Unsere Welt und unsere Leben sind durchzogen von Ritualen. Ob man sie nun so bezeichnet oder nicht. Manche sind religiös geprägt, andere gesellschaftlich notwendig. Sie geben Halt, können als Leitplanken dienen und Orientierung schaffen. Gelegentlich, wenn ich mal wieder zu sehr in meinem eigenen Kopf bin, denke ich, dass sie unsinnig sind oder ich sie nicht brauche. Später merke ich allerdings dann, dass es guttut. Konkret geht es um Bestattungen oder Beisetzungen.
Ende August ist Onkel P. verstorben. Die Beisetzung der Urne fand im Kreis der Familie statt. Die Zeremonie wurde dabei nicht von einem Priester oder so gehalten. Die religiösen Aspekte wurden außen vor gelassen. Eine schöne Alternative. Bekannte K. hat einen hervorragenden Job gemacht, nicht nur das Leben des Mannes Revue passieren zu lassen, sondern immer wieder Metaphern und Analogien für das Leben, den Tod und alles dazwischen einzubauen.
Während ich dort saß und ihren Worten lauschte, wurde mir bewusst, wie sehr wir manche Rituale brauchen, auch wenn wir uns vielleicht einreden wollen, es nicht zu tun. Es ändert nichts an der Situation, ob ich da bin oder nicht – so mein ursprünglicher Gedankengang. Das ist allerdings nicht richtig. Allein am Friedhof anzukommen, die Familie zu sehen und manche Cousins, die man seit Jahren nicht mehr getroffen hat, in die Arme zu nehmen, fühlte sich gut an. Die Worte, die K. sprach, luden immer wieder zum Nachdenken ein und mir fielen stets neue gemeinsame Augenblicke mit dem Onkel ein. Etwa, dass er sich bei einem familiären Ausflug ins Freibad geduldig meine Ausführungen zu Warhammer angehört hat. Ich weiß nicht, wie viele Jahre das her ist, aber es sind schon einige. Sie zählen zu meinen liebsten Erinnerungen. Oder das Einsammeln der Altkleidersäcke, bei dem ich als Kind immer wieder mitgeholfen habe. Es gibt viele schöne Erinnerungen und so mancher spezifische Augenblick fiel mir erst bei der Beisetzung ein.
Trauer muss niemand allein bewältigen. Auch dafür ist die Beisetzung da. Natürlich bekommt jede und jeder noch einmal die Gelegenheit, sich persönlich zu verabschieden, wenn man dies möchte. Am Ende war ich sehr froh, gegangen zu sein. Nicht, dass es eine andere Option gegeben hätte. Wie viel es mir schließlich bedeutet, Onkel P. im Kreis der Familie verabschiedet zu haben, dabei gewesen zu sein und noch einmal sein Leben gewürdigt zu haben, wurde mir erst dort bewusst.
