Der Dienstag entwickelt sich langsam zu einem Webcomic-Tag hier im Blog. Allerdings finde ich Gefallen daran, einmal in der Woche meine Lieblings-Webcomics vorzustellen. Das motiviert mich dazu, in diejenigen einen Blick reinzuwerfen, die ich schon länger nicht mehr regelmäßig verfolge. Zudem entdecke ich dadurch ebenso neue Schätze, die sicherlich ebenso noch Platz finden werden.
Race You gehört zu denjenigen Webcomics, die ich schon länger verfolge. Ich habe bereits zuvor über die Vorzüge dieses tollen Formats gesprochen. Sei es die Nähe zu den Künstler*innen, die Kommentarfunktion, die regelmäßigen Updates oder die Möglichkeit der Unterstützung. Über die Jahre sieht man außerdem, wie sich manche Künstler*innen weiterentwickeln, was ihnen wichtig ist und kann eventuell erkennen, wo die Reise hingeht. In keinem anderen Webcomic ist mir das so offensichtlich aufgefallen wie bei Race You.
Im Zentrum der Geschichte stehen Casper und Theo. Beide sind im Track-Team ihrer Schule, laufen also für ihr Leben gerne. Man lernt sie im Laufe der Geschichte sowohl einzeln kennen, wie sie mit ihren Freunden umgehen, wie sie auf Partys gehen und sich teilweise Unterstützung für die Schule suchen, als auch gemeinsam beim Sport. Im Zuge dessen kommen sie sich auch immer näher, bis sich aus der Rivalität im Team erst eine Freundschaft und vielleicht sogar mehr entwickelt. Es handelt sich also um eine »rivals to lovers« Trope, wie man es im Englischen so schön bezeichnet.
Race You hat eine angenehme Geschwindigkeit, mit der sich die Geschichte entwickelt. Es wirkt nichts gehetzt, die Charaktere haben Zeit, sich zu entwickeln, Geschehenes zu verarbeiten. Nicht immer gestehen Erzählungen ihren Charakteren zu, Momente auf sich wirken zu lassen, sich mit Freund*innen zu beraten, wie sie am besten mit einer Situation umgehen sollen, was ihre nächsten Schritte sein könnten. Ebenso sind die Dialoge toll geschrieben. Sie wirken glaubwürdig und jeder (Haupt-)Charakter scheint eine eigene Stimme zu haben, wie sie mit Situationen umgehen und darauf reagieren.
Was allerdings auffällt, an Race You, ist der Zeichenstil. Die Zeichnungen sind schwarz/weiß gehalten, mit Graustufen. Doch das ist nicht das Auffällige, sondern die Unterschiede in der Qualität der Zeichnungen, die teilweise krass ausfallen von Kapitel zu Kapitel. Manche wirken eher gehetzt gezeichnet, während andere, vorrangig die neuesten Kapitel, sehr viel detaillierter und ausgeklügelter wirken. Besonders im ersten Jahr hat der Autor noch sehr viel mehr experimentiert. Man hat gemerkt, die Priorität liegt beim Erzählen einer Geschichte und halbwegs regelmäßig Updates abzuliefern. Nicht unbedingt bei der künstlerischen Umsetzung.
Das heißt nicht, dass die einfacher wirkenden Zeichnungen schlecht wären. Die Charaktere sind immer noch eindeutig zu erkennen, nur auf den Hintergrund wird etwa völlig verzichtet. Die Dialoge sollen vorangebracht werden und nichts von diesen ablenken. Es geht um das Erzählen selbst. Ich finde das großartig. Vor kurzem habe ich ein Kapitel gelesen, in dem der Autor mit 3D-Hintergründen experimentiert und neue Techniken versucht. Ich mag das sehr gerne, wenn Künstler sich dermaßen ausprobieren. Dazu passt auch das »vertical scrolling«-Format, dessen sich der Autor für Race You bedient. Es wirkt freier, experimenteller. Ein klassisches Comic-Format mit strikten Seiten und Panels könnte ich mir nicht so sehr vorstellen, wäre aber für eine spätere polished-Version reizvoll.
Race You ist noch ein junger Webcomic und befindet sich am Ende seines zweiten Jahres. Ich freue mich immer wieder über neue Einträge in der Geschichte und bin gespannt, wo die Reise hingeht. Sowohl innerhalb der Geschichte als auch aus einem künstlerischen Aspekt gesehen.