Morgen jährt sich dieser Blog zum ersten Mal. Seit einem Jahr schreibe ich jeden Tag einen Text zu einem beliebigen Thema. Was mich eben gerade so beschäftigt und interessiert. Aber auf diese Texte und das vergangene Jahr blicke ich an anderer Stelle zurück. Heute soll es um diese Kolumne im Speziellen gehen.
Da heute Donnerstag ist, muss natürlich ein alter Text von mir her. Für dieses kleine Jubiläum habe ich mir einen herausgesucht, der den Comic The Sculptor von Scott McCloud behandelt. Immerhin begann diese Kolumne und mein alter Blog Geek-Planet mit ihm und seinem Buch Understanding Comics. Daher scheint es passend, das erste Jahr auch mit ihm zu beschließen. Der Text erschien am 29. März 2015.
Wie schon bei vorherigen Texten habe ich die Links leider nicht mehr, die ich am Ende erwähne. Aber der Vollständigkeit halber habe ich die Zeilen trotzdem nicht entfernt. Zwar bin ich mit der Zeit dazu übergegangen, meine alten Texte etwas zu redigieren und zu überarbeiten, aber das waren stets kleine Änderungen. Habe ich die ersten Texte noch unbearbeitet wiedergegeben, so habe ich schnell gemerkt, dass eine kleine Überarbeitung notwendig ist.
Dabei war mir stets ein Anliegen, diese Texte verständlicher zu machen. Sätze umzuschreiben, die zu lang sind oder zu konfus geschrieben. Den Lesefluss zu verbessern und manches genauer zu erläutern. Oder aber auch, in äußerst seltenen Fällen, Sätze zu entfernen, da sie nicht mehr zeitgemäß sind oder nicht mehr in das Gesamtkonzept des Textes passen. Immerhin ist es über 10 Jahre her, seit ich den Blog Geek-Planet gestartet habe, da entwickelt man sich hoffentlich weiter.
In dem einen Jahr, wo es nun meine neue Webseite christophstaffl.eu gibt, haben wir uns 49 alte Texte von mir angesehen und es macht mir immer noch Freude. Ich entdecke immer wieder Neues und bin teilweise selbst überrascht, über was ich so alles geschrieben habe. Oder auch welche Meinungen ich zu gewissen Themen hatte oder aufgeschrieben habe.
Für das kommende Jahr habe ich ein paar spezielle Texte im Sinn, die ich mir gerne ansehen und erneut veröffentlichen möchte. Es handelt sich dabei um ein Studienprojekt, welches dann den Weg zu einem anderen Blog-Projekt fand, an dem ich teilnehmen durfte. Aber dazu mehr, wenn es so weit ist. Heute geht es erst einmal um Scott McCloud und seinen großartigen Comic The Sculptor.
Den meisten dürfte Scott McCloud wohl durch seine theoretischen Abhandlungen von Comics bekannt sein. Seine fantastischen Bücher Understanding Comics, Reinventing Comics und Making Comics sind ein Fundus an Informationen über das THema. Nach deren Lektüre, die er ebenfalls als Comic präsentiert, betrachtet man die Panels, Zeichnungen und Sprechblasen anders – sie öffnen den Leser*innen die Augen.
„It’s like they’re demanding that I make them, demanding to be seen, demanding to exist … and now I’m scared I’ll never finish a single one.“ – David
Ich habe nie die frühen Werke von Scott McCloud gelesen. In den achtziger und neunziger Jahren hat er Comics hervorgebracht, die von vielen Kritiker*innen hochgelobt wurden (zum Beispiel Zot! und The New Adventures of Abraham Lincoln). Dadurch war ich sehr daran interessiert, wie wohl ein Comic von ihm aussehen würde, der eine originelle Geschichte erzählt. Wie hat ihn die Erforschung und analytische Auseinandersetzung mit Comics beeinflusst?
Eigentlich müssten seine Erkenntnisse dazu führen, dass es ein Meisterwerk par excellence wird. Wobei diese Erwartungshaltung natürlich unfair ist. Allerdings bleibt eine der interessantesten Fragen für mich, worüber er schreiben wird. Welches Genre, welches Thema, welche Personen werden darin vorkommen? Und das Ergebnis seiner fünf Jahre andauernden Arbeit, in der er geschrieben, gezeichnet und sogar einen eigenen Font hat erzeugen lassen, ist ein Comic, so umfangreich und tiefgreifend wie das Leben selbst.
„Life doesn’t always turn out the way we plan, David.“ – Harry
Wie schon angedeutet ist das Graphic Novel The Sculptor sehr vielfältig. Im Zentrum steht David. Ein verlorener Künstler, der einen Deal mit dem Tod eingeht, um doch noch etwas Einzigartiges schaffen zu können. Dafür hat er 200 Tage Zeit, danach muss er sterben. Scott McCloud scheint mit einer unvergleichlichen Leichtigkeit, die Vielfalt des menschlichen Daseins in einen 500-seitigen Comic zu packen. Es geht um das Leben, die Liebe, Leidenschaft, Tod, Sex, Gefühle, Familie, Freunde, Träume, Erfahrungen, Ziele, Lektionen, Geld, Glück, Trauma, Hilfs- und Risikobereitschaft und so weiter. Alles findet seinen Platz.
Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto weiter wird man in sie hineingezogen und sie lässt einen nicht mehr los, bis man am Ende des Buches angelangt ist und erschöpft den Deckel zuklappt. Die Charaktere sind liebevoll ausgearbeitet. Sie sind glaubwürdig dargestellt, haben Fehler. Jede Minute mit ihnen muss man genießen, denn man weiß nie, wann es zu spät ist. Wenn es in The Sculptor an einem nicht fehlt, dann sind es überraschende Wendungen. Dabei sind es keine großen WTF-Momente, die die Leser*innen schockieren sollen. Nein, es sind die einfachen und stillen Momente, in denen die Charaktere über sich hinauswachsen, der Angst und Herausforderung ins Gesicht blicken und handeln.
Ebenso wie die Geschichte sind auch die Zeichnungen fantastisch. Der typische Stil von McCloud passt perfekt zu dem Comic, da es den Leser*innen genug Spielraum für Interpretationen lässt. Die nur zweifarbige Darstellung des Geschehens regt die Fantasie an und wirkt inspirierend. Die Handlungsorte wie die Stadt, Wohnungen, Parks und Seitengassen sind lebendig, man hört förmlich die typischen Geräuschkulissen der Umgebung. Es macht Spaß, mit den Figuren immer mehr zu entdecken und Davids Kreativität zu beobachten.
Die Dialoge und Gespräche wirken natürlich, nachvollziehbar und ich könnte stundenlang den Gesprächen zwischen Harry und David lauschen, während sie ihr Schachspiel bestreiten. Es gibt viele Höhepunkte in dem Comic, die ich nur zu gerne beschreiben und besprechen möchte, aber ich will nicht zu viel verraten, denn die Geschichte sollte ohne allzu viel Vorwissen gelesen werden. So entfaltet sie ihre gesamte Kraft und verfolgt einen noch über Tage hinaus. Auf jeden Fall lädt sie zum erneuten Lesen ein, denn sicherlich übersieht man beim ersten Mal etwas oder bestimmte Aspekte der Geschichte gehen unter.
Ich kann dieses Buch nur jedem empfehlen. Kauft es, verschenkt es, gebt es weiter.
„You’ll leave. Everybody leaves.“ – Meg
Vor kurzem habe ich Meldungen auf diversen Blogs und Websites gelesen, welche mich regelrecht nervös werden lassen. Filmstudios haben sich angeblich um die Rechte an dem Buch gestritten und es ist zu einer Art Wettstreit geworden. Ich weiß nicht mehr, welches Studio die Filmrechte schließlich bekommen hat und es ist mir eigentlich auch egal. Bitte, wer auch immer für die Verfilmung zuständig sein wird, lasst es langsam angehen. Arbeitet mit McCloud zusammen, wenn er es möchte. Haltet die Geschichte und die Effekte einfach und lasst die Protagonisten für sich sprechen, so wie im Comic auch. Denn erst dadurch entfaltet sich die Magie der Geschichte. Kein übermäßiger Einsatz von CGI, keine schnulzig übertriebene Romanze oder erzwungene Dreiecksbeziehung, welche es nicht gibt.
Als Abschluss verlinke ich noch zwei Interviews mit Scott McCloud. Das Erste könnt ihr gleich lesen, ohne das Buch zu kennen. Das Zweite würde ich allerdings erst für später empfehlen, da es doch einige Spoiler enthält. In jedem Fall bekommt man einen netten Eindruck über die Entstehung von The Sculptor.