Nachvollziehbare Charakterentwicklung

Dune hat mich in den Bann gezogen. Als ich vor nicht ganz einer Woche mit dem ersten Buch anfing, hatte ich nicht erwartet, dass es mich derart begeistern wird. Mittlerweile bin ich bereits mit dem ersten Teil so gut wie durch und hoffe, die nächsten Teile treffen demnächst ein. Wie sich nämlich herausgestellt hat, bildet der erste Film von Denis Villeneuve etwas mehr als die Hälfte des ersten Buches ab. Nun will ich noch das Zweite lesen (Der Herr des Wüstenplaneten), damit ich für den zweiten Film, der Ende des Monats erscheint, bestens vorbereitet bin.

Warum ich aber diese Woche schon zum zweiten Mal über dieses faszinierende Universum schreiben will oder muss, ist die Art der Charakterentwicklung, die stattfindet. So etwas Tiefgehendes habe ich bisher kaum gelesen. Die Art und Weise, wie Frank Herbert uns mit den Charakteren durch diese Welt führt, ist immer wieder aufs neue fesselnd und mir wurde erst nach gut zwei Dritteln des ersten Buches so richtig bewusst, wieso.

Es ist nicht nur, wie ich erst vermutet habe, der fliegende Wechsel zwischen den Eindrücken der Charaktere. Dies trägt aber mit Sicherheit ebenfalls dazu bei. Jeder Absatz in einem Kapitel, dass sich um bestimmte Charaktere dreht (beispielsweise Paul Atreides und seine Mutter), kann sich auf einen anderen Gesichtspunkt fokussieren. Mal sind es Pauls Gedanken, die wir eindrücklichst erfahren und mitgeteilt bekommen, zwei Sätze weiter wechselt Herbert auf die Sichtweise von Pauls Mutter und wir erfahren ihre Schlussfolgerungen, Hoffnungen und Motive in dieser spezifischen Situation.

Dieser stete Wechsel ist zu einem gewissen Grad sicherlich auf erforderlich, da besonders diese beiden Charaktere mit ihrer speziellen Ausbildung darauf konditioniert sind, die feinsten Details und Verhaltensweisen an Personen festzustellen. Sei es an deren Verhalten, die Art wie sie sprechen, wie sie ihre Kleidung tragen oder wo sie stehen und wie. Es ist ein sehr analytisches Denken, aber durchaus nicht frei von Gefühlen. Dem machen sich die beiden, besonders Paul, immer wieder bewusst, vor allem, nachdem er erfahren hat, dass seine Ausbildung auf ein Mentaten-Training abzielte. Dazu kommen die schon fast evolutionär anmutenden, sprunghaften Entwicklungen, die Paul durchmacht, dank des Spice.

Auch von anderen Charakteren erfahren wir immer wieder ihre Überlegungen und wie sie Situationen wahrnehmen. Sei es der Baron Harkonnen, der Arzt Yueh oder vermeintliche Nebencharaktere. Diese tiefgreifende Einsicht macht die Welt von Dune derart greifbar und zu einem gewissen Grad real erscheinend. Dazu kommen die genial geschriebenen Dialoge. Da es sehr viel um Intrigen geht, alle darauf achten müssen, nicht zu viel zu verraten oder das Falsche zu sagen, ist es umso wichtiger, dass diese pointiert geschrieben sind. Die zum Teil wahr werdenden und quasi personifizierten Legenden und Mythen, die es auf dem Wüstenplaneten Arrakis gibt, machen es gewissen Charakteren schwierig, in jeder Situation das richtige Verhalten und die passenden Worte zu wählen.

Dank der Einsichten in ihre Überlegungen sind die Schlussfolgerungen der Personen nachvollziehbar. Genau das ist es, was mich so fasziniert und nachhaltig beeindruckt. Als Leser erfahre ich, wie die Charaktere zu ihren Schlussfolgerungen kommen. Es wird aber derart vorgekaut, sodass man sich als dummer Leser fühlt, dem man jeden Handlungsschritt erklären muss. Eine Gratwanderung, die ich so nicht erwartet hatte. Schlechtere Autor*innen würden vielleicht plumpe Dialoge schreiben, um Entscheidungen nachvollziehbar zu machen oder die Leserschaft auf gewisse Punkte förmlich mit dem Gesicht hineindrücken. Hier wird man ein Teil der logischen Folgerungen.

Aber, wie bereits erwähnt, spielen natürlich die Gefühle dabei ebenfalls eine große Rolle. Es ist auch nicht so, dass immer alle recht hätten oder nicht überrascht würden. Das würde es wiederum langweilig machen. Als Vergleich ist mir tatsächlich die Serie Breaking Bad eingefallen.

Wer die Serie gesehen hat, erinnert sich vielleicht an den Moment, wo Jesse an der Bushaltestelle stand. Es ist schon etwas länger her, seit ich die Serie geschaut habe, aber ich glaube, es war die letzte Staffel. An dieser Bushaltestelle stehend, nimmt er einen Gegenstand aus seiner Tasche und plötzlich ergibt alles für ihn Sinn. Er weiß, was Walter bzw. Heisenberg gemacht hat und alle Puzzleteile fügen sich zu einem Bild zusammen. Und er entscheidet sich, ihn zu konfrontieren. Oder auch der Moment, wo für Hank plötzlich klar wird, wer Walter wirklich ist. Beides, aber besonders ersterer, herausragende Momente, die mit wenigen visuellen Hilfsmitteln auskommen. Dank der genialen schauspielerischen Leistung sind sie aber nachvollziehbar. Man bekommt nicht alles vorgekaut, trotzdem weiß man, wie die Charaktere zu ihren Einsichten gekommen sind und erlebt es gleichsam mit ihnen mit.

Diese Momente gibt es konstant in Dune, aber natürlich in abgestuften Intensitäten oder genauer gesagt sind sie in ihrer Fundamentalität variabel. Jetzt haben mich schon vier Science-Fiction-Universen in ihren Bann gezogen, aber dazu ein anderes Mal mehr.