Die fünfte Phase des MCU ist – gemischt. Um es positiv auszudrücken. Ich bin froh, dass ich mit meinem Rewatch Anfang April fertig war und die Texte soweit vorbereitet hatte. Seitdem erscheint jeden Samstag ein Text dazu. So konnte ich etwas Abstand gewinnen. Nun war es also an der Zeit, mich den neueren Einträgen des Marvel Cinematic Universe zu widmen.
»Captain America: Brave New World« verlangt von seinen Zuschauer*innen, dass man sich nicht nur mit den Filmen des MCU auseinandersetzt. Im Idealfall schaut man noch die Serie »Falcon & the Winter Soldier«. Als die Serie vor ein paar Jahren erschien, habe ich sie mir angeschaut. Ich kann mich an kaum etwas erinnern. Spricht jetzt entweder gegen die Serie oder gegen mein Gedächtnis. Was auch immer es ist, mit einem Abstand von mehreren Monaten zu den anderen Filmen und mehreren Jahren zur Serie fühlte ich mich, als würde ich frisch in das Universum einsteigen. Ich konnte mich gut darauf einlassen. Was also bietet »Brave New World«?
Ich hätte gerne gesagt, dass Anthony Mackies Premiere als Captain America und erste Hauptrolle in einem MCU-Film der beste Film von Phase 5 ist. Stattdessen ist es enttäuschendes Mittelmaß. Die Geschichte an sich finde ich durchaus interessant und sie hätte Potential gehabt für mehr. Aber die Cinematographie und die CGI-Effekte reißen mich immer wieder aus dem Film. Genauso wie das Sounddesign nicht überzeugend ist. Und wenn ich während des Films über das Sounddesign nachdenke, dann läuft wirklich viel schief.
Aber von vorne: Der neue Präsident der USA, Thaddeus Ross (nach dem Tod von William Hurt hier porträtiert von Harrison Ford), ist verstrickt in so einige Machenschaften. Gefängnisse, von denen niemand weiß, Deals, die keiner kennt, verfeinert mit dem typischen Hauruck-Patriotismus, den man von Ross kennt. Feingefühl wie ein Panzer. Wie dieser Mann Präsident wurde, ist mir ein Rätsel. Nebenbei erledigt der neue Captain America ein paar Missionen für den Präsidenten. Aber diese tolle Freundschaft geht schnell den Bach runter und wir sind bei den alten, verhärteten Fronten angelangt. Jeder macht, was er will. Am Ende tun aber dann doch alle das Richtige und reiten glücklich in den Sonnenuntergang.
Was mir gefällt, sind die Rückgriffe auf »Incredible Hulk«. Es ist schön zu sehen, dass das MCU die Existenz dieses Films anerkennt. Genauso wird der Celestial im Meer angesprochen (wir erinnern uns an »Eternals« zurück). Warum der da rein muss? Keine Ahnung. Irgendjemandem im Autor*innenteam ist wohl eingefallen, dass da was Größeres im Meer liegt, und hat diesen mit der Brechstange in die Geschichte geschrieben. Nebenbei hat man Lunte gerochen und die Chance genutzt, mehrmals das Wort »Adamantium« unterzubringen. Fans erinnern sich dann an die Fox-X-Men-Filme und an Wolverine. Denken an Hugh Jackman und sind für ein paar Minuten abgelenkt und haben ein wohliges Gefühl im Bauch. Vielleicht soll das die X-Men sehr unsubtil ankündigen oder einfach nur ablenken. Ich bin mir nicht sicher. Es hätte aber sehr viel besser untergebracht werden können.
Wie kann ein Studio für einen fantastischen Spionage-Thriller à la »Winter Soldier« verantwortlich sein und sich gleichzeitig, ein paar Jahre später, an »Brave New World« die Zähne ausbeißen? Ich mag die Performances der Schauspieler*innen sehr gerne. Mackie ist Falcon/Captain America, Harrison Ford ist sowieso grandios und die neuen bzw. alten Ergänzungen sind klasse gewählt. Danny Ramirez hat eine tolle Chemie mit Mackie und ich hätte gerne mehr von den beiden als Team gesehen. Shira Haas ist einfach nur ein Badass und hat eine gewaltige Bildschirmpräsenz. Und dann natürlich noch Giancarlo Esposito als Handlanger des wahren Bösewichts. Ich verrate hier mal nicht mehr. Das ist ein Cast, der seinesgleichen sucht. Aber die Geschichte ist zu seltsam erzählt. Mal mäandert sie vor sich hin, dann geht wieder alles furchtbar schnell und politische Verhandlungen bzw. manche Charaktermotivationen und -einstellungen bleiben undurchsichtig.
Nicht so undurchsichtig ist leider das CGI. Ich weiß nicht, was beim Dreh oder der Postproduktion schiefgelaufen ist, aber manche Szenen sehen aus, als wären sie von Filmstudenten gedreht worden. Es gibt Szenen, in denen die Charaktere so viel Weichzeichner verpasst bekommen haben, als wäre es eine Traumsequenz. Deshalb fiel mir der Einstieg in den Film so schwer. Es sah surreal aus. Auf der anderen Seite wirken manche Einstellungen unscharf. Nicht zu sprechen von den Szenen, die im »Volume« gedreht wurden. Der wohl höllischsten Erfindung in Hollywood der letzten Jahre. Wenn dort gedreht wird, sieht es meistens einfach nur falsch aus. Die Beleuchtung funktioniert nicht mit dem Rest des Films. Fahrt mit den Schauspieler*innen doch einfach in einen Wald oder baut ein Set. Aber das »Volume« muss einfach verschwinden. Es hatte seinen Höhepunkt in »The Mandalorian«, wo es eingeführt wurde, aber seither ging es nur bergab.
Kommen wir zum Sounddesign. Was ich an »Winter Soldier« so mochte, war unter anderem das Sounddesign. Vor allem wenn Cap das Schild geworfen hat. Es hatte eine Wucht, die man gespürt und gehört hat. Wenn jemand damit getroffen wurde, tat es weh beim Zuschauen. Die Bahnen des Schilds waren, wenn auch übertrieben (wir sind immer noch in einer Comicverfilmung), nachvollziehbar. Doch diese Wucht und Präzision sucht man hier vergebens. Manchmal gelingt es, aber öfter oft verpufft ein Aufprall im Nichts. Genauso wie bei manchen Schlägen oder wenn jemand brachial zu Boden geworfen wird. Mir kommt es so vor, als würden manche Soundeffekte fehlen. Mir wurde in den vergangenen 17 Jahren MCU-Filme eingetrichtert, dass Schläge eine Wucht, einen Wumms hinter sich haben. Wenn das dann fehlt oder nicht so stattfindet, reißt es mich aus dem Film.
Ich mochte den Bösewicht auch nicht wirklich. Das alles war nur eine Ausrede, damit sie Harrison Ford in den Red Hulk verwandeln konnten. Ross ist doch immer ein aufbrausender Charakter gewesen. Das alles penibel zu planen und abzuschätzen, funktioniert für mich nicht.
Ich hätte den Film gerne gemocht. Aber je länger ich darüber nachdenke, und jetzt, wo ich diesen Text schreibe, fallen mir immer mehr Fehler auf. Inkompetenzen und Unzulänglichkeiten, die nicht hätten sein müssen. Daran ist auch »Black Widow« am Ende gescheitert. Marvel kann nicht einfach nur einen guten Spionage-Thriller machen. Es muss immer grandios und episch werden. Aber das spürt man in diesem Film nicht. Als in »Eternals« der Celestial angefangen hat, sich aus dem Meer zu erheben, war das ein gewaltiges Schauspiel. Die schiere Größe dieses Monstrums wurde gekonnt eingefangen. Wenn man denselben Celestial in »Brave New World« sieht, wirkt das bei weitem nicht so imposant. Dazu ist die Cinematographie hier leider nicht in der Lage. Sie scheitert schon an kleinen Szenen. Wie sollte sie einen Celestial einfangen können, den es gar nicht gibt?
Schade. Ich hätte es Anthony Mackie gewünscht, dass sein erster Filmauftritt als Captain America etwas Großartiges wird. Ich hoffe, sie geben ihm noch eine Chance. Mackie und Ramirez sind ein tolles Duo. Bitte mehr davon. Aber mit einer schlüssigen Story, einem angsteinflößenden Bösewicht, nachvollziehbaren Charakterentwicklungen und CGI-Effekten, die gut aussehen. Marvel scheitert wiederholt an ihrem eigenen Erfolg. Mal sehen, ob »Thunderbolts*« es besser hinbekommt.