XCU Rewatch | The Wolverine

Es ist ein verregneter Sonntag. Also habe ich den Nachmittag genutzt, um mir The Wolverine anzusehen und gleich darüber zu schreiben. Erneut muss ich eingestehen, dass ich wenig Erwartungen an The Wolverine hatte. Wieder einmal bin ich sehr positiv überrascht. Nicht nur vom Storytelling, sondern auch von den Effekten. Der Film kam 2013 in die Kinos. Man muss sich das stets vor Augen halten. Dieser Film ist 12 Jahre alt. Das CGI sieht immer noch beeindruckend aus und braucht sich vor aktuellen Produktionen nicht zu verstecken.

Ich hatte schon ganz vergessen, wie The Wolverine anfängt. Wir sehen Logan in einem Kerker sitzen. Man kennt sich am Anfang nicht aus, was los ist oder wie er dorthin kam. Doch schnell ist das nicht mehr wichtig. Man begreift, es ist Nagasaki im Jahr 1945. Menschen versuchen zu flüchten. Vergeblich. Doch Logan gelingt es zumindest, einen zu retten. Einen jungen Yashida. Die Explosion der Atombombe, man kann es nicht anders sagen, sieht heute noch furchtbar beeindruckend aus. Logans Verbrennungen und seinen langsamen, schmerzhaften Heilungsprozess fühlt man förmlich mit. Ein starker Einstieg und die ernste Grundstimmung und Atmosphäre sollte der Film über die kommenden zwei Stunden beibehalten.

Da ich The Wolverine schon so lange nicht mehr gesehen habe, war es beinahe wie das erste Mal. Anfangs war ich skeptisch bzgl. der Szenen mit Jean, doch da sie immer wieder im Film auftaucht und stets perfekt dosiert ist, passt es doch einwandfrei. Der Film ist eine Charakterstudie von Logan. Seinen Schuldgefühlen, Jean getötet haben zu müssen. Er muss damit irgendwie zurechtkommen. Einen Grund finden, weiterzuleben. Seine erste Reaktion ist durchaus verständlich für einen Mutanten wie ihn. Er zieht sich zurück, überlässt dem animalischen in ihm die Kontrolle und lebt allein. Natürlich hilft das nicht. Doch so bekommen wir diese Seite von Logan sehr deutlich zu sehen. Seine symbiotische Beziehung mit der Natur. Er ist zu einem Guardian geworden, der Ungerechtigkeiten aufklärt und brutal rächt.

Yukio reißt ihn allerdings in die reale Welt zurück. Im Laufe der Geschichte wird er immer wieder mit seinen vielschichtigen Problemen konfrontiert. Doch nur Mariko, der Enkelin von Yashida, gelingt es Logan eine Möglichkeit zu geben, mit seiner Vergangenheit irgendwie zurechtzukommen. Das Schöne an The Wolverine ist, dass es nicht so tut, als würden sich die Probleme und die Last in nur wenigen Tagen lösen lassen. Es eröffnet aber die Hoffnung, dass es mit der Zeit leichter wird. Man einen Grund findet, weiterzumachen, zu kämpfen und die positiven Seiten des Lebens erneut für sich zu entdecken. Diese ruhigen Momente gehören zu den besten im Film.

Die Schauspieler*innen können in diesen emotionalen Szenen zeigen, was in ihnen steckt. Doch besonders Hugh Jackman wird in die Lage versetzt, Wolverine aka Logan neue Tiefen zu verleihen. Einen wirklich vielschichtigen Charakter zu machen. Es ist eine natürliche Fortsetzung seiner Geschichte. Es fühlt sich weder erzwungen noch krampfhaft an, Logan in eine Richtung zu drängen. Beinahe mühelos tänzelt The Wolverine von Szene zu Szene und die Interaktionen werden mit bedacht geschrieben. Das soll aber nicht heißen, dass die Action zu kurz kommen würde, im Gegenteil.

Die Actionsequenzen sind ebenso gut platziert wie die ruhigen Charaktermomente. Sie sind gut gemacht und dadurch, dass Logan der Fähigkeit beraubt wird, sich selbst zu heilen, tut es noch sehr viel mehr weh. Jeder Kampf schmerzt und man leidet mit ihm mit. Er sollte eigentlich mit mehr Bedacht vorgehen, doch er war noch nie in der Situation, vorsichtig handeln zu müssen. Er konnte sich immer auf seine Fähigkeiten verlassen. Und das über viele Jahre. Wenn das plötzlich nicht mehr der Fall ist, stellt man sich natürlich nicht sofort um. Da man ihm diese Kräfte für eine relativ lange Zeit des Films nimmt, ist es umso kathartischer, wenn er sie sich zurückholt. An dieser Stelle sei nicht nur die Cinematographie, sondern ebenso die Musik gelobt. Logan und den restlichen, wundervollen Cast nicht nur in den epischen, heldenhaften Momenten gekonnt in Szene zu setzen, sondern auch in den ruhigen Momenten, verlangt einiges an Können ab. In The Wolverine gelingt beides bravourös.

Wie es allerdings schon in ein paar der letzten Filme der Fall war, zerfällt dieser tolle Aufbau gegen Ende des Films. Ich würde sagen, 90 % des Films sind perfekt umgesetzt. Ein wahres Monument für einen herausragenden Charakter. Leider wird Logan, nachdem er seine Kräfte endlich wieder erhalten hat, das handelnde Momentum sofort wieder genommen. Ein Film wie dieser braucht kein großes Duell am Ende oder eine epische Schlacht. Ich hätte es gerne gesehen, wie sich Logan durch das Dorf am Ende schleicht, vielleicht ein paar kleinere Kämpfe und schließlich einem sterbenden Yashida gegenübersteht. Ihm erneut verweigert, was dieser sich so sehr wünschen würde. Der ganze Film ist ein Familien-Drama, voller Intrigen und Twists. Das Ende hätte man gerne in ähnlicher Manier machen können. Wolverine hätte es sich verdient, nach so viel Leid und Kampf ein entsprechendes Finale zu bekommen.

Aber der Adamantium-Roborter-Anzug ist einfach zu viel. Wenn man schon ein Metall über mehrere Filme als unzerstörbar deklariert, muss man sich nun einmal an die eigenen Regeln halten. So verkommt das Finale leider zu einem übertriebenen Schlagabtausch, scheinbar ohne Sinn und Verstand. Es wird künstlich in die Länge gezogen. Das hätte es wirklich nicht gebraucht.

Weniger ist doch manchmal mehr. Das hat man über fast den gesamten Film über geschafft. The Wolverin hat über weite Strecken ein perfektes Erzähltempo und ist toll geschrieben. Ein sehr viel kleineres, intimeres Finale hätte ihn zu einem der besten Superheldenfilme gemacht. Bedauerlicherweise ist das nicht ganz gelungen. Dennoch ist es ein hervorragender, sehenswerter Film. Hugh Jackman zeigt hier auf sehr vielen Ebenen, warum er der einzig wahre Wolverine ist.