Geek-Planet | The Walking Dead: Staffel 3

Es ist Donnerstag und das bedeutet, wir sehen uns einen alten Text von mir an. Jede Woche suche ich mir einen heraus, redigiere diesen, versehe ihn mit einer Einleitung und veröffentliche ihn erneut. So sollen alle alten Texte von mir irgendwann hier auffindbar sein, die ich für meinen ehemaligen Blog »Geek-Planet« geschrieben habe. Den Blog gibt es allerdings nicht mehr. Der folgende Text stammt vom 14. Oktober 2015.

Immer wieder bin ich fasziniert davon, welche Erkenntnisse ich aus den alten Texten herausholen kann. Zum einen überrascht es mich, dass ich mir die dritte Staffel von The Walking Dead scheinbar innerhalb von zwei Tagen angeschaut habe. Das würde ich heute nicht mehr tun.

Zwar schaue ich gerne regelmäßig am Abend Filme oder Serien oder verliere mich in einem Spiel, aber Binge-Watching oder Binge-Gaming tue ich heute nicht mehr. Ich erinnere mich noch, dass ich beispielsweise die beiden Fortsetzungen von Assassins Creed II an jeweils einem Wochenende durchgespielt habe, als diese frisch erschienen sind. Mittlerweile genieße ich es, mir Zeit zu lassen und die Erfahrung dieser tollen Medien und der Geschichten, die sie zu erzählen haben, nicht zu überstürzen. Klar gibt es mal längere Spiele-Sessions, aber das sind dann ein paar Stunden und nicht gleich ein ganzer Tag. So ändern sich eben die Zeiten.

Für letzte Woche hatte ich mir den Text vom dritten Buch des Comics von The Walking Dead herausgesucht. Es kommt jetzt übrigens jede Woche The Walking Dead. Ich will etwas in diesem Universum bleiben, zumindest in Form meiner alten Texte dazu. Jedoch war mir nicht bewusst, dass ich zuerst die Serie und dann den Comics gelesen hatte. Eigentlich die falsche Reihenfolge. Ist der Comic doch um einiges erbarmungsloser, brutaler und mitreißender, als es die Serie je sein könnte. Meine Empfehlung wäre es also, erst den Comic zu lesen und dann die Serie zu schauen. Am besten auch nacheinander. Mein damaliger Wechsel zwischen den Medien hat nicht gutgetan. Ich habe ständig verwechselt, was wo passiert ist. Beide Geschichten, die sich durchaus voneinander unterscheiden, haben sich in meinem Kopf vermischt. Dabei haben es beide gleichermaßen verdient, auf ihre jeweilige Art geschaut oder gelesen zu werden.


Sieben Monate auf der Straße und das auch noch im Winter machen aus einer chaotischen Gruppe wohl ein beinahe perfekt organisiertes Team, das füreinander einsteht. Der Unterschied zur letzten Staffel ist wirklich gewaltig. Die Figurenzeichnung hat deutlich an Qualität zugenommen. Besonders Carl hat sich gemausert – er ist ein wertvoller Teil der Gruppe geworden und beteiligt sich an vielen Missionen. Man könnte ihn schon beinahe als Badass bezeichnen.

  • Developed by Frank Darabont
  • Cast: Andrew Lincoln, Sarah Wayne Callies, Laurie Holden, Norman Reedus, Steven Yeun, Lauren Cohan, Chandler Riggs, Danai Gurira, Michael Rooker
  • Musik: Bear McCreary
  • Executive producers: Frank Darabont, Gale Anne Hurd, David Alpert, Robert Kirkman u. a.
  • Erstausstrahlung: 14. Oktober 2012 auf AMC

“People with nothing to hide don’t usually feel the need to say so.” – Michonne

Anders als erwartet steigen wir bereits in dieser Staffel direkt mit dem Gefängnis ein, so wie es auch in der letzten Episode angeteasert wurde. Gekonnt schaltet die Gruppe alle Zombies im Vorhof und zwischen den beiden Zaunreihen aus. Anschließend geht es ins Innere und schon bald haben sie ein neues, sicheres zu Hause. Dieser Startpunkt gefällt. Zwar hat es auch seinen Reiz, wenn sie auf der Straße unterwegs sind und nicht wissen, was hinter der nächsten Kurve auf sie lauert, doch der Schauplatz bietet wie auch schon im Comic einen hervorragenden Ausgangspunkt für spannende Geschichten.

Ich dachte, ich benötige ein wenig Zeit, um mich wieder mit dieser Truppe vertraut zu machen, da sie sich doch etwas von der Vorlage unterscheidet, doch nach wenigen Minuten war ich in dieser Welt gefangen. Elf Folgen an einem Abend, dann durchgeschlafen und am Sonntagmorgen die restlichen fünf, so war meine Erfahrung mit der dritten Staffel von The Walking Dead. Ich mag solche »Binge-Watching-Events« sehr gerne, da man über einen längeren Zeitraum in dieser Welt bleibt und sich das Denken anpasst. Man bekommt das richtige Mindset und anschließend muss man sich erst wieder in der realen Welt orientieren. Es bereitet immer wieder Freude. Besonders deshalb, weil ich weiß, dass es bald wieder weiter geht – doch zuvor möchte ich den nächsten Comic lesen und mich etwas von den Geschehnissen erholen, denn zum Teil war es richtig harter Tobak, der den Autor*innen eingefallen ist.

Am markantesten in Erinnerung wird mir wohl die Geburt von Judith, Carls Schwester, bleiben. Auf der Flucht vor den Zombies, die durch den Alarm des Gefängnisses angelockt wurden, geraten Lori, Carl und Maggie in einen Raum und natürlich setzen die Wehen ein. So muss Maggie einen Kaiserschnitt durchführen. Ich benötigte anschließend erstmal eine kurze Pause. Der Regisseur ist unnachgiebig und lässt die Kamera immer am Geschehen, ohne einen wirklichen Schnitt – es geht immer weiter. Schließlich wird Lori von den Schmerzen ohnmächtig und stirbt am Blutverlust. Dass Carl ihr den Kopfschuss verpassen muss, damit sie nicht zu einem Zombie wird, hat mir dann endgültig den Rest gegeben. Eine wahnsinnige Szene, in der nicht nur die Schauspieler*innen eine Meisterleistung abgeliefert haben. Ricks anschließende Rache an den verbliebenen Zombies ist eine logische Konsequenz, und sein manisch brutaler Gang durch das Gefängnis ist nicht nur herzzerreißend, es führt schließlich auch zum Bruch seiner Psyche. Er kann eben nicht alles bewältigen und ist, wie auch schon Batman feststellen musste, eben doch nur ein Mensch. Andrew Lincoln erreicht hier einen Höhepunkt seines Könnens und hat mich vollkommen von seiner Manie überzeugt. Am liebsten würde man ihm eine Pause gönnen, ihn in eine Zelle sperren und einfach mal drei Tage durchschlafen lassen – verdient hätte er es sich.

Apropos intensive Szenen. Das Bild von Glenn und Maggie, wie sie von Merle und dem Governor gefoltert, bloßgestellt und psychisch unter Druck genommen werden, hat sich ebenfalls in mein Gedächtnis gebrannt. Man könnte sich immer mit dem Fakt aus der Situation retten, dass doch alles nicht echt ist, doch wenn es so real wirkt und die emotionale Verbindung mit den Protagonisten in dem Moment so aufgeladen und intim wirkt, kann man nicht anders als schockiert vor dem Bildschirm zu sitzen und fassungslos zuzuschauen. Man hofft auf ein baldiges Ende, doch den Autor*innen fallen immer grausamere Taten ein. Sie zeigen eindrucksvoll, dass die Walker nicht das Gefährlichste in dieser Welt sind. Und sie müssen nicht unbedingt nur erschossen und erstochen werden, sondern eignen sich super als primitive Folterinstrumente – wenn man sie nicht gerade für Showkämpfe zweckentfremdet.

Positiv aufgefallen ist mir allerdings (außer Schauspiel, Musik, Atmosphäre und Cinematographie), dass es zumindest innerhalb einer Staffel Konsequenzen gibt, wenn sie schon staffelübergreifend nicht funktionieren. So begleiten die beiden ihre Erfahrung über mehrere Episoden hinweg. Nicht nur die physischen, sondern vor allem die Mentalen.

Kommen wir von expliziten Szenen nun zu ein paar Figuren. Allen voran der Governor. Ihn lernen wir bald kennen und ich muss zugeben, dass er sich als nicht gerade der beste Bösewicht entpuppt. Er ist grausam, man möchte ihm nicht bei Nacht begegnen (oder auch bei Tag). Er ist ein richtiger Psychopath, der alles macht, um seine Ziele zu erreichen – Lügen, Manipulation, Mord, alles keine Fremdwörter für ihn – am liebsten möchte er die absolute Kontrolle über alles und jeden in der Umgebung. Doch irgendwie will er sich nicht so richtig als das ultimative Böse, das er darstellen soll, etablieren. Einerseits möchte er seine Familie zurück, andererseits möchte er mordend ein paar Städte beherrschen. Sein Konflikt mit Michonne kommt in der Serie auch nicht so wirklich rüber. Zwar verstehe ich, dass man aus Zeitgründen nicht alles zeigen kann oder will, doch diesen absoluten Hass kann ich nicht nachvollziehen. Als sie dann auch noch seine Zombietochter töten, ist es endgültig vorbei.

Da wir gerade dabei sind, auch Michonne gehört zu den interessantesten neuen Figuren. Ihre Talente, mit dem Samuraischwert allein, machen sie mysteriös und ihre Vergangenheit würde ich gerne näher kennen – da bin ich schon auf die Bücher gespannt, wo sie anscheinend auch eine größere Rolle einnimmt. Anfangs ist sie sehr schweigsam und so richtig warm ist sie mit Andrea nicht geworden, auch wenn sie knapp über sieben Monate miteinander verbracht haben. Sie scheint mit den anderen aus der Gruppe, schon aufgeschlossener zu sein und wird zum Ende hin richtig mitteilungsbedürftig. Ihre Stärke, Disziplin und Durchsetzungsvermögen werden der Gruppe noch guttun. Sie erinnert ein wenig an eine weibliche, härtere Version von Daryl.

Auch er ist nun endgültig in der Gruppe angekommen und sorgt sogar für das Baby. Er und Carol könnten ein nettes Paar abgeben, auch wenn ich nicht denke, dass dies je geschehen wird. Sie sind gute Freunde, die sich vertrauen. Zu sehen, wie er wieder mit seinem Idioten von Bruder weiterzieht, tut beinahe körperlich weh. Ich kann nachvollziehen, warum er es tut, doch es fühlt sich einfach falsch für ihn an. Da kann die durchaus positive Entwicklung von Merle nichts daran ändern.

Der Rest der Gruppe hat einen Platz und eine Funktion gefunden, mit der sie zurechtkommen. Glenn entwickelt sich zu einem durchsetzungsfähigen zweiten Anführer und ist nicht mehr mit dem Glenn der ersten Staffel zu vergleichen. Beth ist die Ersatzmutter für Judith und kümmert sich rührend um sie. Wenn sie anfängt zu singen und alle aus der Gruppe lauschen, bekommt alles ein heimeligeres Gefühl. Carol hält den Betrieb am Laufen und macht alles, angefangen vom Babysitten bis zum Erschießen von Zombies. Ihre Entwicklung gefällt mir ebenfalls hervorragend und ich hoffe, sie bleibt uns noch eine Weile erhalten. Es gibt noch eine Menge Punkte, die mir in dieser Staffel gut gefallen haben. Sei es das Wiedersehen mit Morgan, die Einführung von Tyreese und seiner Gruppe, Andreas Schlichtungsversuch mit den beiden Parteien, Miltons Entwicklung vom folgsamen Gehilfen zum aktiven Widerständler, Hershels innige Unterhaltungen mit jedem aus der Gruppe und so viel mehr. Sowohl die Fortführung der Geschichte als auch die der Charaktere überzeugen auf ganzer Linie und haben mich bis zur letzten Minute gefesselt. Ich bin mehr als gespannt, wie es weiter geht und denke, dass wir noch längere Zeit im Gefängnis verbringen werden.

Aber kommen wir mal etwas weg vom Inhalt der Serie und widmen uns etwas dem Aufbau – dem ich viel zu wenige Worte widme. Allein die Sets sind schon erwähnenswert. Die Wälder, das Gefängnis, die Stadt des Governor; alles fühlt sich echt an und nur selten kommt einem der Gedanke, das ist jetzt aber ein künstlich aufgebautes Modell.

Auch die Kameraeinstellungen, die teilweise mit einem ungewöhnlichen Blick auf das Geschehen überraschen, sind gut gewählt. In manchen Episoden starten wir zum Beispiel aus der Sichtweise eines Zombies, bevor wir den Protagonisten begegnen. Bei der Unterhaltung zwischen Rick und dem Governor blickten wir von oben durch eine Luke auf sie. Passend zu den Kamerafahrten und dem Geschehen ist auch die Musik ausgewählt. Nur selten nimmt man sie bewusst wahr, so wie es auch sein soll. Sie ist dazu da, das Geschehene zu unterschreichen, zu intensivieren.

Wie ihr seht, bin ich sehr beeindruckt, wie sehr sich die Qualität von Staffel zwei auf drei gesteigert hat. Wenn sie dies beibehalten können, stehen uns noch viele spannende Abenteuer bevor und am neugierigsten bin ich eindeutig darauf, wo es nach dem Gefängnis hingeht und wer schließlich den Governor tötet, außer er bleibt uns noch über längere Zeit erhalten.