MCU Rewatch | Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings

Ich lehne mich mal etwas aus dem Fenster und behaupte, dass Shang-Chi einer der besten Origin-Filme ist, die das MCU zu bieten hat. Der zweite Film von Phase 4 beweist, dass es Marvel unter der Leitung von Kevin Feige immer noch drauf hat. Shang-Chi macht sehr viel richtig. Er führt uns einen neuen Charakter vor, seine Welt, eine komplett neue Mythologie und sieht dabei wunderschön aus.

Shang-Chi gelingt die Balance zwischen Rückblenden und Voranschreiten der tatsächlichen Geschichte mühelos. Das Erzähltempo fühlt sich natürlich an und niemals gedrängt oder als müssten die Charaktere schnell von A nach B, um ihren Zweck zu erfüllen. Besonders die Rückblenden zu den verschiedenen Zeitaltern verleihen dem Film das notwendige Grundgerüst. So fühle ich mich mehr mit den Charakteren verbunden. Ein Teil der Rückblenden bezieht sich auf Shang-Chis Vater Wenwu; brillant verkörpert von Tony Leung. Es geht nicht nur um seine Machtergreifung und darauffolgende Schlachten. Es ist eine zutiefst emotionale Geschichte. Die erste Begegnung mit Ying Li – ebenso brillant dargestellt von Fala Chen – und ihr Leben als Familie.

Die beiden verbindet sofort etwas. Die Schauspieler*innen haben eine tolle Chemie und es funktioniert einfach. Ihre Kampf- und Tanzsequenz im Wald ist eine der schönsten, die Marvel je produziert hat. Die Musik, die Geschichte, die hier quasi ohne Worte erzählt wird. Man fühlt sich wie in einem Märchen und fühlt sich nie, als wäre man in CGI getunkt worden. Genauso geht es bei den Rückblenden weiter. Es wird sehr viel Mühe darauf verwendet, uns die Vergangenheit von Wenwu und Shang-Chi zu erzählen. Die beiden jüngeren Darsteller von Shang-Chi, die von seiner Kindheit und Teenagerzeit erzählen, Jayden Zhang und Arnold Sun, passen perfekt in ihre Rollen. Sie verbindet eine gemeinsame Gestik, die mich nie daran zweifeln lässt, dass sie denselben Charakter spielen. Besonders Arnold Sun verkörpert die wütende, seinem Vater alles recht machen wollende Seite des Charakters wunderbar.

Überhaupt ist Shang-Chi mit sehr vielen fantastischen Nebencharakteren und großartigen Schauspieler*innen versehen. Awkwafina als »Shauns« langjährige Freundin und Wegbegleiterin Katy. Anfangs noch eher als Comic-Relief, entwickelt sie sich im Verlauf des Films zu einem wirklich tollen, ernst zu nehmenden Charakter. Meng’er Zhang als Xu Xialing, Schwester von Shang-Chi und Betreiberin eines geheimen Fight Clubs in Macau. Laut Wikipedia ist das ihre erste Filmrolle, was unfassbar ist. Wirklich großartig. Benedict Wong kehrt als Wong zurück und hat immer wieder tolle, kleinere Momente. Ebenso zurück kehrt Ben Kingsley als Trevor Slattery. Für mich macht der Auftritt des Charakters hier einiges wieder wett. Natürlich dient er als Comic-Relief, aber hat auch eine redemption-arc, die für mich durchaus funktioniert. Und natürlich darf die großartige und fantastische Michelle Yeoh als Ying Nan nicht unerwähnt bleiben. Eine tolle Lehrerin und Meisterin für Shang-Chi und seine Schwester.

Der Film bietet ein Ensemble, das dermaßen gut zusammenpasst; so eine Synergie hatte man lange nicht mehr. Und sie meistern alle Sequenzen des Films mühelos. Seien es die ruhigeren Charaktermomente, wo uns Zuschauer*innen auch mal Hintergrundwissen vermittelt werden muss. Oder aber die beeindruckenden Action-Sequenzen. Hier übertrumpft sich der Film immer wieder selbst und versteht es, diese Sequenzen so aneinanderzureihen, dass es nicht ermüdet. Sei es die Bus-Sequenz relativ zu Beginn, die Fight Club Kämpfe, die schwindelerregende Auseinandersetzung am Gerüst eines Hochhauses oder der finale Kampf. Sie sind alle einzigartig.

Besonders am Finale mag ich, dass es klar in einzelne Teile gegliedert ist. Natürlich haben wir zum einen die Vorbereitungen. Doch die letzten Auseinandersetzungen sind ebenso klar in zwei Stufen aufgeteilt, deren Eskalation die Zuschauer*innen mitnimmt. Zuerst fokussiert sich der Kampf auf Shang-Chi und seinen Vater. Ihre Differenzen, ihr Kampf und der Erhalt der Ringe durch Shang-Chi stehen hier im Vordergrund. Es geht um Familie und das Einsehen von Fehlern. Danach wird der Kampf eskaliert und es bekriegen sich mythische Wesen. Die zuvor verfeindeten Menschen lernen, dass sie gemeinsam dagegen vorgehen müssen. Es funktioniert für mich emotional und sieht dabei auch noch wunderschön aus. So etwas hat man in einem Marvel-Film noch nicht gesehen.

Zu der Repräsentation von asiatischen Charakteren und der dargestellten Kultur kann ich nicht viel sagen. Dazu kenne ich mich zu wenig aus. Ich mag jedoch, dass zwischendurch viel Mandarin gesprochen wird. Der Wechsel fühlt sich natürlich und für die Charaktere logisch an. Und es ist schön zu sehen, dass Marvel sich dafür bereiterklärt hat. Ansonsten scheint die Repräsentation durchaus gelungen zu sein, was man von Kritikern liest. Natürlich kann man es immer besser machen. Doch wie es scheint, haben sie mit diesem Film vor allem geschafft, vormals problematische Charaktere aus der Comic-Vorlage zu modernisieren, zu überarbeiten und ihnen den notwendigen Respekt entgegenzubringen.

Ich mag  Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings sehr. Es ist ein schöner, gut gemachter Film. Auf ein oder zwei Momente, in denen ernsthafte Diskussionen durch ein Comic-Relief unterbrochen werden (es sei nur die Szene im Flieger genannt) hätte ich verzichten können. Doch die positiven Aspekte überwiegen bei Weitem. Es ist eine Schande, dass wir vier Jahre später noch immer kein Sequel haben. Andere Charaktere waren hier schon beim dritten Teil. Ein Versäumnis, das Marvel dringend ausgleichen muss. Es ist Zeit für die nächste Generation, ihren Moment im Rampenlicht zu bekommen. Shang-Chi hat gezeigt, dass es erfolgreich sein kann, wenn man sich die notwendige Mühe gibt und mit Menschen zusammenarbeitet, die sich auskennen.