Geek-Planet: The Beauty #1

Es gibt Geschichten, die einem im Kopf bleiben, egal, wie viele Jahre vergehen mögen. The Beauty ist für mich so eine Geschichte. Für den heutigen wöchentlichen Rückblick auf meine vergangenen Blogger-Jahre habe ich mir die Rezension zu The Beauty #1 herausgesucht. Der Text erschien am 23.09.2015 auf meinem damaligen Blog geek-planet.

Für die Wiederveröffentlichung dieser Texte nehme ich meistens nur kleinere Korrekturen vor. Seien es Formulierungen, die etwas krude waren, Rechtschreibfehler oder andere Kleinigkeiten, die ich verbessern kann. Bis jetzt ist der folgende Text derjenige mit den meisten Anpassungen, Streichungen und Umformulierungen. Wenn man über Jahre hinweg schreibt und sich dann mit diesen Texten erneut auseinandersetzt, kann es ganz witzig oder überraschend sein, die damaligen Ansichten zu lesen. Entweder sie passen noch, oder man hat sich, hoffentlich, doch weiterentwickelt. Meinungen und Einstellungen ändern sich, Erfahrungen prägen, die Welt dreht sich weiter.

Neun Jahre sind eine lange Zeit und mit den damaligen Aussagen konnte ich mich so gar nicht mehr identifizieren. Sie waren mir nicht fremd, aber mussten auch nicht mehr so stehen bleiben. Jedenfalls kann ich The Beauty noch immer empfehlen. Mittlerweile ist die Comic-Reihe schon seit Jahren vollendet und hat einen speziellen Platz in meinem Herzen. Es ist eine wunderbare Geschichte in einem einzigartigen Stil – ein vielfach unterschätzter Comic, wie ich finde. Man kann die Fragen, die die Geschichte aufwirft, natürlich philosophisch sehen und darüber nachdenken, oder man genießt eine ausgesprochen tiefgründige Geschichte für das, was sie ist: eine gute Geschichte. Die Interpretation bleibt wie immer bei den Leser*innen.


Vor zwei Monaten ist eine neue Image-Reihe gestartet, die ich diese Woche erst entdeckt habe. The Beauty bedient sich einer Prämisse, die so genial wie einfach ist und sobald man erst einmal anfängt, darüber nachzudenken, lässt einen das Thema nicht mehr los und es schwebt ununterbrochen eine Frage im Kopf herum: Was würde ich tun?

  • Story: Jeremy Haun, Jason A. Hurley
  • Art: Jeremy Haun
  • Color: John Rauch
  • Lettering & Design: Fonografiks

“I never wanted this. I’m not one of those assholes who went out and got it on purpose. … It’s a fucking disease!” – Vaughn

Sexuell übertragbare Krankheiten gehören als Thema genauso in unsere Gesellschaft wie Smartphones. Sie sind zum Glück nicht so weitverbreitet, doch sie schweben wie ein Damoklesschwert über uns. Auch wenn manche mittlerweile kein größeres Problem mehr darstellen, handelt es sich doch um Krankheiten, die unseren Körper befallen und schädigen. AIDS gehört dabei sicherlich zu den schlimmsten, die man bekommen kann, nicht nur durch eine gewisse Stigmatisierung der Krankheit und der Betroffenen. Etwas Kleines und unscheinbares, wie ein Kondom, kann davor schützen und auch wenn das Thema leider wieder in den Hintergrund rückt, da es sich vermutlich nicht gerade Auflagenweise verkaufen lässt, ist es doch aktueller denn je.

Doch was, wenn einem die Krankheit nicht unbedingt schädigt? Was, wenn die Krankheit eine geradezu positive Auswirkung hat? Körperfett wird in Massen vom Organismus verbrannt, Haare wachsen nach, Haut regeneriert sich, die Gesichtszüge werden ausgeprägter und all das nur durch etwas Sex ohne Kondom. Einzige Nebenwirkung des Ganzen ist ein konstantes leichtes Fieber. Nichts, womit man nicht leben könnte, oder?

Bevor ich mir auf ComiXology die erste Ausgabe gekauft habe, las ich mir die Beschreibung zu The Beauty durch. Dort wird erwähnt, dass die Welt von The Beauty seit ungefähr zwei Jahren von einer Krankheit heimgesucht wird, die sich manche Menschen schon immer gewünscht haben. Eine Krankheit, die einen endlich schön macht. Wie Eingangs erwähnt ist es eine durchaus interessente Frage und man kann nicht umhin, sich selbst zu fragen, was man selbst anstelle der Menschen in dieser Welt tun würde. Das Risiko eingehen oder es sein lassen? Ich habe darauf noch keine abschließende Antwort gefunden und weiß auch nicht, ob es überhaupt eine gibt. Zumindest würde ich nicht wie bei einem neuen iPhone sofort den Kaufen-Button drücken. Davon abgesehen wären natürlich Untersuchungen und eventuelle Langzeitschäden interessant, doch die Frage bleibt unbeantwortet.

Wie alles, was wir erschaffen, uns ausdenken und worüber wir schreiben, löst auch diese Krankheit Befürworter und Gegner auf den Plan. Natürlich kann man darüber diskutieren, die Risiken abschätzen und so weiter, doch schlussendlich muss doch jeder selbst entscheiden, was es ihm oder ihr Wert ist, schön zu sein (mal ganz davon abgesehen, dass jeder den Begriff „Schönheit“ anders definiert). Den Weg über einen Virus zu gehen, ist natürlich einfach und unkompliziert. Ich muss es mir nicht mit anstrengenden Läufen, Radtouren, Krafttraining und so weiter selbst verdienen. Monatelang dafür schuften und diszipliniert sein.

Aber und das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, es ist ein herrliches Gefühl, ein anstrengendes Training absolviert zu haben. Etwas aus eigenem Antrieb zu schaffen, sich etwas zu erarbeiten. Denn es kommt natürlich nicht nur auf die äußere Erscheinung an, sondern wie man selbst damit zurechtkommt. Man kann durch die Krankheit The Beauty es sich einfach machen, über Nacht zu einer „Schönheit“ werden, aber ob man sich selbst dann auch so akzeptieren kann oder immer noch Fehler und Makel findet, wird durch ein Virus mit Sicherheit nicht gelöst.

Die Psyche wird durch einen Virus nicht geändert. Das ist immer noch Arbeit und anstrengend. Der Charakter bleibt der gleiche wie vorher. Es gibt keine Weiterentwicklung, keinen Erkenntnisgewinn. Ein Virus nimmt vielleicht die Entscheidung ab, wie man äußerlich auf andere wirken möchte, aber welches Bild projiziert man damit wirklich? Es ist die Abkürzung, ohne jeden Lerneffekt. Wenn ich nun darüber nachdenke und diese Gedanken aufschreibe, ich würde es vermutlich nicht tun. Auch wenn es vielleicht Zeiten geben mag, wo es verführerisch erscheint. Doch einmal geöffnet, lässt sich die Büchse der Pandora nicht mehr schließen.

The Beauty löst in mir etwas aus, dass ich von einem Comic, Buch oder Film nur selten kenne. Dieses Thema berührt mich auf einer tieferen Ebene. Jeremy Haun und Co. haben einen wunderbaren Comic erschaffen, der es wert ist, gelesen zu werden.

Die Unterhaltungen wirken intim, die Charaktere dreidimensional und echt. Der Stil gefällt ebenfalls ausgezeichnet. Die feinen, detaillierten Zeichnungen, die eine tolle Mimik der Figuren aufweisen, sind mit dunklen Farben ergänzt, wodurch diejenigen, die The Beauty haben noch deutlicher hervorstechen lässt.

Ich bin gefesselt und werde den Comic ab jetzt monatlich weiter verfolgen, sofern die Qualität auf diesem Niveau bleibt.