Manchmal ist es erstaunlich zu sehen, wie lange man ein Projekt verfolgt. So ging es mir letztens, als ich mir überlegt habe, mal wieder Valentine zu lesen. Dabei handelt es sich um einen Webcomic, den man wahlweise auf tapas.io oder bei WebToon verfolgen kann. Ich bin mir nicht mehr sicher, seit wann ich den Comic verfolge oder seit wann ich das Projekt auf Patreon unterstütze, aber es muss schon sehr lang sein. Immerhin begann das erste Kapitel von Valentine Ende 2016.
Natürlich handelt es sich um eine queere coming-of-age Geschichte, wie könnte es anders sein. Sie startet an einem Valentinstag in einem College (oder einer Highschool, ich bin mir nicht ganz sicher). Dort wird scheinbar jedes Jahr eine Art Blind-Date-Situation veranstaltet. Mädchen ziehen eine pinke Karte, Jungs eine blaue. Dort stehen Nummern darauf, beispielsweise eine 8, und wenn sich beide 8 finden, gehen sie auf ein Date. Doch Max, der sich schon lange darüber im Klaren ist, dass er schwul ist, dachte sich, er zieht eine pinke Karte und hofft, dass er seinen Schwarm Alex bekommt. Alex allerdings weiß noch nichts von seinem Glück oder davon, dass er eventuell schwul oder bisexuell sein könnte. Die beiden kennen sich sonst auch nicht. Doch Alex geht etwas widerwillig mit Max auf einen Kaffee und langsam entsteht eine Freundschaft zwischen den beiden. Vielleicht mit der Zeit auch mehr.
Bei Valentine handelt es sich um eine klassische »slow burn« Romanze. Also eine Geschichte, die sich Zeit lässt, bis die beiden Protagonisten zusammenkommen. Was mich neulich allerdings etwas schockiert zurückgelassen hat, ist, wie sehr sich die Autorin Zeit lässt. Immerhin sind die ersten Seiten vor 8 Jahren erschienen, wir sind 8 Kapitel weit gekommen, über 450 Seiten und noch immer sind die beiden kein offizielles Paar. Die Anzeichen sind schon sehr stark da, aber die Geschichte bewegt sich mit der Geschwindigkeit eines Gletschers. Das ist nicht unbedingt etwas Schlechtes, es ist mir nur bewusst geworden, wie lange die Geschichte schon geht.
Letztens habe ich »To the stars and back« vorgestellt. Ebenfalls ein queerer Webcomic. Die dortige Beziehung läuft etwas flüssiger und schneller ab, auch wenn sich der Autor ebenfalls Zeit lässt. Ich schätze es, wenn Autor*innen ihren Charakteren Zeit lassen, sich zu entwickeln und sich selbst finden zu können. Was »to the star and back« meiner Ansicht nach allerdings besser macht als Valentine, ist die Handhabung der Nebencharaktere. In Valentine nehmen diese durchaus viel Platz ein. In Kapitel 8 findet viel Handlung in einem Club statt. Der Cast an Charakteren ist durchaus größer und gefühlt wird mir zu viel Zeit mit Nebencharakteren verbracht, die mich eigentlich nicht interessieren. Diese sollen sich gerne weiterentwickeln und ebenfalls ihre Momente bekommen, aber nicht zu sehr von den eigentlichen Protagonisten der Geschichte ablenken.
Bei einem „normalen“ Comic oder einer Graphic Novel, wo ich alle Kapitel auf einmal habe oder zumindest jeden Monat ein größeres Kapitel geliefert bekomme, machen solche Abschweifungen nicht viel aus. Aber wenn jede Woche nur eine Seite oder so erscheint, können sich Abschweifungen durchaus ein paar Monate ziehen. Das finde ich zwar etwas schade, aber wenn die Autorin allen Figuren etwas mehr Zeit im Rampenlicht gönnen möchte, dann ist das eben so. Ich mag die Geschichte von Valentine trotzdem aufrichtig.
Sie besticht mit tollen Dialogen, die mit viel Gefühl geschrieben sind, und die Charaktere wachsen einem ans Herz. Es ist ebenso schön zu sehen, wenn sich die Künstlerin weiterentwickelt und die Zeichnungen mit der Zeit besser und detaillierter werden. Ebenfalls etwas, was ich an Webcomics schätze. Die Menschen probieren sich mehr aus, als bei üblichen Comics, und der Stil entwickelt sich weiter, so wie sich auch die Menschen dahinter weiterentwickeln. Aber dazu mehr, wenn wir uns demnächst Race You ansehen.