Ringe an die Macht

Fast zwei Jahre mussten wir auf eine Fortsetzung von Die Ringe der Macht auf Amazon Prime Video warten. Eigentlich hatte ich mir gedacht, ich schaue die erste Staffel noch einmal an, um das löchrige Gedächtnis wieder etwas aufzufüllen, doch das habe ich leider nie geschafft. Zum Glück gibt es vor der ersten Episode einen kleinen Zusammenschnitt von dem, was so alles passiert ist. Doch der ist bedauerlicherweise nicht besonders gut gelungen. Es sind eher Eindrücke und wirkt schon fast Trailer-haft, als eine echte Zusammenfassung der Geschehnisse zu sein. Hier hätte durchaus etwas mehr Liebe zum Detail sein dürfen. Am Budget hat es ja wohl nicht gelegen.

Ich beziehe mich im Folgenden auf die ersten drei Episoden, die initial veröffentlicht wurden. Die vierte erscheint, zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Textes, erst in ein paar Tagen. Grundsätzlich bin ich von diesen drei Episoden sehr angetan gewesen. Sie scheinen weiterhin das Konzept zu verfolgen, dass sich jede auf ein Kernthema beschränkt. Seien es die Menschen in Númenor, die Zwerge in Khazad-dûm oder die Elben und ihre internen Streitigkeiten. Doch die meisten kommen in jeder Episode vor, nur verschiebt sich der Fokus stets etwas.

Ich mag dieses Vorgehen sehr gerne, da es alle Handlungsstränge vorantreibt, aber nicht zu viele Sprünge sind. Die Erzählung ist nicht zu dicht gepackt. Die Szenen können etwas atmen. Was natürlich auch an den Längen der Episoden liegt, die alle bisher über eine Stunde lang sind.

Kommen wir aber nun zur entscheidenden Frage: Ist die zweite Staffel gut oder schlecht? Ich würde sagen, weder noch. Es scheint mittlerweile leider ein Sport geworden zu sein, Verrisse zu Serien zu machen. Sei mal dahingestellt, ob die Serie es verdient hat oder nicht, finde ich es problematisch, so eine Sichtweise zu vertreten. Natürlich reicht die Qualität von Die Ringe der Macht nicht an Lord of the Rings heran. Die ursprüngliche Trilogie spielt in Sphären, von denen Ringe der Macht nur träumen kann. Aber es ist keine schlechte Serie.

Die Erzählung der Zwerge ist weiterhin mein Favorit. Das liegt den spannenden Macht-Dynamiken, aber vor allem an Prinz Durin IV und seiner Frau Disa. Die beiden haben eine tolle Chemie miteinander und die Schauspieler*innen machen einen bravourösen Job. Auch die Mythologie der Zwerge, ihre Beziehung zum Stein und zum Berg faszinieren mich.

Gleich danach kommen aber auch schon die Elben, die mit Sicherheit einen Großteil der Erzählung einnehmen. Galadriel finde ich weiterhin einen tollen Charakter. Sie ist getrieben von ihrem Fehler, Sauron vertraut zu haben und ihm den Weg nach Mordor und zu den ersten drei Ringen verholfen zu haben. Das ist natürlich ein stetiger Konflikt mit dem bedachteren Vorgehen von Gil-Galad. Nur Elronds Sturheit und Verbissenheit Galadriel gegenüber kann ich nicht ganz nachvollziehen. Statt zu helfen, schleift er lieber beleidigt an einem Schiff. Da habe ich ein anderes Bild von ihm im Kopf.

Allerdings muss man immer bedenken, dass ein paar tausend Jahre zwischen den Ereignissen in Ringe der Macht und Lord of the Rings liegen. Da kann man den Figuren etwas Entwicklung zugestehen. Viele scheinen das in ihren Kritiken nicht zu bedenken. Natürlich ist Galadriel anders in der Serie als in den Filmen. Die Zeit ist eine andere, sie ist eine andere Person. Wenn man in diesen Zeitdimensionen denkt, prägen etliche Ereignisse die Charaktere und verändern sie sicherlich tiefgreifend.

Am wenigsten nachvollziehen kann ich tatsächlich die politischen Intrigen und Macht-Spielchen in Númenor. Für mich ist nicht klar, wer was warum will und warum, wer jemanden nicht ausstehen kann. Auch die Symbolik ist nicht immer transparent. In der dritten Folge spielt beispielsweise ein Adler eine wichtige Rolle, aber nicht die, die ich erwartet hatte. Es wirkt sehr beliebig. Aber immerhin ist die Kulisse schön. Außerdem mag ich die Erzählung um Isildur und seine Abenteuer. Sie sind interessant und spannend gestaltet.

Ansonsten mag ich noch kein finales Urteilen fällen, das hebe ich mir für das Ende der Staffel auf. Was man noch sagen kann, ist, dass Sauron eine kleine Drama-Queen ist und auf große Auftritte steht. Etwas cringe (um dieses Wort auch einmal in einem Text verwendet zu haben) war allerdings sein erstes Auftreten als Annatar (Lord of Gifts) vor dem Schmied Celebrimbor. Die Autor*innen wollten scheinbar unbedingt die Phrasen Rings of Power und Lord of the Rings unterbringen. Kann man machen, wirft mich allerdings aus der Immersion. Aber die Manipulation von Celebrimbor ist durchaus nachvollziehbar. Allerdings ist das Schmieden der Ringe für die Zwerge zügig vonstatten gegangen. Ich bin jedoch ganz froh, dass sie es nicht unnötig in die Länge ziehen, sondern die Handlung vorantreiben.

Bisher bin ich von Die Ringe der Macht angetan und schaue die Serie wieder sehr gerne. Sie könnte aber noch besser sein und geschliffener. Es wirkt nicht immer zu 100 % stringent und ich bin mir nicht sicher, ob sie wissen, wo sie mit der Númenor-Geschichte hinwollen. Für ein Budget, wie es scheinbar diese Serie hat, kann man durchaus mehr verlangen. Aber grundsätzlich ein gelungener Auftakt.