Es ist Donnerstag. Das heißt, wir werfen einen kleinen Blick in die Vergangenheit und schauen uns einen alten Text von mir an. Dieses Mal geht es zurück zum 27. Oktober 2016. Da erschien der folgende Text auf meinem ehemaligen Blog »Geek-Planet«, den es heute allerdings nicht mehr gibt. Trotzdem möchte ich, dass alle meine Texte an einem Ort versammelt sind.
Ich weiß, ich wiederhole mich, doch ich bin immer wieder überrascht, wie gut ich The Walking Dead fand. Unfassbar. Vor allem, so lange. Meine Vermutung war und ich meinte, mich erinnern zu können, dass die Rezension zum Auftakt der siebten Staffel ein regelrechter Verriss war. Weit gefehlt. Die Folge hat mich zwar auf vielen Ebenen schockiert und ich war danach seelisch am Ende, aber schlecht fand ich sie nicht. Ganz und gar nicht. Ich habe sie sogar verteidigt und gelobt. Wer hätte das gedacht? Aber es ist doch schön, wenn man sich selbst überraschen kann.
Den Text, den ich damals geschrieben habe, finde ich an sich okay. Nur manche Formulierungen könnte man besser machen. Das passiert mir aber auch heute noch, wenn ich versuche, zu viele Dinge in einen Satz zu packen. Lange Sätze an sich sind nicht das Problem, nur wenn die Schlussfolgerungen daraus nicht logisch sind. Oder wenn ich ein Wissen der Leser*innen voraussetze, das nicht verfügbar ist, weil ich mir gerade einen bestimmten Kontext zusammen denke, diesen allerdings nicht beschreibe. Das passiert hauptsächlich, wenn ich schnell mit einem Text fertig werden will. Aber an sich passt es, glaube ich, einigermaßen gut.
Nach einer langen Wartezeit geht es nun endlich The Walking Dead weiter. Viele der Protagonisten knieten in der letzten Folge vor Negan (Jeffrey Dean Morgan) und warteten auf sein Urteil. Viele haben gerätselt, wer es denn sein wird, der stirbt – doch wie so oft: Comicleser wissen mehr!
Fangen wir mit der allgemeinen Stimmung und dem Aufbau der Episode an. Wir sehen, wie Negan Rick die blutige Lucille (seinen mit Stacheldraht umwickelten Baseballschläger) vor die Nase hält. Alle sind verstört von dem, was vorgefallen ist. Wer die Comics kennt, weiß, was vorgefallen ist und man ist sowohl erleichtert als auch enttäuscht, die Hauptszene verpasst zu haben. Die Atmosphäre ist angespannt und kurz vor dem Zerreißen. Die Musik, die sehr zurückhaltend eingesetzt wird, trägt ihr Übriges zu einem nervenaufreibenden Auftakt bei. Der einzige Hinweis, den Negan liefert, ist eine Axt. Er deutet an, dass diese dem oder der Toten gehört hat und das Einzige, was ich mich in den nächsten 20 Minuten der Episode frage, ist: Wem gehört diese scheiß Axt?
Sie ist ein äußerst wirkungsmächtiges Plot-Device. Denn natürlich begehrt Rick gegen den Tyrannen auf und muss nun seine Lektion lernen. In so manchen Reviews habe ich gelesen oder gehört, dass manche nicht verstehen, warum Rick, nach allem, was er mitansehen musste, sich noch immer gegen Negan zur Wehr setzen möchte. Doch dies entspricht eben seinem Charakter. Hätte er dies nicht getan, würde dies sehr mit dem brechen, was man bisher in der Serie von ihm gesehen hat. Deshalb machen Negan und Rick einen gemeinsamen Ausflug mit dem Van. Dabei kann Negan auf sehr deutliche Art und Weise zeigen, dass er Rick unter Kontrolle hat. Zwar überlässt er es nicht dem Zufall, was geschieht, doch so wie er die Situation ausspielt, tut es einfach nur weh zuzusehen, wie er Rick zu brechen versucht, während dieser noch dabei ist, das Geschehene zu verarbeiten. Allmählich erfahren wir schließlich, was tatsächlich passiert ist. Zuerst nur in kurzen Rückblenden, wo glaubhaft gezeigt wird: Negan hätte alle oder zumindest einen Großteil der vor ihm Knienden umgebracht.
Ein weiterer Kritikpunkt, der immer wieder aufgeworfen wird, ist die Tatsache, dass es sehr lange dauert, beinahe die Hälfte der Episode, bis der Cliffhanger aufgelöst wird. Ich sehe darin jedoch keine Schwäche der Episode, sondern eine Stärke. Denn hätte man einfach am Anfang gezeigt, wie Negan auf sein Opfer einprügelt und diesen verstümmelt, hätte es nicht diese immense Wirkung gehabt, wie es jetzt nun einmal der Fall ist. Negan ist in den Comics jemand, der sich gerne Reden hört und sich Zeit lässt. Er ist intelligent und weiß, was er tut. Zwar mag er ein Monster sein, doch aus seiner Sicht hat alles einen Grund. Er versucht, Ordnung aufrechtzuerhalten. Deshalb muss er es der Gruppe um Rick langsam beibringen. Er muss sie brechen.
In den Comics ist es Glenn, der das zeitliche segnen muss: Es ist äußerst grausam. Später in der Geschichte stirbt dann auch noch Abraham (auf ähnliche Weise wie die Ärztin Denise in der letzten Staffel). Deshalb waren dies auch meine Favoriten, für diejenigen, die auch in der Serie ihr Ende finden. Was ich nicht erwartet habe, ist, dass die Autor*innen direkt beide opfern. Am heroischsten ist noch der Tod von Abraham. Nach dem ersten Schlag direkt auf den Kopf richtet er sich wieder auf und blickt seinen Peiniger an. Sagt sogar noch etwas zu seiner Freundin. Es spiegelt wunderbar seine Persönlichkeit wider. Der unbezwingbare Krieger. Doch Lucille ist hungrig nach Blut und Negan unerbittlich. Er malträtiert den Kopf von Abraham so lange, bis nichts mehr übrig ist und verspritzt sogar dessen Blut über die anderen.
Es ist eine schockierend brutale und grausame Szene. Meine Hochachtung an dieser Stelle an die Schauspieler. Jeffrey Dean Morgan verkörpert den Charakter des Negan derart glaubwürdig und perfekt, dass ich Angst vor diesem Mann verspüre. Die Macher schaffen es, eine Situation zu konstruieren, die ich noch intensiver erlebt habe als in den Comics. Aus Schock ist man allerdings nicht in der Lage, die Pausetaste zu drücken, sondern ist der Serie hilflos ausgeliefert. Daryl ist derjenige, der die Impulsaktion durchführt, die auch die Zuschauer*innen machen möchten. Doch sie kommt zu einem hohen Preis.
Was anschließend mit Glenn passiert, ist derart nah an den Comics, etwas Böseres hätte man sich nicht wünschen können. Der erste Schlag offenbart Glenns Gehirn, ein Auge fällt fast heraus und trotzdem ist er noch in der Lage, Worte an Maggie zu richten. Doch Negan erlöst sein Opfer nicht gleich. Er redet weiter, weiter und weiter. Nebenbei Glenn leiden zu sehen und ihn stammeln zu hören, war eine der schlimmsten und brutalsten Serienmomente, an die ich mich erinnern kann (und ja, ich habe Game of Thrones bereits gesehen). Die kommenden Schläge, die Glenn schließlich töten, sind sowohl eine Gnade für ihn als auch eine Gnade für den Zuschauer, denn es ist vorbei. Das Schlimmste ist überstanden. Mitgenommen vor dem Bildschirm sitzend, ist man am Ende seiner Kräfte und kann plötzlich nachvollziehen, wie sich die anderen fühlen.
Was diese Episode so unfassbar macht zuzusehen, ist nicht nur die physische Gewalt, die in ähnlicher Weise schon in anderen Serien präsentiert wurde. Was diese Episode über andere hinaushebt, ist der psychische Aspekt und die darstellerische Leistung von Jeffrey Dean Morgan. Dies äußert sich besonders im Finale der ersten Episode, wo sich Rick nach dem Tod von Glenn nicht zu voller Zufriedenheit des Tyrannen unterwirft und so gehen die Psychospielchen noch einmal weiter. Er soll den linken Arm seines eigenen Sohnes abhacken. Er quält sich, Carl sagt, es sei okay, Negan lacht und schreit ihn an – es ist der Höhepunkt (in vielerlei Hinsicht) dieser Episode, die nicht mit einem brutalen Akt endet, sondern mit der vollkommenen Unterwerfung. Rick ist gebrochen.
Der Auftakt zur siebten Staffel raubt dem Zuschauer so einige Nerven. Es ist erstaunlich, wie die Macher es zum einen schaffen, sehr nahe am Comic zu bleiben, sich aber trotzdem etwas Neues einfallen zu lassen. Die Negan-Storyline dauert in den Comics ziemlich lange (ca. 50 Ausgaben, wenn ich mich recht erinnere). So stehen die Chancen nicht schlecht, dass wir Jeffrey Dean Morgan in seiner Rolle über mehrere Staffeln hinweg bewundern und fürchten können. Dass diese brutalste Art der Einführung dem Charakter nicht schadet, sondern ihn heraushebt, sehe ich nicht als Problem. Er muss sich nicht noch einmal übertreffen in seiner Grausamkeit. Nach dieser Demonstration weiß jeder, wozu er in der Lage ist und wird ihn nicht hinterfragen. Ich bin sehr gespannt, wohin uns diese Staffel führen wird und wie die Episoden weiter aufgebaut sind. Doch vorerst muss die Gruppe Vorräte sammeln, denn in einer Woche will Negan die Hälfte davon haben.