Die entsetzlichsten Verbrechen geschehen im eigenen Heim. Unbemerkt von der Außenwelt. Niemand bekommt sie mit. Oft ist man selbst Mittäter, ohne dies wahrhaben zu wollen – hilft bei der Vertuschung. So hatte ich letztens, eines schönen Nachmittags, gleich mehrere Erlebnisse innerhalb weniger Stunden, die mir in der darauffolgenden Nacht unruhige Träume bereiten würden.
Alles fing damit an, dass sich die Eltern im Urlaub befanden und ich während dieser Zeit mit der Betreuung des Katers beauftragt war. Während ich selbst ebenfalls noch Urlaub hatte, war das alles kein Problem. Nur als ich diese Woche wieder zu arbeiten begann, musste der Kater diverse Stunden alleine zubringen. Katzenklappe gibt es keine, und so befand er sich stets draußen. Hungrig und alleine fühlt sich keiner so richtig wohl und sucht sich alternative Beschäftigungen. Diejenige, die sich besagter Kater allerdings aussuchte, war nichts für schwache Nerven.
Auf dem zum Haus lag schon einmal der hintere Teil einer Maus auf dem Weg. An sich nichts Besonderes. Katzen jagen nun einmal und Mäuse liegen mal mehr, mal weniger komplett des Öfteren irgendwo herum. Was ich allerdings noch nicht erlebt hatte, ist das, was mir nach meinem Training auf dem Weg zur Terrasse begegnete. Diese befindet sich etwas abseits vom Haus. Vor der Außentreppe lag eine weitere, scheinbar tote Maus. Wie gesagt, an und für sich nichts Neues. Immerhin ist es begrüßenswert, wenn der Kater das Ungeziefer im Zaum hält. Coole Sache. Nur dass sich bei genauerer Betrachtung herausstellte, dass diese Maus noch nicht ganz das Zeitliche gesegnet hatte. Sie atmete noch leicht und der kleine Brustkorb bewegte sich etwas. Als ich einen Schritt näher kam, begann sie sich etwas mehr zu bewegen und wollte flüchten. Verständliche Reaktion; wenn vor mir plötzlich ein Riese, der zigmal größer ist als ich, auftaucht, würde ich auch rennen wollen. Nur konnte diese Maus bloß beschwerlich flüchten, da sie durch die Konfrontation mit dem Kater querschnittgelähmt war. Die Hinterpfoten (Füße? Krallen? Beine?) lagen einfach nur am Boden, während sie sich mit den Vorderpfoten Richtung Wiese zehrte. Horrorfilme sind nichts dagegen. Ich habe mich schnell abgewandt und bin selbst geflüchtet. Auf die Terrasse, in den vorgeheizten Whirlpool. Das hätte für einen Tag schon gereicht. Doch dann kam die Nacht.
Bei der letzten Wildtierfütterung des fleißigen Katers, bevor ich mich auf den Weg ins Bett machte – es war halb zehn – öffnete ich unschuldig und nichts ahnend die Haustür. Holly, so der Name des Wiederholungstäters, begrüßte mich aufgeregt und ging immer wieder zu seinem typischen Liegeplatz. Wir haben dieses kleine Stück des Gartens bereits als »Friedhof« betitelt, da er dort Mäuse zu lagern pflegt. Mal als Ganzes, manchmal auch nur Teile davon. Dieses Mal befand sich allerdings keine Maus dort, sondern etwas Größeres. Erst hatte ich es für ein Erdmännchen, Wiesel oder sowas in der Richtung gehalten. Stellte sich heraus, dass es ein armer kleiner Babyhase war. Zum Glück war dieser schon tot. Holly miaute aufgeregt, ging immer wieder zu seiner Beute und spielte damit. Tief durchgeatmet, habe ich ihn natürlich erst einmal gelobt, bevor ich ihn ins Haus zum Fressen bugsierte.
Während der Kater drinnen fröhlich speiste, zog ich mir Handschuhe an, bewaffnete mich mit Handbesen und kleiner Schaufel und machte mich daran, die Leiche zu entfernen. Auf dem Weg vom Haus weg nahm ich noch das Hinterteil der Maus mit, das ich am Nachmittag entdeckt hatte. Ich ging so weiter und warf die Überreste ins Gebüsch, wo sie der Kater hoffentlich liegen ließ. Als er wieder aus dem Haus raus durfte, suchte er den ursprünglichen Ablageort seiner Beute verzweifelt ab. Ich hoffe, er findet nicht noch mehr Babyhasen, wo er den Ersten gerissen hat. Die armen Viecher.
Als ich an dem Tag von der Arbeit nach Hause kam, wusste ich noch nicht, was mich erwartete. Aber mit querschnittgelähmten Mäusen, die sich verzweifelt zu retten versuchen, und gerissenen Babyhasen hatte ich wirklich nicht gerechnet. Die Zwillinge aus »The Shining« sind nichts dagegen.