Antigone von Sophokles ist gut 2.500 Jahre alt und doch werden aktuelle Themen verhandelt. Das gerade einmal 1 Stunde und 15 Minuten dauernde Stück wird noch bis Anfang November in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters aufgeführt. Der Cast besteht dabei aus gerade einmal sechs Personen, die das Stück zum Leben erwecken: Larissa Enzi (Eurydike), Maximilian Paier (Wächter / Teiresias), Nikola Jaritz-Rudle (Antigone), Marie Nadja Haller (Ismene), Gregor Schulz (Kreon) und Vinzenz Sommer (Haimon).
Ich muss zugeben, ich habe etwas gebraucht, bis ich ins Stück gefunden hatte. Bei einer so kurz dauernden Vorstellung ist das nicht gerade von Vorteil. Erst im anschließenden Gespräch mit Freund J. über „Antigone“ sind mir die positiven Aspekte bewusst geworden. Woran es lag, dass ich nicht so richtig in das Stück gefunden habe, weiß ich nicht genau. Vielleicht an den Kammerspielen selbst. Es ist eine sehr heimelige Stimmung in dem kleinen Theater. Es sind wenige Reihen und Plätze verfügbar, die Bühne ist so groß wie ein Wohnzimmer. Hinzu kommt eine äußerst schlicht gestaltete Bühne, sodass man sich voll und ganz auf das Stück konzentrieren kann.
Diese Schlichtheit lässt allerdings wenig Raum für ein Sich-fallen-Lassen. Ich habe mich vorher nicht mit der Geschichte auseinandergesetzt, das mache ich fast nie. So musste ich mich auch auf die Geschichte konzentrieren, darauf, was gesagt wurde und wer die eigentlich handelnden Personen sind. Da das Ganze nur 75 Minuten dauert, die perfekt eingehalten wurden, ist es ein äußerst dichtes Stück. Man kennt die Beziehungen der Personen zueinander nicht. Hinzu kommt, dass die Charaktere manchmal aus ihren Rollen herausfallen und eine Art Erzähler bilden, einen Chor, der Geschehnisse wiedergibt oder gesellschaftlich einordnet. Das Publikum wird außerdem als eine Art Rat immer wieder direkt angesprochen, sodass wir stets Teil des Schauspiels waren. Zu guter Letzt bewegen sich die Figuren teils zwischen den Reihen und befinden sich so in greifbarer Nähe.
Das alles zusammengenommen führt zu einer Dichotomie, derer ich mich nicht erwehren kann. Zum einen ist es eine spannende und andere Gestaltung, als ich sie bisher erlebt habe. Die Schlichtheit und Einbeziehung des Publikums führen zu einer Intensität der Vorstellung. Auf der anderen Seite jedoch bricht es so stets die Illusion und man ist sich nur allzu bewusst, ein Theaterstück anzuschauen. Die Immersion wird gebrochen, da ich als Zuschauer ein Teil des Ganzen bin. Das führt für mich zumindest zu einer Intellektualisierung des Präsentierten. Ich kann mich weniger fallen lassen. Was nicht unbedingt etwas Schlechtes ist. Es ist nur anders, als ich es von einem Theaterstück erwartet hatte.
Die schauspielerischen Leistungen stimmen durchweg, besonders Kreon und der Seher haben mir gut gefallen. Die Stimme von Maximilian Paier hat etwas Tiefes, Gebieterisches. Man hängt an jedem Wort, das aus seinen Lippen kommt. Die anderen müssen sich aber nicht verstecken. Nur stehen eher Kreon und der Seher im Zentrum als die namensgebende Antigone, was die Dialoge anbelangt. Zumindest gefühlt haben sie die meiste Sprechzeit neben Eurydike.
Ich werde die Kammerspiele auf jeden Fall im Auge behalten. Die Tickets haben überschaubare Preise und so kann man sich des Öfteren auf etwas Neues einlassen, ohne gleich 100 € oder mehr investiert zu haben. Es muss nicht immer „Maria Theresia“ sein und über zwei Stunden dauern. Die Kunst besteht unter anderem auch darin, innerhalb kürzerer Zeit eine komplette, mitreißende Geschichte zu erzählen.
