Ja, ich bin ein bisschen spät dran. Die vierte Staffel von Sex Education erschien bereits vor über einem Jahr, im September 2023. Aber da ich gerade mal wieder ein Netflix-Abo habe, weil die dritte Staffel von Heartstopper geschaut werden musste, bietet es sich an, ein paar andere Serien nachzuholen.
Ich bin sehr froh, dass es meistens einen kleinen Zusammenschnitt darüber gibt, was bisher geschehen ist, wenn man eine neue Staffel bei Netflix anfängt. Leider ist das nicht bei allen Serien der Fall, aber bei Sex Education war es notwendig. Nach zwei Jahren Pause war ich mir während des Zusammenschnitts zum Teil nicht sicher, ob ich die Staffel davor überhaupt gesehen hatte. Aber langsam kamen die Erinnerungen zurück. So war ich gut eingestellt auf das wahrscheinlich letzte Abenteuer von Otis, Maeve, Eric, Adam, Ruby, Aimee und Co.
Die vierte Staffel umfasst wieder acht Folgen, die jeweils etwa eine Stunde lang sind. Nur die letzte Folge sticht mit knapp eineinhalb Stunden heraus. Ich weiß nicht, ob sie bewusst alle Handlungsstränge in der vierten Staffel beendet haben oder die Chancen auf eine Fortsetzung derart schlecht standen, dass sie keinen anderen Ausweg sahen. Was auch immer passiert ist, diese Staffel ist sehr voll mit alten und neuen Charakteren, Plots, Sub-Plots und Sub-Sub-Plots, dass es mindestens zwei Staffeln hätte füllen können. So bleibt es am Ende leider eine durchwachsene Staffel. Aber alles der Reihe nach.
Bereits die ersten 10 Minuten der ersten Folge fühlen sich anders an. Die Clique kommt für das letzte (?) Schuljahr (ich kenne mich beim englischen Schulsystem nicht aus) auf eine neue Schule. Das Cavendish College ist ein von Studierenden geführtes College und sehr modern. Man bekommt Tablets ausgehändigt, es ist bunt, farbenfroh, scheinbar sehr optimistisch und überaus divers. Es ist ein derartiger Kontrast zur vorherigen Staffel und Location, dass es sich beinahe falsch anfühlt. So als ob die Produzent*innen eine Checkliste für Diversität durchgegangen sind und einfach zu allem Ja gesagt haben.
Nicht falsch verstehen, Sex Education war schon immer mit unterschiedlichsten, auch queeren Charakteren ausgestattet. Aber dadurch, dass es in keiner Großstadt per se spielt, zeigten die Produzent*innen ein gutes Händchen dafür, dass es glaubwürdig bleibt. Von jetzt auf gleich haben sie allerdings einen regenbogenfarbenen Eimer über der Serie ausgeschüttet, der nicht so ganz zu den Staffeln davor passt. Allerdings ist das ein Muster, dieses zu viel von etwas, das sich durch die gesamte Staffel zieht.
Ein Kern der Serie war immer die Sex-Klinik, die Otis für die Studierenden hatte. Dadurch, dass seine Mutter Therapeutin ist und er sich scheinbar für das Thema interessiert, gut zuhören kann und intelligent ist, scheint er ein geborener Therapeut. Auf der neuen Schule gibt es allerdings schon eine solche Therapeutin: O. O hat aber nicht nur diese Klinik, sondern auch noch einen erfolgreichen YouTube-Kanal (sie nennen es nicht YouTube, aber wir wissen alle was gemeint ist). Otis ist davon sehr überrascht. Der ganze Konflikt zwischen den beiden, der sich durch die gesamte Staffel zieht, ist unnötig.
Wenn sich Otis wirklich für seine Freundinnen und die anderen Studierenden interessieren würde, würde er sich dann nicht über gewisse Themen informieren. Würde er nicht für seine Sex-Klinik recherchieren und sich weiterbilden? Ich denke schon. Deshalb scheint es unglaubwürdig, dass er noch nie über ein Video von O gestoßen ist und nichts von ihr weiß. Und dafür, dass er als der große Therapeut dargestellt wird, ist er unheimlich schlecht darin, mit seinen Freundinnen und Mitstudierenden zu reden. Haben wir die Entwicklungen der letzten Staffeln vergessen?
Eric macht eine sehr interessante Entwicklung in dieser Staffel durch. Es geht dabei nicht nur um seine Homosexualität, sondern um Religion, wer seine wirklichen Freunde sind und dergleichen. Ncuti Gatwa ist ein begnadeter Schauspieler und es macht einfach Freude, ihm zuzuschauen. Es ist großartig. Aber auch hier finde ich den Konflikt, der sich in der zweiten Hälfte der Staffel mit Otis, seinem besten Freund seit ihrer Kindheit, unglaubwürdig. Ja, Otis vernachlässigt ihn, nimmt ihn nicht ernst und hört ihm nicht zu, aber eine 5- bis 10-minütige Szene, wo die beiden einfach nur miteinander reden, hätte ausgereicht, um alles zu lösen.
In dem Konflikt geht es unter anderem darum, dass Eric sich von Otis teilweise nicht ernst genommen fühlt. Er fühlt sich von ihm nicht nur wegen seiner sexuellen Orientierung missverstanden oder genauer gesagt, dass er nicht mit ihm darüber reden kann. Genauso hat er das Gefühl, mit ihm nicht über sein Schwarzsein reden zu können und allem, was damit zusammenhängt. Zwar verstehen sie sich am Ende wieder, aber es gibt keine solchen Unterhaltungen. Die Stärke von Sex Education war es stets, nicht vor schwierigen, tiefgründigen Dialogen zurückzuschrecken. Ich hätte gerne den beiden bei solchen Unterhaltungen gelauscht, aber dieses Versprechen löst die Staffel leider nie ein.
Cal macht ebenfalls eine beeindruckende Entwicklung durch. Er kämpft mit seiner Transsexualität, fühlt sich von seiner Mutter nicht verstanden und weiß nicht, wie er mit allem umgehen soll. Auch hier gibt es oberflächlich eine Lösung des Konflikts, aber wirkliche Unterhaltungen und Dialoge gibt es nicht. Genauso bei Jackson und seiner Suche nach dem leiblichen Vater. Zwar gibt es eine Versöhnung mit seinen Müttern, aber es wäre durchaus mehr gegangen.
Diese weiteren Ebenen der Tiefgründigkeit kann die Staffel auch gar nicht erreichen, weil es mit der neuen Schule auch jede Menge neue Charaktere gibt. Diese benötigen ebenso Platz, um sich zu entwickeln. Sie alle kommen mit ihren eigenen Problemen, Herausforderungen und Schwierigkeiten. Es ist einfach zu viel. Ich mag manche der neuen Figuren ganz gerne, aber hätten sie mindestens noch eine Staffel gebraucht, um einen ähnlich wichtigen Standpunkt einzunehmen, wie die alten Charaktere.
So fühlen sich die schönen Momente der neuen Charaktere und deren schlussendlichen Lösungen nicht so aufrichtig und verdient an, wie von den alten. Nehmen wir Adam und Aimee als Beispiel. Adam und seine Familie sind seit Staffel 1 ein Thema. Der emotionslose Vater, der Adam immer unter Druck setzt und unterjocht, Adams Bisexualität und all die Konflikte, die mit der Trennung der Eltern einhergehen. Seine Reise in dieser Staffel fühlt sich authentisch und verdient an, weil wir ihn vier Staffeln lang begleitet haben.
Genauso Aimee. Die unmöglich zu erfüllenden Erwartungen ihrer Mutter, ihr überspielen von traumatischen Erlebnissen, wie dem Übergriff im Bus, sind alles Themen, die immer wieder aufgetaucht sind in den letzten Staffeln. Ihre Beziehung mit Isaac, den wir ebenfalls schon lange kennen, fühlt sich echt an und verdient. Sie hat endlich jemanden gefunden, der sie erst nimmt, ihre quirlige Art versteht und ihr hilft, sich von alten Lasten zu befreien. Adam und Aimee, gemeinsam mit Eric, sind die Höhepunkte der Staffel.
Ein weiterer Höhepunkt, den ich nicht unerwähnt lassen will, war für mich persönlich der Auftritt von Hanna Gatsby als Leiterin eines Radiosenders. Otis Mutter Jean fängt früh nach der Geburt ihrer Tochter dort zu arbeiten an. Ihre Klinik hat sie nicht mehr und der Sender sucht jemanden für eine Sex-Talkshow, wo Leute mit ihren Problemen anrufen können und echte Hilfe bekommen. Es sind schöne Szenen, und Jeans Kampf mit postnataler Depression ist auf vielen Ebenen beeindruckend.
Leider wird aber auch hier zu viel Zeit mit einem neuen Charakter verschwendet, den es nicht gebraucht hätte: Jeans Schwester. Hätte man sich hier auf Hanna Gatsbys Charakter fokussiert und hier eine Freundschaft entstehen lassen, wäre es um einiges besser gewesen. Außerdem ist der Vater, der lange Zeit nicht erwähnt wird, alles andere als eine gute Auflösung. Mit Jakob hatte man in den Staffeln davor einen wunderbaren Charakter eingeführt und entwickelt. Warum man diesen nicht weiter aufgebaut hat, verstehe ich nicht. Stattdessen wird viel Zeit mit der Schwester vergeudet, mit der man in der kurzen Zeit gar keine Verbindung aufbauen kann.
So bleibt diese Staffel mit gemischten Eindrücken zurück. Die vierte Staffel von Sex Education wirkt fremd, weil sich zu viel auf einmal ändert. Die Autor*innen sind mit einem sehr breiten Pinsel drüber gegangen. Dabei hätte eine letzte Staffel von sehr viel feineren Justierungen besser profitieren können. Die alten Charaktere zu sehen, wie sie ihre Probleme angehen und miteinander agieren sind die besten Momente der acht Folgen. Die neuen Charaktere, ihre Schule und die Probleme, die sie mitnehmen, hätte es nicht gebraucht. Zumindest nicht in diesem Ausmaß. Trotzdem bleibt Sex Education eine klare Empfehlung.
Besonders in den ersten drei Staffeln geht die Serie wichtige Themen an, die man sonst nicht auf diese direkte Art besprochen sieht. Die Schauspieler*innen sind großartig, allen voran natürlich Gillian Anderson, und man fiebert stets mit ihnen mit. Schade, dass die finale Landung nicht ganz gelingt, aber was sie davor aufgebaut haben, bleibt dennoch bestehen.