Es ist großartig, wie die einzelnen Puzzleteile zusammengeführt werden und ein stimmiges Bild ergeben. Quentin und die anderen haben das perfekte Zeitfenster erwischt. Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte dieser Heist nicht funktioniert. Es brauchte die Abwesenheit von Fury, Peters traumatische Erfahrungen gekoppelt mit der Überforderung an Verantwortung und eine Welt, die sich gerade erst von einer unvergleichlichen Katastrophe erholt. Jake Gyllenhaal ist fantastisch und geht sichtlich in seiner Rolle als Schurke auf. Das Kostüm sieht toll aus und verbindet die Comic-Ursprünge von Mysterio gekonnt mit dem modernen Touch eines MCU. Man merkt auch, dass Gyllenhaal und Holland tatsächlich gute Freunde geworden sind, sie haben eine tolle Chemie zusammen.
Spider-Man außerhalb von New York zu sehen, ist ebenso eine herausragende Idee und bringt frischen Wind in die Spider-Man-Reihe. Wir haben über die Jahre schon viele Bedrohungen in New York gesehen, da ist es schön, wenn Peter und seine Freunde einen Abstecher nach Europa machen. Die Locations sind toll gewählt, abwechslungsreich und zeigen eine durchaus bunte, farbenfrohe und helle Seite, die man von Spider-Man aus den Comics gewohnt ist. Die Bilder vermitteln einen optimistischen Unterton, auch wenn die Geschichte an sich eher tragisch ist. Jon Watts und seinem Team gelingt es eine gekonnte Fortsetzung auf die Beine zu stellen, die zwar vieles anders macht und mit den Nachwirkungen von Thanos umgehen muss, aber trotzdem eine eigene Geschichte erzählt.
Die Entwicklung, die Peter hier durchmacht, geht zwar relativ schnell, aber ist ebenso nachvollziehbar. Durch Quentin lernt er erst so richtig einzuschätzen, was er selbst möchte und sich nicht zu sehr auf die Erwartungen anderer zu stützen oder diesen gerecht werden zu sollen. Ich mag beispielsweise den Moment zwischen Peter und Happy gegen Ende des Films. Davon hätte es gerne mehr geben dürfen. Sie trauern beide um Tony und müssen nun in einer Welt ohne ihn zurechtkommen. Peter zu sehen, wie er seinen eigenen Anzug zusammenstellt und schließlich in der Lage ist, Quentin zu besiegen – auf seine eigene Art und nicht wie es Iron Man getan hätte – ist großartig und beendet in gewisser Weise seine Heldenreise. Spider-Man ist inzwischen ein eigenständiger, etablierter Held, der selbst mit seinen Problemen zurechtkommen muss.
Die Effekte sehen wieder großartig aus. Besonders mag ich die Sequenz, in der Spider-Man in den Illusionen von Mysterio gefangen ist. Als wären die Comic-Panels zum Leben erweckt worden. Wirklich fantastisch umgesetzt und es kommt eine Furcht einflößende Atmosphäre auf. Doch mit dem Sieg über Mysterio ist es leider nicht vorbei. Dieser hatte noch ein letztes Ass im Ärmel. So kommt niemand geringeres an die Aufnahmen, kurz vor Quentins Tod, als J. Jonah Jameson. Damit enthüllt er für New York und die ganze Welt, wer hinter der Maske von Spider-Man wirklich steckt. Und wer könnte die Rolle des manischen Journalisten besser verkörpern, als derjenige, der diese schon 2002 innehatte: J.K. Simmons. Hut ab, Kevin Feige. Toller Schachzug.