Mystische Stadt

Es trug sich zu, dass ich in der Weihnachtswoche nach Salzburg fuhr. Genauer gesagt, am Stefanitag. Ich stand um kurz nach 6 Uhr morgens auf, trank genüsslich eine Tasse Kaffee und las etwas in dem großartigen Buch »Cancel Cultur Transfer« von Adrian Daub. Um halb acht machte ich mich schließlich auf den Weg. Das Schöne, so früh unterwegs zu sein, noch dazu an einem Feiertag nach Weihnachten, ist die unendliche Ruhe. Die Welt war noch in dichtem Nebel getaucht, die Straßen beinahe leer. Ich parkte in der Linzergassengarage (man gönnt sich ja sonst nichts) und spazierte die gleichnamige Gasse entlang.

Zwar waren ein paar Menschen unterwegs, doch nur eine Handvoll. Nicht zu vergleichen mit dem dichten Gedränge vor Weihnachten, wo man sich einen Weg erkämpfen und Heerscharen von Touristen ausweichen muss. Man traf sich am Platzl und spazierte weiter die Getreidegasse entlang. Diese war wirklich leer. Das habe ich seit Corona nicht mehr erlebt. Die Stadt in dieser morgendlichen Ruhe zu erleben, ist wirklich etwas Besonderes. Natürlich bin ich am Wochenende gelegentlich früh unterwegs. Aber da bereiten sich die Geschäfte für den Tag vor, Lieferwagen und Postautos tragen Briefe und Pakete aus. Doch an einem Feiertag wie diesem ist auch das nicht der Fall.

Gepaart mit dem Nebel spürt man das Mittelalterliche der Stadt und die vergangenen Jahrhunderte wirken zum Greifen nahe. Die Modernität rückt in den Hintergrund, spielt keine Rolle mehr und weicht dem Mystischen. Die Festung war kaum mehr auszumachen und eine Welt außerhalb schien gar nicht mehr zu existieren. Eine wahrlich beeindruckende Stimmung und Atmosphäre. Ziel war der Dom. Dieses Mal jedoch nicht zwecks einer Führung. Sondern man wollte die Messe um halb neun besuchen. Zu diesem Anlass ist das mittlere der drei Tore geöffnet. Normalerweise verschlossen, stand die Pforte nun offen. So ist das Betreten des Doms ebenfalls etwas Besonderes. Wir suchten uns einen Platz relativ weit vorne, sodass wir aber noch einen guten Blick auf die Kunstwerke des Gebäudes und in die Kuppel hatten.

Ich bin kein gläubiger Mensch, aber den Ritualen der Kirche kann ich gelegentlich durchaus etwas abgewinnen. Die Dommesse an diesem Tag zu besuchen, war mir schon länger ein Anliegen. Diese Erfahrung mitzumachen. Aus Kindheitstagen, wo man noch regelmäßiger in die Kirche ging, kennt man natürlich die Abläufe. Hier stehen, da knien und dazwischen darf man sitzen. Ich habe davon abgesehen, mitzusingen oder mir die Eucharistie abzuholen, das kam mir dann doch falsch vor. Das überlasse ich den Gläubigen. Ich kann den Gemeinschaftssinn und die Sinnstiftung des Glaubens durchaus nachvollziehen, doch ich bin (leider) nicht dazu in der Lage, mich diesem hinzugeben. Aber das muss vielleicht auch gar nicht sein. Jeder findet seinen eigenen Weg.

Doch die Messe mitzuerleben, den Worten zu lauschen und einfach den Gedanken freien Lauf zu lassen, hatte etwas Meditatives. Ich bin durchaus interessiert, noch andere Messen mitzumachen und zu erleben. Wenn man sich darauf einlassen kann, holt einen die Atmosphäre durchaus ab. Man muss nicht unbedingt mit dem Religiösen etwas anfangen können. Aber vielleicht nimmt man etwas für sich selbst mit. Die Rituale dazwischen können als Inspiration dienen. Nächstes Jahr werde ich sicher wieder hingehen.