Ach, die X-Men-Filme. Über 19 Jahre haben uns diese Filme begleitet (von 2000 bis 2019). Vor Marvels erstem MCU-Film haben sie uns gezeigt, wie man nach und nach ein inhärentes Universum aufbauen könnte. Die Qualität war dabei leider nicht immer Priorität. Oft ist man zu sehr von den Geschichten aus den Comics abgewichen oder hat versucht, einen eigenen Spin zu finden. Das muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein (siehe Days of Future Past), ist aber stets eine Herausforderung.
Ich hätte mir gewünscht, dass man sich etwas mehr Mühe bei den Geschichten gibt. Sich näher an den Comics orientiert. In den vergangenen Jahren hat es in den Comics eine neue Ära der X-Men gegeben, die vom Genie Jonathan Hickman eingeleitet wurde: die Krakoa-Ära. Erst dadurch habe ich manche Charaktere von den X-Men so richtig kennengelernt. Wie eben den titelgebenden Charakter des Films: Apocalypse. Der Film wird dem Charakter in keiner Weise gerecht. Leider. Selbst die Geschichte Age of Apocalypse in den Comics sieht komplett anders aus, als der Film es darstellt. Ebenso funktionieren seine Kräfte anders. Sie sind sehr viel mysteriöser, unnahbarer.
Man kann nur hoffen, dass Marvel den X-Men gerechter wird, wenn sie sie ins MCU einführen. Die letzten Einträge ins MCU, seien es Filme oder Serien, lassen allerdings Zweifel aufkommen.
Wie dem auch sei; der folgende Text stammt vom 29. Mai 2016 und erschien damals auf meinem Blog Geek-Planet, den es mittlerweile nicht mehr gibt. Es ist immer wieder ein interessanter Blick in die Vergangenheit. Was ich damals über die Filme, Serien und Comics gedacht und geschrieben habe. Der Film kommt jedenfalls sehr viel besser weg, als ich es eingangs vermutet hätte. Heute würde ich sehr viel kritischer herangehen.
“Everything they’ve built will fall! And from the ashes of their world, we’ll build a better one!” – Apocalypse
Nachdem Days of Future Past das X-Men Universum quasi zurückgesetzt hat und den berühmt-berüchtigten dritten Teil von Brett Ratner ungeschehen macht, warteten viele Fans gespannt auf Brian Singers nächsten Coup. Prominent in der After-Credit-Szene angekündigt, war klar, dass es sich um nichts Geringeres, als den gottgleichen, ersten Mutanten Apocalypse selbst handeln sollte. Die Trailer waren vielversprechend gestaltet, mit fantastischen Effekten, einer tollen Rede und einer globalen Zerstörungswut, die Roland Emmerich stolz machen würden. Doch kann der Film das alles einhalten und dabei noch ein paar neue Charaktere einführen?
Fangen wir am besten bei der Geschichte an. Hier steigen wir ca. zweieinhalbtausend Jahre vor unserer Zeitrechnung ein und erleben hautnah, wie sich Apocalypse (Oscar Isaac) in einen neuen Körper transformieren möchte. Wie lange der Mutant tatsächlich schon auf der Erde wandelt, erfahren wir leider nicht, nur dass er sehr alt ist und die Fähigkeit hat, seinen Geist in einen anderen Körper zu transferieren. Praktischerweise nimmt er dabei sämtliche Mutanten-Fähigkeiten mit. Dies könnte ihn zu einem der gefährlichsten Gegner machen, dem die X-Men je gegenübergestanden sind, denn über die Jahrtausende hat er so einige Kräfte gesammelt. Unter anderem kann er die Fähigkeiten anderer verstärken, aber dazu später mehr. Dass Apocalypse eine Gefahr darstellt, haben auch schon die alten Ägypter erkannt und bei einem imposant dargestellten Putsch schließen sie den Gott unter Trümmern begraben ein, jedenfalls bis er im Jahr 2016 von Anhängern wieder befreit wird. Zurück unter den Lebenden hat er nichts von seinem Eifer verloren. Er erkennt, dass die Welt sich nicht gerade verbessert hat und macht sich auf die Suche nach seinen vier Reitern, um die Erde dem Erdboden gleichzumachen; sie in ein neues Zeitalter zu führen.
Seine vier Reiter der Apokalypse wählt er dabei mit viel Bedacht, denn sie sollen die mächtigsten Mutanten darstellen. Ob er wirklich mit so viel Bedacht vorgeht, sei mal dahingestellt, denn um ehrlich zu sein, bleiben diese zu 50 % sehr ersetzbar. Als Erstes hätten wir eine Ninja-Jedi-Kombination (Olivia Munn), deren Potenzial eher vergeudet wird. Schon besser kommt Angel (Ben Hardy) weg. Dieser wird auf coole Art eingeführt, bevor er ebenfalls in den Hintergrund rückt. Zumindest dürfen wir an ihm erleben, was Apocalypse in anderen Mutanten anstellen kann und wie er ihre Kräfte verstärkt. Die Standardflügel tauscht er durch metallische aus, die messerscharfe Klingen schleudern können. Da er sehr prominent im Trailer dargestellt wurde, habe ich mir etwas mehr von ihm erwartet; außerdem sieht er mit seinen Federn und ohne das Kostüm viel besser aus als seine seltsame transformierte Gestalt. Die Dritte im Bunde ist schon sehr viel interessanter und macht im Laufe des Filmes eine gute Entwicklung durch: Storm (Alexandra Shipp). Sie fängt als kleine Diebin in Ägypten an und wendet sich dann immer weiter den X-Men zu, als sie sieht, was für ein Monster Apocalypse tatsächlich ist.
Der vierte Reiter verdient seinen eigenen Absatz, denn hier handelt es sich um Erik »Magneto« Lensherr (Michael Fassbender). Er hat sich in den vergangenen zehn Jahren eine Familie in Polen aufgebaut und arbeitet in einer Metallfabrik. Natürlich überlebt seine Familie ihre Einführung nicht, was schade ist, da es mal eine nette Abwechslung gewesen wäre. Aber so werden sie gefridget; dienen also nichts weiter als einem story-point und der Motivation von Magneto. Um ihm dann den Rest zu geben und endgültig auf seine Seite zu ziehen, bringt ihn Apocalypse zu der Quelle all seiner Schmerzen: Auschwitz. Was folgt, ist die wohl beste Szene des Filmes. Der Gott zeigt Erik, wie er mit seinen Kräften bis ins Innere des Planeten reichen kann und dessen Magnetfeld beeinflussen kann. Seine Pein und sein Schmerz führen zur Zerstörung der gesamten Umgebung und man sitzt gebannt im Kinosessel und weiß nicht, ob man das, was einem gezeigt wird, cool finden darf. Es ist der emotionale Höhepunkt des Filmes.
Kommen wir nun zu der anderen Seite. Hier haben wir unsere altbekannten Charaktere rund um Xavier (James McAvoy): Mystique (Jennifer Lawrence), McCoy (Nicholas Hoult) und selbst Quicksilver (Evan Peters) gehören zur Stammbesetzung. Sein Auftritt in Days of Future Past war grandios und wohl die beste Sequenz des Filmes und es durfte klar bezweifelt werden, ob es den Machern gelingen würde, dies noch einmal zu wiederholen. Ohne zu übertreiben, kann ich an dieser Stelle versichern, dass sie zumindest eine sehr beeindruckende und andere Sequenz geschaffen haben. Seine Beziehung zu Magneto, er ist sein Sohn, wird kurz angerissen, doch nicht aufgelöst; wieder eine vertane Chance.
Neu bei der Garde ist Nightcrawler aka Kurt Wagner (Kodi Smit-McPhee). Er ist eine der stärksten Figuren im Film. Scott (Tye Sheridan) aka Cyclopse, wird ebenso gekonnt eingeführt wie sein Bruder. Jean Grey (Sophie Turner) darf natürlich auch nicht fehlen. Im Laufe der Geschichte dürfen alle ihre vollen Kräfte freilassen, was immer wieder beeindruckt. Wer leider nur einen Cameo-Auftritt haben darf, ist unser geliebter Hugh Jackmann als Wolverine. Er feiert demnächst in seinem dritten Solo-Film seinen Abschied und es bleibt zu hoffen, dass dieser dem Charakter gerecht wird. Immerhin wird dieser R-rated, was schon ein Schritt in die richtige Richtung ist.
Bei einem Film wie X-Men: Apocalypse darf man wohl erwarten, dass die Effekte entsprechend gut aussehen und bis auf die ein oder andere Szene tun sie dies allemal. Brian Singer und sein Team schaffen es tatsächlich, die unfassbare Macht von einem gottgleichen Mutanten wie Apocalypse greifbar oder zumindest vorstellbar zu machen. Mit einer gelungenen Kombination aus Mythos, der die Unsterblichkeit und Grausamkeit erst erläutert und nachträglichen Taten, die diesen Mythos wahrhaftig machen, bauen sie ihn gut aus. Die tolle Musik trägt ihr übriges zum Blockbuster bei. Das Einzige, was zu kurz kommt, sind ruhigere Szenen zwischen den Charakteren. Der Film hat ein hohes Erzähltempo und unsere Helden jagen von einem Action-Platz zum anderen. Zwar wird deren persönliche Geschichte klar, hier helfen die vergangenen Filme, doch gelegentlich wären weiterführende Unterhaltungen gut gewesen.
Alles in allem bietet der Film eine gute Unterhaltung und wird seinen Erwartungen, die durch die Trailer geweckt wurden, gerecht. Insgesamt würde ich ihm den dritten Platz von den drei First-Class Filmen zugestehen. Es bleibt zu hoffen, dass die folgenden Filme weiterhin auf der Qualität aufbauen können, selbst wenn der Verbleib von Brian Singer noch nicht sicher ist. Leider ist auch die Zukunft des Hauptcasts rund um Jennifer unsicher, denn deren Verträge scheinen abzulaufen. Beruhigen darf aber immerhin die Tatsache, dass sie gemeinsam eine Art Pakt geschlossen haben: Entweder werden alle vier Verträge verlängert oder keiner.