Es gibt Menschen, denen kann man stundenlang zuhören. Dabei ist es nicht einmal so wichtig, worüber sie sprechen, ob das Thema mich nun voll und ganz interessiert oder ich bisher noch nicht einmal eine Ahnung hatte, dass es mich interessieren könnte. Sie haben ein Talent oder diese Fertigkeit gelernt und über Jahre geschliffen, um Geschichte, Wissenschaft oder was auch immer spannend zu erzählen. Vergangenes Wochenende hatte ich gleich zwei dieser Begegnungen.
Die eine betrifft eine Führung durch Salzburg. Mit Freund J. mache ich des Öfteren welche in Salzburg, weil es eben nicht nur die schönste Stadt ist, sondern es sich obendrein noch als ein geschichtlich spannender Ort darstellt. Eine Person, die uns dabei immer wieder begegnet und deren Führungen wir immer gerne mitmachen, ist Irene Gramel. Sie erzählt schlichte Daten und Fakten auf eine unterhaltsame Art und Weise und ist in der Lage, teils witzige Anekdoten aus dieser Zeit zum Besten zu geben. So wirken die Orte umso lebendiger und man wird in die Zeit, aus der sie gerade berichtet, zurückversetzt.
Stadtführungen sind sowieso eine unterschätzte Zunft. Das Wissen, das sich diese Leute angeeignet haben, ist immer wieder beeindruckend. Vor allem, wenn man Menschen durch die Stadt führt, die aus der Umgebung kommen, sich vielleicht schon seit längerem ebenfalls mit der Geschichte des Ortes auseinandersetzen, ist es umso wichtiger, präzise und genau berichten zu können. Vor allem den eigenen Wohnort oder die eigene Umgebung durch so ein Angebot besser kennenzulernen finde ich wichtig. Man muss nicht unbedingt ein detailliertes Wissen vorzeigen können, wie die Guides, aber ein Verständnis dafür zu haben ist nicht verkehrt. Sich vielleicht auch die unangenehmeren Teile einer Geschichte zu Gemüte zu führen, um daraus lernen zu können oder es sich gelegentlich bewusst zu machen, ist nie schlecht.
Das bringt mich zu meiner zweiten Begegnung mit einem faszinierenden Geschichtenerzähler. Ilko-Sascha Kowalczuk ist Historiker und hat eine umfassende, zweibändige Biografie über Walter Ulbricht geschrieben. Das hätte ich so nie erfahren, wäre er nicht in einem meiner liebsten Podcasts aufgetaucht: WRINT. Über knapp vier Stunden führen Holgi und Ilko-Sascha Kowalczuk ein Gespräch über diese Bücher, was es heißt Biografien zu schreiben, die Zeit, in der Walter Ulbricht gelebt hat und so viel mehr.
Zunächst wollte ich gar nicht reinhören, bis ich die vier Stunden gesehen habe, denn wenn jemand schon so lange mit Holgi in seinem Podcast spricht, muss es wirklich eine faszinierende Person sein. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich mir über Walter Ulbricht nicht so wirklich bewusst war. Aber einmal mit der Folge angefangen, konnte ich kaum mehr aufhören. Sie verfliegen zu schnell und Ilko-Sascha Kowalczuk hätte gerne noch länger erzählen können. Die Sichtweise eines Historikers in dieser Länge zu erfahren und was es bedeutet, sich als Historiker einem Thema, einer Biografie, einer Zeit zu nähern, fesselte mich.
Ein großartiges Gespräch und es hat mir wieder einmal gezeigt, warum ich das Podcast-Format so gerne mag. Es sind eben nicht nur wie im Radio zwei Minuten kurze Schnipsel, die ein Interview dauert, sondern es wird sich über Stunden einem Thema gewidmet, bis man es zu Ende diskutiert oder ausführlich genug durchgenommen hat. Genauso wie bei Führungen durch Städte und Orte kann man sich Zeit lassen, sich wirklich in die Zeit versetzen lassen und Geschichte spannend erleben.
Link: WR1577 Walter Ulbricht