In einem kürzlichen Newsletter von Falter-Journalist Florian Klenk hat dieser von seiner Twitter-Erfahrung der vergangenen Monate und Jahre berichtet. Die paar Absätze waren sehr erfrischend zu lesen, da ich bisher dachte, dass es vielleicht an mir liegen könnte, was mir so alles in die Timeline gespült wird. Ich wusste natürlich, dass es nicht so war, sondern sich die Plattform immer weiter in einen Strudel des Hasses hineinmanövriert. Und das ganz bewusst. Doch es blieb immer der Zweifel zurück.
Denn um ehrlich zu sein, habe ich mir vor etlichen Monaten einen neuen Twitter-Account zugelegt. Mit einer wegwerf-E-Mail-Adresse und einem zufälligen, von Twitter generiertem Benutzernamen. Zwar habe ich mein eigenes, über Jahre gepflegtes Profil gelöscht, nachdem Twitter gekauft wurde, aber manchmal ist es doch notwendig oder interessant, Zugriff auf einen Account zu haben. Ich verwende diesen Fake-Account nicht oft, aber gelegentlich will ich doch sehen, was Menschen, denen ich anderswo folge, twittern oder wenn jemand etwas empfiehlt, das man sich ansehen sollte.
Normalerweise bewege ich mich dann rein auf dem »Following«-Reiter. Also jenem Reiter, auf dem nur diejenigen Inhalte angezeigt werden, denen man aktiv folgt. Das ist so weit auch in Ordnung. Doch sobald ich mich von dieser kleinen Insel der Seligen wegbewege und den anderen Reiter »For you« öffne, geht alles rasant den Bach runter.
Es werden einem Dinge angezeigt, die man nicht sehen sollte. Bilder, Videos und Schnipsel voller Gewalt, Hass und unfassbar grausiger Dinge. »All das schafft Übermüdung, schlechte Laune und ein finsteres Bild von der Welt«, schreibt Klenk im Newsletter. Doch nicht nur das. Es prägt ein Bild der Welt, das nicht wahr ist. Natürlich passieren diese Dinge auf der Welt. Doch üblicherweise sollten wir davon in der Zeitung lesen oder in den Nachrichten erfahren. Diese Geschehnisse sollten eingeordnet und kommentiert werden. Wenn ich mich jeden Tag von diesen Videos und Bildern, ohne jeglichen Kontext, voll müllen lasse, prägt das selbstverständlich meine Sicht auf alles um mich herum.
Meine subjektive Erfahrung, die (hoffentlich) gewaltfrei ist, wird beschmutzt und verfälscht, weil ich diese Dinge über soziale Medien erfahre und wahrnehme. Meine Umgebung wirkt plötzlich gefährlicher, böser und gewalttätiger, als sie tatsächlich ist. Ich habe das Gefühl, dass wir im Begriff sind, die Unterscheidung zwischen diesen beiden Welten zu verlieren, wenn wir sie nicht schon verloren haben. Natürlich existeren diese beiden Welten, doch nur eine davon ist meine tatsächliche Erfahrung. Die andere basiert auf einem Algorithmus, der möchte, dass ich so viel Zeit wie möglich auf einer Plattform verbringe, der es egal ist, wie ich sie wieder verlasse. Hauptsache, es ist emotional und wühlt mich auf. Es ist »wie bei einem Verkehrsunfall: Man kann nicht wegsehen und scrollt stundenlang.«, so Klenk.
Ich verlasse kaum mehr den »Following« Bereich auf Twitter und öffne die Webseite nur am Rechner und das nicht mehr als maximal einmal die Woche. Ein paar Minuten bin ich auf der Webseite, sehe mir an, was mir von vertrauenswürdigen Quellen empfohlen wurde und schließe die Webseite so schnell es geht wieder. Ich lasse mich nicht von diesen Videos ablenken oder verbringe Stunden auf Twitter, weil ich weiß, es manipuliert mich.
Vor der Übernahme einer gewissen Person war Twitter ein fantastischer Ort im Internet. Ich bin Künstlerinnen von Comics gefolgt, Autorinnen, Journalistinnen, Bloggerinnen, Podcaster*innen oder einfach nur Accounts, die lustige Inhalte gepostet haben. Zwar schrieb ich selbst wenig, doch habe umso mehr gelesen. Mir wurden tolle Comics empfohlen und ich habe Essays entdeckt, die mir heute noch im Gedächtnis sind. Twitter, so wie ich es für mich eingerichtet habe, war ein Garant für originelle Ideen und immenser Kreativität. Und all das an einem Ort versammelt.
All die Menschen, denen ich gefolgt bin, sind nun über andere Plattformen verteilt. Sei es Mastodon, Threads oder die ganzen Twitter-Klone, die manchmal längere, manchmal kürzere Zeit überleben. Ich finde es schade, dass diese Plattform nun zerstört daliegt, ein düsterer Schatten seiner selbst. Twitter ist der Beweis, dass ohne Kontrolle, Moderation und Engagement ein soziales Netzwerk nicht existieren sollte. Es ist ein Mahnmal, der wahr gewordene Abgrund, der einem tief in die Seele blickt und sie versucht herauszureißen. Ich erinnere mich lieber an das alte Twitter und meide das Neue so viel und so oft es geht.