Der Untergang von ComiXology

Im Sommer des vergangenen Jahres wurde das nicht gerade glorreiche Ende einer Institution und wahrlichen Bastion eingeleitet, mit dem eigentlich keiner so richtig gerechnet hatte. Und wieder einmal war es das unverständliche Handeln eines Mega-Konzerns, das das Leben so vieler Menschen berührt hat. Doch manchmal, so schmerzhaft es sein mag, ist eine aufgezwungene Veränderung notwendig, um neuen Dingen eine Chance geben zu können, zu wachsen.

ComiXology war seit vielen Jahren der eine Platz in den Weiten des Internets, wenn man Comics digital kaufen wollte. Sämtliche Verlage haben dort ihre Comics und Graphic Novels angeboten. Es gab immer wieder ausgezeichnete Deals, und die Handhabung war durchaus gelungen. Das Web-Interface hätte vielleicht mal eine Modernisierung vertragen können, doch es hat wunderbar funktioniert und ich bin ja durchaus der Meinung, dass man manche Dinge belassen kann, wenn sie doch funktionieren.

Kurzer Einschub: Mein Paradebeispiel für eine Verschlimmbesserung zu diesem Thema ist die Marvel Unlimited App. Vor etwa zwei Jahren wurde diese „modernisiert“. Sie mag davor etwas in die Jahre gekommen sein, aber die App hat über 30.000 einzelne Comic-Ausgaben im Sortiment – beinahe die komplette Marvel-Geschichte ist dort abgebildet. Da ist das vielleicht ganz angebracht. Man konnte kommod durch die ganzen Ausgaben scrollen und selbst Reihen wie Spider-Man mit mehreren hundert Heften waren schnell und einfach zu navigieren. Nach dem großen Update war es nur mehr mühselig, langsam und alles andere als benutzerfreundlich. Manche Features wurden sogar entfernt.

Deshalb mochte ich auch ComiXology so gerne. Ich habe immer wieder die tollen Angebote genutzt und viele Omnibus, Trade Paperbacks und Collected Editions gekauft, weil ich gerne alles an einem Platz haben wollte. Und es war der einzige Ort, wo man wirklich digitale Comics gut kaufen konnte. Außerdem hatte die ComiXology App den besten Reader am Markt, was Comics anbelangte. Niemand konnte ihnen das Wasser reichen, es war einfach fantastisch.

Doch Amazon wollte alles unter einem Dach vereinen. Seit Jahren gehörte ComiXology zu ihnen, und es existierten beide nebeneinander vor sich hin. Doch mit der immer weiter voranschreitenden Kindle-Integration war das Ende wohl abzusehen und nur mehr eine Frage der Zeit.

Schließlich wurde letztes Jahr die ComiXology-Homepage eingestellt, einen wirklichen Ersatz dafür gab es allerdings nicht. Zumindest international nicht. Die US-Seite von Amazon hat das ComiXology Interface integriert, alle anderen warten noch immer darauf, soweit ich weiß. Nun wurde auch noch die ComiXology App eingestellt und alle meine buchstäblich tausenden Comics sind irgendwo zwischen Büchern und Dokumenten in meiner Kindle-App einsortiert. Eine Filterung funktioniert eher schlecht als recht.

Es ist schade und war unnötig. Es hat nicht nur die Fans erzürnt, sondern wahrscheinlich den Verlagen Geld gekostet. Seitdem Lese ich deutlich weniger Comics, auch weil ich auf Amazon keine mehr kaufen möchte.

Doch mit den kürzlich erschienenen Apps Omnibus und GlobalComix gibt es inzwischen wieder zwei Alternativen. Es haben sich diesen jungen Unternehmen bereits viele Verlage angeschlossen und nach und nach mache ich mich mit ihnen vertraut. Es ist ein Umgewöhnen, so etwas braucht immer Zeit. Wenn man etwas jahrelang anders gewohnt war, muss man sich erst damit auseinandersetzen, dass es eben nicht mehr zurückkommt.

Mir haben Comics immer sehr viel bedeutet und waren für Jahre mein primäres Unterhaltungsmedium. Seien es die typischen Superhelden-Verlage wie Marvel oder DC, oder unbekanntere wie Valiant. Der Verlag Image hat teilweise die besten Reihen auf den Markt gebracht, die mich sehr bewegt haben. Sei es Giant Days, The Wicked + The Devine oder die unzähligen anderen. Neue Verlage haben sich etabliert, wie Boom!Studios, andere haben an Ruhm eingebüßt. Ich habe Podcasts dazu gehört und jahrelang auf diversen Blogs darüber geschrieben. Dass mir Comics wichtig waren, ist eine wahrliche Untertreibung. Und all das wurde durch ComiXology erst möglich gemacht, anders wäre ich auf legale Weise nicht zu den Tausenden Comics gekommen, die sich in meiner Library der App gesammelt hatten.

Aber vielleicht hatte das Ganze ja etwas Gutes. ComiXology besaß seit jeher eine Monopolstellung auf die Distribution von digitalen Comics. Nun gibt es zwei neue Anbieter, die es davor vielleicht nie versucht hätten, in dieses Geschäft einzusteigen. Nur hätte man diesen Niedergang einer solchen Institution, die für manche Menschen einen der einzigen wirklich guten Zugänge zu Comics darstellte, etwas rühmlicher gestalten können.

Es ist eben immer schwierig, sich digital etwas aufzubauen, sei es eine Comic-Sammlung, Filme oder Musik, und sich von einer einzigen Firma abhängig zu machen. Man kauft immerhin nur das Recht, etwas anzuschauen, solange es dieses Unternehmen gutheißt. Einen Vorschlag oder eine Lösung, es besser zu machen oder eine Art Handreichung, wie es besser gehen könnte, die eigenen digitalen Inhalte zu verwalten und zu speichern, habe ich leider nicht. Allerdings ist es ganz angebracht, zumindest darüber nachzudenken, von wem man sich abhängig machen will und ob es das wert ist.