XCU Rewatch | X2

Den Vergleich scheue ich zwar etwas, aber X2 ist für die X-Men-Filme das, was The Empire Strikes Back für Star Wars war. Hat uns der erste Teil noch in die Welt der Mutanten eingeführt, so konnte Bryan Singer mit der Fortsetzung einen Schritt weitergehen. Das Budget war etwas größer, die Charaktere etabliert. Nun ging es an das Verfeinern des Konzepts. Das gelang den Verantwortlichen bravourös. X2 ist einer der besten X-Men-Filme und kann sich heute, 22 Jahre später, immer noch sehen lassen.

Wir bekommen natürlich mehr Mutanten zu sehen. Allen voran Kurt Wagner, aka Nightcrawler. Die erste Sequenz des Films, in dem er das weiße Haus infiltriert und beinahe den Präsidenten tötet, auch wenn das sicherlich nicht das Ziel war, ist äußerst spannend gemacht. Mir ist erst dieses Mal aufgefallen, dass Kurt sein Gesicht geschminkt hat, damit man seine dunkelblaue Haut nicht sieht. Das Teleportieren und das dazugehörige Geräusch sind toll umgesetzt. In den Comics wird dies durch ein »Bamf« dargestellt, welches mittlerweile ikonisch ist. Es ist großartig, dies in einem Film umgesetzt zu sehen und dann auch noch mit dieser Detailtreue. Aber es ist nicht nur das Geräusch, auch der blau-schwarze Rauch gefällt. Kurt ist zudem ein toller Kontrast zu den X-Men, mit seiner schüchternen, demütigen Natur, seiner Religiosität und Selbstkasteiung präsentiert er diejenige Seite an Mutanten, die sich nicht einfach verstecken können, sondern die stets auffallen.

Ihm gehören manche der besten Szenen des Films. Sei es die Intro-Sequenz, das Verstecken in der Kirche oder der kurze Dialog mit Storm. Selbstlos rettet er Rogue, als sie aus dem Jet geschleudert wird, und stützt sich auf Storms Vertrauen in seine Fähigkeiten. Ein beeindruckender, vielschichtiger Charakter. Dass Wolverine in einer Situation etwas forsch zu ihm ist, kann ich nachvollziehen, da sie gerade mit dem Leben davongekommen sind und er ihn nicht kennt. Was ich allerdings nicht verstehe und das hat mich bereits im ersten Teil gestört, ist das Verhalten von Scott, auch bekannt als Cyclops. Immerhin soll er irgendwann die X-Men leiten, wenn Xavier nicht mehr dazu in der Lage ist, doch Führungspersönlichkeit ist er keine. Er lässt sich von Logan stets verunsichern, was seine Beziehung zu Jean anbelangt, und als er das erste Mal Kurt sieht, der gerade geholfen hat, ihnen das Leben zu retten und sie zu befreien, fährt er ihn harsch an. Ich mag diese Interpretation des Charakters nicht wirklich. Er wirkt unsympathisch, hitzköpfig und sein Matchogehabe passt gar nicht zum Charakter. In einer jüngeren Version vielleicht, aber hier soll er erwachsen sein, reifer, erfahrener.

Dafür ist Stryker umso besser dargestellt. Von Anfang an ist klar, dass er kein sympathischer Charakter sein wird. Er schreckt nicht davor zurück, eine Schule zu überfallen und Kinder gefangenzunehmen, hat seinen eigenen Sohn lobotomisiert, nur weil er ein Mutant ist und nutzt ihn für seine eigenen Ziele. Die Art, wie er in der Lage ist, Magneto dazu zu bringen, ihm alles über Charles Xavier und die Schule zu verraten, Scott und Charles gefangenzunehmen und Mutanten wie Deathstrike dauerhaft zu kontrollieren, ist erschreckend. Aber wirkt im Film glaubhaft. Er hat eben viel Erfahrung mit Mutanten und wie er sie sich zunutze machen kann. Logan ist da nur die Spitze des Eisbergs. Es ist schön zu sehen, dass Logan seine Vergangenheit weiterhin wichtig ist, aber als er darin nur Schmerz und vielleicht sogar eine freiwillige Entscheidung seinerseits sieht, merkt er, dass er sich damit nicht weiter befassen muss. Sie prägt ihn nicht. Sie definiert ihn nicht. Seine jetzigen Handlungen und Entscheidungen zählen. Und er entscheidet sich für die X-Men.

Die Stunts und die Action in dem Film sind auf einem neuen Level angekommen. Die Infiltration der Schule ist ein beeindruckendes Schauspiel. Man sieht noch die Spuren eines Rated-R Films. Hugh Jackman hat sich hier endgültig als der einzig wahre Wolverine etabliert. Die Inbrunst, mit der er den Charakter darstellt und Körperlichkeit, mit der er an den Charakter herangeht, ist grandios. Auch der Kampf mit Deathstrike, der ein tragisches Ende nimmt, da sie nichts für ihre Taten kann, ist schmerzhaft anzusehen und lässt erahnen, was Logan alles durchgemacht haben muss, in einem vergangenen Leben, an das er sich nicht mehr erinnert. Doch nicht nur er darf in neuem Licht glänzen, Storm macht ebenso eine Weiterentwicklung. Die Verfolgungsjagd in der Luft, die Wirbelstürme und Jeans aufkeimende Phoenix-Persönlichkeit weiß ebenso zu überzeugen, wie die Szenen im Damm. Sie sind dreckig, grausig und zeugen davon, dass Stryker alles daran setzt, zu gewinnen.

Der Film ist so toll und es passiert so viel, ich weiß gar nicht, wo ich weitermachen und wo ich aufhören soll. Pyro, der sich langsam aber sicher Magnetos Seite annähert, bis er ihm folgt. Charles’ Besuch bei Erik und der Schmerz in Eriks Gesicht, als er seinem alten Freund gestehen muss, ihn verraten zu haben. Es zeugt von einem tiefen gegenseitigen Respekt, dass sie zwar auf anderen Seiten stehen, aber trotzdem gewisse Grenzen nicht überschreiten. Rogue und Bobby, die irgendwie versuchen, ihre Beziehung auf das nächste Level zu bringen, aber nicht wissen, wie. Das quasi-coming-out von Bobby bei seinen Eltern als Mutant, welches wunderbar geschrieben ist und tolle Klischees aufweist. Queere Menschen können nur allzu gut nachvollziehen, wie sich Bobby wohl in der Situation fühlt und zeugt einmal mehr, dass die Mutant Metaphor für sehr vieles stehen kann. Schöne Ironie ist auch, dass Bobby es ist, der sich bei seinen Eltern als Mutant outet, wird er doch später in den Comics als schwul geoutet. Zwar auf eine sehr holprige Art, aber es gibt dieser alten Szene noch einmal mehr (unfreiwillige) Tiefe.

Wie schon der erste Teil kann sich die Fortsetzung ebenso noch sehen lassen. Das liegt daran, dass es eine gute Harmonie aus praktischen Effekten (unter anderem mit Miniaturen) und CGI ist, die man hier vorfindet. Die Geschichte ist etwas komplexer als noch im ersten Teil und vertraut darauf, dass sich die Zuschauer*innen darauf einlassen können. Es wird nicht zu viel erklärt oder immer überall auf Offensichtliches hingewiesen. X2 hat ein angenehmes Erzähltempo und verschwendet keine Minute. Wie bereits erwähnt mag ich gewisse Charakterisierungen nicht, aber abgesehen davon überzeugen sowohl die großen Action-Sequenzen als auch die kleinen Momente.

Besonders von den kleineren Momenten lebt so ein Film. Er zeigt uns die Charaktere in ihrem Alltag, von einer verletzlichen Seite. Sei es Logan, der nicht schlafen kann, durch die Schule streift und auf die Kinder aufpasst. Storms kleiner philosophischer Dialog mit Kurt oder einfach nur eine kurze Szene, wie eine Katze an einem gefrorenen Kaffee leckt. So haben wir als Zuschauer*innen die Möglichkeit durchzuatmen und sich auf die nächsten Szenen vorzubereiten. X2 ist eine großartige Fortsetzung, die sehr vieles richtig macht.