Vergangenes Jahr habe ich zufälligerweise ein Interview mit Tom Holland auf YouTube entdeckt. Es dauert fast zwei Stunden, wird von Jay Shetty geführt und hat meine Sicht auf den Schauspieler komplett geändert. Ich bin Spider-Man-Fan und mochte Tom Hollands Darstellung des Charakters.
Ich hatte ein relativ positives Bild des Schauspielers und dachte, ich höre einfach mal rein. Die Erwartungen waren neutral. Ich gehe immer spazieren, wenn ich Podcasts höre, so auch dieses Mal. Machte mich also auf den Weg und startete das Interview. Die nächsten zwei Stunden gehören zu den besten Podcast-Momenten (und einem der erkenntnisreichsten Momente), die ich 2023 hatte. Ich war gefesselt und hätte noch gerne länger zugehört.
Holland erzählt so offen, verletzlich und ehrlich, es ist ansteckend und erfrischend. Er erzählt davon, wie aus einem dry january (einer Challenge, bei der man einen Monat lang keinen Alkohol trinkt) zu einer echten Herausforderung wurde und er gemerkt hat, er hat vielleicht ein Problem oder stand kurz davor, eines zu bekommen. Die Erfahrungen und Anekdoten, Herausforderungen und Kompensationsstrategien, von denen er berichtet, haben mich nachhaltig beeindruckt.
Seitdem beobachte ich nicht nur mein eigenes Verhalten sehr genau, sondern auch das von meinem Umfeld und der gesellschaftlichen Einstellung Alkohol gegenüber.
Immer wieder bin ich schockiert darüber, wie alltäglich und normal es ist, zu trinken. Manche berichten sogar davon, noch mit dem Auto zu fahren, obwohl sie genau wissen, dass es an der Grenze des erlaubten kratzt, wo ich nur kopfschüttelnd daneben sitzen kann, ob der Leichtfertigkeit, mit der diesem Thema begegnet wird. Ich kann darin nichts Spaßiges oder Lustiges erkennen.
Gerne mache ich auch Experimente und entscheide mich bewusst, wenngleich ich mit dem Zug unterwegs bin, zu einem Anlass, Event oder einfach so, keinen Alkohol zu trinken. Die Rechtfertigungen, die ich dazu ablegen muss, das Unverständnis meines nicht-trinkens gegenüber, überraschen mich jedes Mal. Sollte es nicht umgekehrt sein? Müssten sich nicht die anderen rechtfertigen, vor allem wenn sie regelmäßig über die Stränge schlagen? Ich kann nur jedem und jeder empfehlen, ein ähnliches Experiment zu machen. Man lernt Menschen von einer völlig anderen Seite kennen, die man manchmal gar nicht so genau kennen wollte.
In unserer Gesellschaft, die Droge Alkohol stärker zu besteuern oder stärkere Reglementierungen einzuführen, ist wahrscheinlich ähnlich schwierig wie in Deutschland eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn erreichen zu wollen. Mir fehlt in den alltäglichen Diskussionen und Unterhaltungen über dieses Thema ein bisschen die Ernsthaftigkeit, und die Gefahren und Konsequenzen werden meist ohnehin ausgeblendet.
Matthew Dicks schreibt in seinem Buch storytelling, dass es drei Regeln in Bezug auf Geschichten gibt. Geschichten, die die meisten für spannend oder lustig halten, aber von denen eigentlich niemand hören will. Regel Nummer eins ist, dass niemand von deinem Urlaub hören will. Regel Nummer zwei ist, dass, selbst wenn jemand nach deinem Urlaub fragt, nicht davon hören will. Regel Nummer drei sind Alkohol-Geschichten, die niemand hören will und von denen niemand erzählen sollte. Das geht auf seine Konzepte zurück, was gute Geschichten ausmachen, und die eben genannten erfüllen sie meistens nicht.
Regel drei ist mir in den vergangenen Monaten, in Verbindung mit dem Tom Holland Interview, besonders im Gedächtnis geblieben. Wenn man manchen Menschen so zuhört, was sie einem erzählen und was sie lustig oder erlebenswert finden, muss ich ehrlicherweise sagen, dass manche ganz schön an Respekt eingebüßt haben.
Ich will eigentlich immer auf einer positiven Note enden, aber das Thema ist mir wichtig geworden und ich kann nur dazu einladen, die eigene Umgebung und das eigene Verhalten etwas mehr unter Beobachtung zu stellen. Auch von der Challenge, einen Monat nichts zu trinken, die Tom Holland so einiges über sich selbst beigebracht hat, könnten mehrere profitieren. Denn für manche ist es genau das, eine Herausforderung und im schlimmsten Fall gelangt man zu einer erhellenden Erkenntnis.
Das Interview kann ich nur empfehlen. Die Ehrlichkeit und Offenheit, die Tom Holland an den Tag legt, sind beeindruckend und ein Vorbild für alle. Denn nein zu sagen und für die eigenen Prinzipien einzustehen, auch wenn vielleicht »die Gesellschaft« es anders sieht, sollte nichts sein, wofür man sich rechtfertigen muss, sondern etwas, das respektiert wird. Hier das Interview: