Seit einiger Zeit habe ich den Newsletter von Löwenherz abonniert. Einer Buchhandlung in Wien, für Schwule und Lesben, wie sie auf ihrer Webseite schreiben. Sie empfehlen verschiedenste Bücher zu queeren Themen und ich blättere gerne im Sortiment und lasse mich für mein nächstes Lese-Abenteuer inspirieren. So bin ich auf das Buch Nacht ohne Morgen von Benoit d`Halluin gestoßen.
Es ist eine Geschichte, die von zwei Leben erzählt. Zwei Leben, die in Frankreich beginnen und deren Schicksal schließlich nach New York führt. Alexis wird von einem unbekannten auf einer Brücke angefahren und liegt im Koma. Er ist bei seiner Familie in Frankreich nicht geoutet. Sein Freund, Marc, verständigt seine Mutter. Sie kennen sich nicht. Doch im Laufe der Nach ohne Morgen müssen sie einander vertrauen.
Ich hatte zuerst die Befürchtung, dass es ein sehr schweres Buch wird. Vollgestopft mit Klischees oder zu viele ach so tragische Dialoge. Aber so ist das Buch in keinem Fall. Die Leben von Marc und Alexis werden abschnittsweise erzählt. Drei Zeitlinien wechseln sich in einem tänzelnden Tempo geschickt ab. Das, was aktuell mit Alexis passiert und sich zwischen seiner Mutter und Marc abspielt. Das Leben von Alexis und das Leben von Marc, die an unterschiedlichen Orten und zu verschiedenen Zeiten beginnen. Sich getrennt voneinander entwickeln, sie aber doch irgendwann zusammenführt.
Die Leichtigkeit, mit der der Autor Benoit d`Halluin es schafft, diese Zeitlinien abzuwechseln und jede mit ihrer eigenen Atmosphäre aufzuladen, ist erstaunlich. Es ist wahrlich kein einfaches Buch, doch die Grundstimmung, die immer wieder aufkommt, ist lebensbejahend. Voller Hoffnung und Abenteuerlust, Entdeckerdrang und dem Wunsch, es heute ein Stück besser zu machen als gestern. Besonders die ersten zwei Drittel des Buches, in denen das Erzähltempo sich schier zu überschlagen droht, doch man nie verloren ist, sind bemerkenswert.
Mit der Zeit nimmt das Tempo aber etwas ab und die Charaktere können immer mehr atmen und mehr von sich preisgeben. Hier habe ich dann gemerkt, wie fantastisch die Charaktere ausgearbeitet sind. Sie wirken echt, weil sie fehlbar sind. Ihre Entwicklung ist keine gerade Linie. Sie stolpern, fallen zurück in alte Muster, hadern, kämpfen, scheitern. Doch stets mit dem Drang es besser zu machen. Besser zu machen für den anderen Menschen in ihrem Leben, der ihnen so viel bedeutet.
Ebenso geschickt erzählt ist die Entwicklung zwischen Marc und Alexis Mutter Catherine. Sie haben sich noch nie gesehen. Kennen sich nicht. Die Familie weiß nicht einmal, dass Alexis schwul ist, geschweige denn eine Beziehung hat. Je mehr Einblicke sie bekommt, desto mehr merkt sie, wie fremd ihr eigener Sohn ihr geworden ist. An diesen Stellen habe ich die Einblicke in die Gedankengänge der Charaktere besonders geschätzt. Von voreiligen Schlüssen, die durch neue Entdeckungen revidiert werden müssen. Von Vorurteilen und Vorwürfen, die sich ob der eigenen Fehler, die man begangen hat, wieder in Luft auflösen.
Nacht ohne Morgen ist ein tolles Buch, das ich kaum aus der Hand legen konnte. Es feiert das Leben, das Entdecken und die Freude an den kleinen alltäglichen Dingen, die man für selbstverständlich nimmt. Doch das heißt nicht, dass es immer einfach ist, unbeschwert oder keine Herausforderungen hätte. Es feiert das Leben, gerade weil wir schwierige Zeiten durchleben, die stärker machen und von denen wir uns nicht unterkriegen lassen dürfen.