Kursbuch zum Thema Exil

Nachdem ich den Newsletter von Kursbuch-online schon seit einigen Monaten abonniert habe, wurde es an der Zeit, eine Text-Sammlung zu testen. Ich mag den Montagsnewsletter, den sich drei Autor*innen in abwechselnder Reihenfolge teilen, sehr gerne lesen. Es wird über aktuelle Themen nachgedacht, sich Zeit gelassen und von einer bestimmten Perspektive aus beobachtet. Ähnliches erwartete ich von den gedruckten Kursbüchern.

Jedes Kursbuch widmet sich einem bestimmten Thema. Vor Kurzem erschien das Kursbuch 219 zum Thema Exil, das ich auch gleich bestellt habe. Verschiedenste Autor*innen widmen sich diesem Thema aus ihrer ganz spezifischen Perspektive. Es können philosophische oder soziologische Essays sein. Aber auch Gedichte und Textpassagen aus Berichten bzw. Büchern finden Platz. Ebenso kommt ein Interview mit zwei Regisseurinnen vor, die einen Dokumentarfilm gedreht haben, der sich auf ganz spezielle Weise dem Thema annähert.

Der Begriff Exil wird durch diese unterschiedlichen Herangehensweisen aufgebrochen und es erschließt sich einem eine völlig neue Definition. Exil ist etwas sehr Vielfältiges und Vielschichtiges; kann auf Situationen angewendet werden, die man zuvor vielleicht nicht bedacht hat. Es kann sowohl etwas Örtliches als auch etwas Geistiges sein. Ich war wirklich sehr angetan und begeistert von den Texten.

Jedoch sind manche davon unnötig komplex geschrieben. Besonders ein Text Wie der Fisch an Land, aber auch Babylonien, Marburg, Kleinarmenien und anderswo, sind mir negativ aufgefallen. Erst genannter verwendet beispielsweise Zwischenüberschriften, was dem Zweiten nicht geschadet hätte. So behält man besser den Überblick und weiß, wann der Autor endlich zum Thema kommt und wie lange die Einleitung noch dauert.

Ich mag ausschweifende philosophische Texte. Sie dürfen mich gerne intellektuell fordern oder gerne auch mal überfordern. Es ist wie beim ersten Buch von Thomas Mann, das man liest. Man muss sich erst einmal an die Schachtelsätze gewöhnen. Aber wenn man ruhig und konzentriert weiterliest, erschließt sich der Sinn und die Bedeutung dahinter. Aber Thomas Mann schrieb eben großartige Romane und keine unnötig komplexen Philosophietexte (meines Wissens zumindest).

Wie der Fisch an Land dürfte gerne ein paar Seiten länger sein, dafür aber etwas einfacher zu lesen. Schachtelsätze bekommen hier eine neue Definition, wenn nicht nur mit Kommata, sondern auch mit ineinander verschachtelten Gedankenstrichen gearbeitet wird. Es wird davon ausgegangen, dass ich gewisse philosophische Ansätze kenne und mit Fachbegriffen vertraut bin.

Seit ich mich vor ein paar Monaten etwas mit einfacher Sprache beschäftigt habe, fällt mir so etwas besonders negativ auf. Aber unnötig komplex geschriebene wissenschaftliche Texte sind sowieso ein allgemeines Problem von vielen deutschsprachigen Autor*innen. Im Englischen tue ich mir vergleichsweise leicht, einen Text zu einem ähnlichen Thema zu verstehen. Sie sind eingängiger und einfacher geschrieben. Ich weiß nicht, warum sich philosophische und/oder wissenschaftliche Abhandlungen im Deutschen über Komplexität profilieren müssen. Es geht auch anders. Und würde zudem mehr Menschen erreichen.

Dazu ist nicht einmal viel nötig. Streicht die Schachtelsätze und erklärt mehr Begrifflichkeiten durch entsprechende Fußnoten. Allein diese beiden Dinge würden so manche Texte um einiges verständlicher machen. Aber außer dieser Kritik hat mich das Kursbuch 219 durchaus überzeugt. Es sind tolle Perspektiven auf ein Thema, über das ich mir eigentlich noch nie wirklich Gedanken gemacht habe. Es regt zum Nachdenken an.