Geek-Planet | The Walking Dead: S07E07

Der folgende Text erschien zum ersten Mal im Dezember 2016, auf meinem damligen Blog »Geek-Planet«. Diesen gibt es nicht mehr, trotzdem sollen alle meine Texte an einem Ort auffindbar sein. Aus diesem Grund suche ich mir typischerweise einmal die Woche einen alten Text heraus, redigiere diesen und veröffentliche ihn erneut. Doch für die erste Hälfte der siebten Staffel gibt es eine Ausnahme und wir machen eine kleine TWD-Woche.

Eine einzelne Folge mit über 1.700 Wörtern zu besprechen, ist nicht ohne. Doch mir gefällt dieser Text schon sehr viel besser als der, den wir uns gestern angesehen haben. Er wirkt dynamischer und spannender geschrieben. Ich mag die Vergleiche, die ich mit den Comics ziehe, und die immer wieder eingestreuten Kommentare. Ich weiß nicht, ob ich manche heute ebenfalls so geschrieben hätte, aber es ist eine Besprechung von TWD und da kommen nun einmal gewisse Themen auf. Außerdem war oder ist es meine Lesart von den Charakteren und meine Interpretation ihrer Handlungen. Insofern bin ich mit dem Ergebnis ziemlich zufrieden.


Eigentlich könnte man ja Wetten abschließen, welcher Ort jede Woche dran kommt. Denn wer hätte schon gedacht, dass wir diese Woche in Alexandria landen. Das bedeutet wahrscheinlich, dass wir sowohl das Kingdom, die Frauengemeinschaft am Strand und die Saviors erst wieder in der nächsten Hälfte der Staffel sehen werden. Die siebte Episode fühlt sich allerdings eher wie der Auftakt eines Halbfinales an und nicht wie eine komplette Episode, dafür endet sie zu abrupt. Doch dazu komme ich später noch.

“Kid. I ain’t gonna lie. You scare the shit out of me.” – Negan zu Carl

Der kurze Einstieg beginnt mit Michonne, die sich bei den Matratzen wieder findet, die von den Saviors verbrannt wurden. Haben wir sie seither wirklich nicht mehr gesehen? Ist diese Folge daran also direkt anschließend? Ich finde ihre Reaktion ziemlich interessant, aber beunruhigend. Nachdem sie sich einen Zombie geschnappt hat, baut sie einen Haufen damit und fängt später eine Frau der Saviors ein, da diese mit ihrem Auto nicht mehr weiterfahren kann. Michonne will, dass diese sie zu ihrem Hauptquartier führt. Warum handeln plötzlich alle so irrational und impulsiv?

Jeder will sich irgendwie an Negan rächen, doch keiner kommt auf die Idee, sich zu besprechen. Sie haben doch einen gemeinsamen Gegner. Da macht es wenig Sinn, sich in Gruppen von ein bis zwei Personen aufzusplitten. Besonders wenn der Antagonist so übermächtig ist wie Negan mit seinen Männern. Was hoffen sie damit zu erreichen? Besonders bei Michonne ärgert mich dieses Verhalten, da sie bisher eigentlich den Eindruck gemacht hat, etwas überlegter vorzugehen, als der durchschnittliche Alexandrianer. So setzt sie sich etwa im Auto der Entführten direkt neben sie, wo sie angreifbar ist, statt sich dahinter zu positionieren. Immerhin geht die Apokalypse nun doch schon zwei Jahre vor sich, da könnte man erwarten, dass die Lernkurve etwas größer ausfällt.

Arbeiten wir zuerst die kleinen Geschichten ab, die die Folge mal wieder zu einer überlangen machen, bevor wir zur Hauptstory kommen. Die Überlänge ist dabei nicht ganz gerechtfertigt. Zunächst sehen wir Eugene und Rosita. Das ist wohl die bescheuertste Storyline, die man sich hätte ausdenken können. So gehen die beiden in Eugenes „Munitionsfabrik“, wo Rosita von ihm will, dass er ihr eine Kugel bastelt. Diese Bitte ist buchstäblich zu verstehen. Nicht ein Magazin oder eine Handvoll, nein, genau EINE Kugel. Damit geht sie dann wahrscheinlich einfach ins Sanctuary der Saviors rein, grüßt freundlich und erschießt Negan, nachdem sie zu Abend gegessen hat, denn auf einem leeren Magen kann man ja keinen Tyrannen und Serienkiller töten. Zwar bekommen wir von Rosita einen Gefühlsausbruch spendiert, der sich komplett auf Eugene entlädt, doch wirklich spannend ist dieser nicht. In den Comics darf Abraham diesen Part übernehmen und dort wirkt es als eine Art Bonding-Prozess für die beiden, sodass sie sich näher kommen und eine echte Freundschaft beginnen. Wir bekommen nicht einmal eine Montage, wie Eugene die Kugel fertigt.

Dann haben wir Rick und Aaron. Die beiden machen einen Streifzug durch die Umgebung, um für Negans nächste Opferung bereit zu sein. Sie geben ein gutes Team ab und werden fündig. Doch leider bleibt der genaue Prozess, wie sie dorthin gekommen sind, wo sie sich überhaupt befinden und wie lang sie unterwegs sind, komplett außen vor. Stattdessen werden große Schilder vorgelesen. In dieser Handlung passiert also ebenso wenig. Ich habe den starken Eindruck, dass Episode 7 und 8 eigentlich zusammengehört hätten. Ich hätte lieber ein ausgeklügeltes, zweistündiges Finale, als so halbherzig erzählte Geschichten, die vor über einem Monat begonnen haben und nun die Zuschauer*innen fesseln sollen. Anders als bei der Handlung von Rosita und Eugene hilft es allerdings, dass ich Rick und Aaron als Charaktere schätze. Ich sehe ihnen eigentlich gerne zu, wie sie versuchen, in dieser Welt zu überleben. Aber dann soll bitte auch etwas Spannendes passieren oder zumindest gute Dialoge dabei herauskommen.

Die letzte kleine Geschichte ist die von Spencer und Gabriel. Warum genau diese beiden miteinander in einem Auto sitzen und ins Grüne fahren, um nach Nahrung und anderen Dingen zu suchen, ist mir zwar schleierhaft, doch ich bin immer gerne dazu bereit, interessante Team-ups kennenzulernen. Doch die beiden haben so unterschiedliche Ansichten, was Ricks Führung anbelangt, dass sich ihre Wege schnell wieder trennen und Gabriel zu Fuß zurückgeht. Es ist eine interessante und spannende Unterhaltung, die die beiden führen, da deutlich wird, wofür der jeweils andere einsteht. Spencer sucht schließlich alleine weiter und findet zufällig einen Zombie im Baum, der praktischerweise mit einer lateinischen Anleitung ausgestattet ist, wie man zu dessen Versteck kommt. So darf er sich doch noch als der große Retter auftun, indem er mit einer Wagenladung voller Dosenfutter nach Hause kommt.

Zumindest haben wir einen für Rick einstehenden Gabriel gesehen. Auch dieser Charakter gefällt mir immer besser – würden wir ihn doch nur öfter sehen. Ich freue mich schon sehr auf die nächste Episode und hoffe, dass diese so abläuft wie in den Comics. Aber ich verrate an dieser Stelle lieber nicht zu viel. Wenden wir uns stattdessen dem Hauptanteil der Episode zu: Carl und Negan.

Nachdem sich Jesus von Carl hat austricksen lassen und dieser nun alleine ins Sanctuary fährt, nimmt er sich die größte Waffe, die er in dem Wagen finden kann und erschießt damit erstmal zwei von Negans Leuten. Ich bin ja großer Carl-Fan und feiere es ziemlich, wenn er seine Badass-Momente haben darf. Vor allem, weil es dem Schauspieler hervorragend steht und er solche Szenen gut meistern kann. Negan ist von seinem Mut natürlich total begeistert und hätte ihn wahrscheinlich selbst gerne als Sohn. Faszinierend ist, dass er Carl in gewisser Weise dabei hilft, sein Image von ihm aufrechtzuerhalten. Beispielsweise indem er Carl Fragen verbietet wie »was wirst du mit mir anstellen«. Die weitere Entwicklung ihrer Freundschaft, wenn man es so nennen kann, verläuft teilweise Panel für Panel genauso wie in den Comics. Da es oft Abweichungen von diesen gibt, freue ich mich sehr, wenn sich die Macher entscheiden, etwas genauso wie in der genialen Vorlage zu machen. Die Sache mit Daryl haben sie gut gelöst, denn die beiden Alexandrianer dürfen sowieso nicht miteinander sprechen, so ist der Gefangene nichts weiter als ein weiterer Savior.

Zum ersten Mal in der Staffel bekommen wir einen Eindruck von Negans Macht über sein Volk. Alle knien vor ihm und tun das, was er sagt. Er ist zu einer Art Gottheit geworden oder hat sich besser gesagt selbst zu einer gemacht. Sein Penthouse mit mindestens fünf Frauen bekommen wir zu sehen. Sie alle haben sich natürlich „freiwillig“ für ihn entschieden. Deshalb laufen sie auch in engen, kurzen und tief ausgeschnittenen Kleidern herum, da diese so gemütlich sind (Achtung: Sarkasmus). Zwar mag Negan etwas gegen Vergewaltigung und Gewalt gegen Frauen haben, doch sie psychisch unter Druck zu setzen und sie so zu foltern, dagegen hat er scheinbar nichts. Wie es eine von seinen Frauen so schön ausdrückt, gibt es Schlimmeres als Schläge. Sie ist es auch, die sich als einzige gegen Negan zur Wehr setzt und sich nicht völlig unterwirft.

Wie wir aber später erfahren, ist es genau das, was ihn anturnt. Amber, seine neueste Eroberung, hat versucht, ohne Negans Wissen, wieder etwas mit ihrem Freund anzufangen, nur um dabei kläglich zu scheitern. Soviel wir aus dem Kontext schließen können, hat sie sich quasi geopfert, um für ihr beider Überleben zu sorgen. So muss dieser nun eine brutale Strafe über sich ergehen lassen. Mit einem glühenden Bügeleisen wird ihm, wie Dwight, das Gesicht verbrannt. Zuerst hatte ich schon gehofft, die Macher würden es nicht direkt zeigen, doch dann schneiden sie plötzlich hin und man sieht genau, wie die Haut schmilzt und teilweise am Bügeleisen kleben bleibt. Zwar ist es ekelhaft, doch in den Comics war es um einiges brutaler und unangenehmer mit anzusehen. Gewöhnt man sich langsam an die brutalen Darstellungen?

Schließlich haben Carl und Negan ein Zwiegespräch, wo er dem Jungen seine Strafen auferlegt, weil dieser schließlich zwei Männer von ihm umgebracht hat. Dabei fehlt mir an dieser Stelle der sexuelle Aspekt von Negans Bedrohung gegenüber Carl, die in den Comics deutlich wahrnehmbar war. Zwar erwähnt er immer, dass er so etwas niemals machen würde, doch als Zuschauer*in und vor allem die Charaktere können sich da nicht wirklich sicher sein. Es hätte Negan eine neue Art von Bedrohung eingebracht. Stattdessen lässt er ihm seinen Verband abnehmen und macht sich über sein verlorenes Auge lustig. Die Wunde macht visuell einen guten Eindruck – die Art, wie sie dargestellt wird, fand ich überraschend überzeugend. Doch Carl ist nur ein Junge und fängt über die Beleidigungen von Negan an zu weinen. Es tut gut zu sehen, dass doch noch etwas Menschliches in ihm steckt. Als Letztes muss er seinem Peiniger noch ein Lied vorsingen, während dieser mit Lucille übt. Die gesamte Sequenz in Negans Zimmer hat mich sehr positiv überrascht. Die Schauspieler überzeugen auf ganzer Linie, und die Atmosphäre ist dicht und stimmig.

Doch natürlich kann Negan Carl nicht einfach so töten. Nein, besser ist, die beiden machen sich nach Alexandria auf und er sieht Rick leiden. Da dieser aber zurzeit nicht da ist, treffen sie auf Olivia. Auch sie muss sich diverse Kommentare bzgl. ihres Gewichts gefallen lassen (was nicht hätte sein müssen). Anfangs weint sie nur, doch schließlich ohrfeigt sie Negan. Das hat meinem Bild von Olivia richtig gutgetan, da die Geste zeigt, dass sie nicht alles mit sich anstellen lässt, sondern einen gewissen Kampfeswillen in sich hat. Es dauert leider nicht lange, bis Negan Judith findet. Diese ist in den vergangenen Monaten ziemlich groß geworden. Trotzdem gibt es wohl kaum etwas Beunruhigenderes, als Negan mit Ricks Tochter im Arm zu sehen. Vor allem, wenn die drei in der letzten Szene auf der Veranda sitzen und Limonade trinken – ein sehr abstruses Bild.

Die siebte, wieder einmal überlange Episode von The Walking Dead hat viele Stärken, doch bedauerlicherweise genauso viele Schwächen. Vor allem, wenn es um die kleineren Geschichten geht. Ich kann nicht nachvollziehen, warum sie so viele lange Episoden in diese halbe Staffel einbauen, denn bisher gab es eigentlich keinen triftigen Grund dafür. Manches hätte man genauso gut weglassen und dafür das nächste Mal wieder aufgreifen können. Doch die Szenen zwischen Negan und Carl machen einiges wieder wett und durchaus Lust auf mehr. Bleibt nur zu hoffen, dass diese begonnene Handlung das nächste Mal etwas abgeschlossen wird, bevor wir in die Winterpause gehen.