Stadt, Land, Fluß

04.02.2024

Bei meinem letzten Besuch in Stuttgart hat mir Freund T. das Hermann Hesse Buch Peter Camenzind ausgeliehen. Im Studium habe ich schon sein Buch Siddhartha außerordentlich genossen. Die buddhistische Geschichte und Herangehensweise dieser Neuinterpretation, wenn man so will, hat mich fasziniert und begeistert mich noch heute. Es ist ein Buch, das in Erinnerung bleibt. Die Sprache und der Schreibstil begeistern, und die Charaktere, die Hesse entwirft, sind fesselnd. So war es also nur eine Frage der Zeit, bis ich ein weiteres seiner Bücher in Händen halten würde.

Es hat zwar etwas länger gedauert, aber nun hielte ich also Peter Camenzind in Händen. Anfangs war ich etwas skeptisch, als ich zu lesen anfing, da die Beschreibungen des Protagonisten doch sehr auf die Natur abgezielt haben. Nicht, dass ich das nicht mochte, aber ich hatte etwas Sorge, dass es das ganze Buch über so weitergehen würde. Zum Teil tut es das zwar, doch die Reisen, die der titelgebende Charakter unternimmt und dessen Einstellung zum Leben haben mich doch recht schnell in den Bann gezogen.

Im ersten Drittel des Buches kommen immer wieder absurde Situationen vor, die ich so nicht erwartet hätte. Es sind alltägliche Situationen, die beinahe jeder im Leben durchmacht (oder irgendwann durchmachen muss), aber der menschenscheue und zu sozial noch unbeholfene Peter Camenzind beschreibt diese auf eine einzigartige Art und Weise. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass er in einem kleinen Bergdorf in der Schweiz aufwächst, wo jeder zweite den Namen Camenzind trägt und sich nicht viel Spannendes ergibt. So werden die umher liegenden Berge und Wälder, aber vor allem auch die Wolken zu seinen besten Kameraden. Bis ihn ein Angebot erreicht, das ihn in die Welt hinaus treibt und er in Europa herumreisen kann.

Sein großer Traum ist die Schriftstellerei, der er sich irgendwann voll und ganz widmen möchte. Ob ihm das gelingt, will ich an dieser Stelle nicht verraten. Aber im Allgemeinen mag ich an dem Buch, dass es kein Ziel per se gibt. Es ist ein leicht tänzelndes Buch, in dem Peter Camenzind von seinem Leben berichtet. Von daher hat es auch ein etwas offenes Ende, das dem oder der geneigten Leser*in vorbehalten ist, zu interpretieren.

Die Geschichte an sich ist mal lebensfroh, mal melancholisch, aber der grundlegende Optimismus des Protagonisten geht doch nie so ganz verloren. Auch ein paar Liebeleien kommen vor und innige Freundschaften. Eine davon, so viel sei verraten, ist so sehr voller wunderbarer, liebkosender Formulierungen und überbordender Hingabe beschrieben, dass ich nicht umhin kann, darin etwas mehr hineinzuinterpretieren. Das mag meine queere, LGBTQ+-Sichtweise sein, aber die Freundschaft mit Richard, die er beschreibt, könnte durchaus einen romantischen Aspekt innehaben.

Es ist zwar ein recht kurzes Buch, aber trotzdem steckt so viel Leben darin, dass es mich sicher noch eine Weile beschäftigen wird. Peter Camenzinds Reisen und Berichte, Freundschaften, Affären und Abenteuer sind mitreißend und laden durchaus auch zum Träumen ein – zum Reflektieren und Sinnieren über das eigene Leben. Ich bin froh, es gelesen zu haben und bin motiviert, mir sicherlich noch weitere Hermann Hesse Werke zuzulegen.