Mit einem ehemaligen Arbeitskollegen und heute guten Freund habe ich einen running gag. Dieser bezog sich auf das gerade frisch etablierte Multiversum im Marvel Cinematic Universe (MCU) und die unterschiedlichen Zeitlinien, die es dort gibt. Es ist kompliziert und nicht immer kohärent, aber ein durchaus interessantes Erzählmittel. Besonders in Avengers: Endgame, genauer gesagt dem ersten Teil davon, Avengers: Infinity War, spielt dabei die »korrekte« Zeitlinie eine wichtige Rolle. Denn aus Millionen möglicher Zukünfte sieht Doctor Strange nur in einem einzigen Szenario, dass die Avengers siegreich in ihrem Kampf gegen Thanos sind.
Der running gag war also, dass wir selbst in der richtigen Zeitlinie leben und darauf vertrauen, dass es sich schon irgendwie lösen lässt. Als wir diesen running gag eingeführt haben, schlug gerade der Coronavirus seine Infektionswellen. Die vergangene Woche hatte ebenfalls alles andere als gute Nachrichten. Präsidenten wurden gewählt, Regierungen zerfallen – die Zukunft scheint dunkel und düster. Doch auch wenn der anfängliche Schock noch tief sitzt, weigere ich mich, meinen Optimismus abzulegen, selbst wenn es schwerfällt.
Optimismus heißt allerdings nicht, dass man sich vor der Realität versteckt, sie verklärt und sich eine eigene konstruiert; dass man sich den Parolen hingibt oder falschen Propheten Glauben schenkt. Das ist genauso wenig sinnvoll. Die Angst, die man verspüren mag? Lasst sie zu. Sich mit anderen darüber austauschen, sie aufschreiben – was auch immer helfen mag. Wie es Alexander Waschkau auf Mastodon ausgedrückt hat: „Heute erlaube ich mir einfach mal Angst zu haben! Um die Ukraine, Israel, den nahen Osten, Taiwan, das Klima und Frauen und Migranten in den USA.“ (mastodon.social)
Das ist okay. Was man und damit meine ich mich, allerdings nicht mache, ist, mich in diese Gefühle hineinzusteigern. Akzeptanz heißt nicht aufgeben. Gerade jetzt. Auf welche Art auch immer, die Welt dreht sich weiter. Morgen ist genauso ein neuer Tag, wie der heutige einer war. Termine wollen wahrgenommen werden. Es gibt Haustiere zu füttern, Arbeiten zu erledigen, Texte zu schreiben, Filme zu schauen, Bücher zu lesen und besonders Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen.
Ich bin keine Person, die auf Demonstrationen geht. Auf die ein oder andere Pride gehe ich sehr gerne, aber es ist nicht das Meine. Auch das ist okay. Ich bin allen dankbar, die es machen. Regelmäßig und mit so unfassbar viel Mut. Ich schreibe stattdessen lieber Texte. Texte über queere Filme, Bücher und Comics. Texte darüber, warum Repräsentation und Diversität wichtig sind. Texte über das, was mich bewegt, beschäftigt und bedrückt. Manche veröffentliche ich, manche nicht. Es sind Texte über alles und nichts. Jede*r muss einen eigenen Weg finden, mit allem, was gerade passiert, umzugehen.
Die Augen davor zu verschließen, hilft nicht. Genauso wenig hilft, sich in die Sache hineinzusteigern und alle Informationen zu schauen und zu lesen, die man finden kann – doom-scrolling hat noch niemandem etwas gebracht. Stattdessen informiere ich mich lieber anhand guten Journalismus und unterstütze diesen. Wir brauchen guten Journalismus. Sei es Der Standard, die Salzburger Nachrichten, die Krautreporter, Die Zeit, Der Falter oder all die anderen seriösen journalistischen Angebote.
Aber auch meine persönliche Auswahl an Newslettern, die ich abonniert habe und mich regelmäßig erreichen, weiß ich in dieser Woche besonders zu schätzen. Sie stammen von Menschen, die ich schätze und respektiere. Sie verklären nichts, beschönigen es aber auch nicht. So bleibt am Ende doch immer die Hoffnung und der Glaube, dass es besser wird. Wir leben in der richtigen Timeline.
- Newsletter Matthew Dicks (EN): Embrace Optimism
- Raimund Löw: Falter Newsletter
- Tessa Szyszkowitz: Falter Newsletter
- Patreon von Elizabeth Sandifer (EN): El: Wednesday
