Zweifelhafte, pragmatische Ansichten

Diese Woche war als Beilage zu den Salzburger Nachrichten mal wieder der Pragmaticus dabei. Eine monatliche Zeitschrift, in der sich scheinbar intelligente Menschen über aktuelle Probleme und Herausforderungen der Gesellschaft Gedanken machen. Ein gutes Viertel jeder Ausgabe fokussiert sich dabei auf ein Titelthema, das von unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet wird, der Rest beschäftigt sich mit einer Bandbreite an Thematiken.

Bis vor Kurzem hatte ich eigentlich einen recht positiven Eindruck dieses Magazins. Sie hatten etwa dieses Jahr mal den Panda als Titelthema und haben sich darüber Gedanken gemacht, ob man diese Spezies nicht aussterben lassen sollte, ob des unverhältnismäßig hohen Aufwands, sie am Leben zu erhalten. Dabei haben sie sich selbst nie allzu ernst genommen, dachte ich zumindest, und haben von diesem doch eher kontroversen Standpunkt aus gesehen, die Geschichte und aktuellen Zustand dieser Spezies beleuchtet.

Aus heutiger Sicht betrachtet bin ich mir allerdings nicht mehr so sicher, ob sie es nicht doch zu 100 % ernst gemeint haben, mit ihrer Aussage. Ich bildete mir auch ein, dass bisherige Titelthemen aus unterschiedlichen Blickwinkeln behandelt und diskutiert wurden. Denn warum sollte man sich viele Autor*innen leisten, wenn sie doch alle nur die Titelthese stützen sollen, die von Anfang an feststand und die das Team lediglich wiederkäuen soll.

Die letzte Ausgabe hat sich das Thema gendern in der deutschen Sprache ausgesucht, ein Thema, das natürlich in keinster Weise kontrovers oder über-emotionalisiert diskutiert wird, in der Öffentlichkeit. Es wurde auch auf dem Titelblatt ein subtiles, großes, rotes Stoppschild abgebildet mit der Aufforderung, man solle doch bitte mit dem Gendern aufhören und die deutsche Sprache mit diesem Unsinn nicht verschandeln. Also eine übliche, objektive Herangehensweise an ein Thema.

Trotzdem wollte ich den Autor*innen, Journalist*innen und Philosoph*innen eine Chance geben, sich doch noch differenziert mit dem Thema zu beschäftigen. Etwas skeptisch habe ich dann begonnen, die Artikel der Ausgabe zu lesen. Was mich erwartet hat, waren Artikel, die mich zutiefst schockiert haben. Es wurden Fakten falsch dargestellt (beispielsweise die Transfeindlichkeit einer gewissen Harry Potter Autorin – she, who shall not be named). Jeder Artikel war eine Kundgebung einer Meinung, ohne sich wirklich tiefer mit dem Thema zu beschäftigen oder auch betroffene Personen zu Wort kommen zu lassen. Es wurde eine Umfrage der Leserschaft bekannt gegeben, die mit fragwürdigen Grafiken dargestellt wurde – gerne würde ich wissen wollen, wie viele Menschen sie befragt haben, welches Geschlecht diese hatten, welche sexuelle Orientierung, etc. Kontext hilft manchmal. Auch die Beispiele für „schlecht“ gegenderte Texte waren katastrophal. Ich hatte den Eindruck, als hätte man absichtlich Texte herausgesucht, wo sich die jeweilige Person einfach keine Gedanken machen wollte, wie man einen schönen Text schreibt ohne unzählige Sternchen, Schrägstriche und sonstige Gender-konforme Zeichen und Formulierungen zu verwenden. Man müsste sich halt einfach ein bisschen Zeit nehmen, recherchieren und nachdenken, etwas, wozu auch die Autor*innen dieser Ausgabe des Pragmaticus scheinbar nicht imstande sind zu tun.

Ich musste die Ausgabe des Öfteren weglegen, bevor ich weiterlesen konnte. Die steilste These in der gesamten Ausgabe war die, dass man in Friedenszeiten quasi zu viel Zeit hat, sich Gedanken über die eigene Identität zu machen und dann solche „Trends“ wie das Gendern entwickelt – was nach dem Überfall auf die Ukraine und jetzt im Kontext mit den Geschehnissen in Israel und Gaza, mehr als nur geschmacklos war und ist.

Ich bitte darum, mich zu berichtigen, wenn sich herausstellen sollte, dass es sich hier eigentlich um ein rein satirisches Magazin handelt. Wer diese Ausgabe im Speziellen freigegeben hat für den Druck, sollte sich wirklich mal Gedanken über die eigenen Werte machen und wie man mit seinen Mitmenschen umgehen und kommunizieren will.

Vor einiger Zeit habe ich geschrieben, dass ich mich gerne mit positiven Einflüssen umgebe. Seien es die Newsletter von Matthew Dicks oder Arnold Schwarzenegger, oder andere Personen und Persönlichkeiten, die die Welt optimistisch betrachten und an das Gute im Menschen glauben. Menschen, die mit Ruhe und bedacht an Probleme und Herausforderungen herantreten. Das heißt nicht, dass man die Augen vor der Realität verstecken sollte oder alles immer nur durch die rosarote Brille betrachtet, lediglich eine positivere mentale Einstellung der Welt gegenüber. Das ist manchmal ein Kraftakt und nicht immer einfach, aber notwendig.

Diese spezielle Ausgabe des Pragmaticus war das genaue Gegenteil davon. Man ist mit einer vorgefertigten Meinung an ein Thema herangetreten, hat sich mit Ja-Sagern und Menschen umgeben, die diese Meinung ebenfalls haben und dann darauf basierend Artikel geschrieben. Ich bin gerne bereit, über Themen wie das Gendern zu diskutieren, aber dann muss man auch bereit sein, den eigenen Standpunkt zu hinterfragen und mit einem offenen Ohr an das Ganze heranzugehen.

Echokammern sind für niemanden gut, man braucht mal etwas Gegenwind oder andere Meinungen, muss sich mit anderen Kulturen und Sichtweisen auseinandersetzen, den eigenen Horizont erweitern – besonders wenn man etwas nicht versteht. Aber Fakten falsch darstellen und geschmacklose Thesen in den Raum zu werfen, geht einfach zu weit.

Mit etwas mehr Akzeptanz, Verständnis, Ruhe und Demut durchs Leben gehen, täte so manchen nicht schlecht. Oder wie es David Foster Wallace so treffend zusammengefasst hat: This is water.