Eyes on me

Seit ich vor ein paar Wochen angefangen habe, jeden Dienstag eine queere Geschichte vorzustellen, entdecke ich immer wieder etwas Neues. Damit meine ich nicht nur neue Webcomics oder Bücher, die ich mir bei Gelegenheit ansehen möchte, sondern auch neue Aspekte an Geschichten, die ich seit Jahren verfolge. Jeder Webcomic, den ich vorgestellt habe, hatte einen anderen Aspekt, den ich ins Zentrum rücken kann. Etwas, das mir zuvor gar nicht so bewusst war. Bei Eyes On Me ist es beispielsweise das Thema Zeit. Aber alles der Reihe nach.

Die Protagonisten dieses Webcomics sind Marcus und Evan. Evan arbeitet als Rezeptionist und gelegentlicher Guide in einem Museum. Er hat gerade eine schwierige, traumatische Beziehung hinter sich und will eigentlich nur mehr vergessen, was alles vorgefallen ist. Marcus hat eine Pause von seinem Studium eingelegt und arbeitet als Koch. Die beiden treffen sich zufällig bei einem gemeinsamen Freund. Wie sich herausstellen sollte, hat nicht nur Evan eine bewegte Vergangenheit, auch Marcus hat so manches Geheimnis zu offenbaren.

Eyes On Me hat immer wieder überraschende Wendungen zu bieten, die die Erzählung kurzweilig machen. Was die Zeichnungen anbelangt, war Eyes On Me stets auf einem hohen Niveau, hat sich allerdings im Laufe der Jahre noch mehr weiterentwickelt. Es ist immer wieder toll zu beobachten, welche Fortschritte Künstler*innen machen. Doch am meisten lebt der Comic von den Interaktionen zwischen Marcus und Evan. Beide sind sehr unterschiedlich, was nicht nur ihr Verhalten betrifft, sondern wie sie in Unterhaltungen agieren. Die Charaktere sind mit viel Liebe zum Detail geschrieben, das merkt man auf jeder Seite.

Natürlich gibt es auch ein paar Nebencharaktere, aber diese bleiben weitgehend im Hintergrund, außer sie stehen unseren Protagonisten zur Seite. Außerhalb der Wahrnehmungen von Evan oder Marcus lernt man sie nur äußerst selten kennen. Das stört allerdings nicht, da sie selbst in diesen Momenten Gelegenheit für coole oder einfach nur schöne Interaktionen bekommen. Außerdem hat Marcus eine süße Katze und die muss natürlich Priorität haben, vor den sonstigen Nebencharakteren.

Was mir beim erneuten Lesen von Eyes On Me auffiel, ist, wie bereits oben erwähnt, das Thema Zeit. Man merkt anhand der Unterhaltungen, mal direkter, mal mehr zwischen den Zeilen, dass zwischen den Treffen von Evan und Marcus viel Zeit vergehen kann. Manchmal sind es nur ein paar Tage, aber gelegentlich können es Wochen sein. Das unterstreicht nicht nur, dass die beiden mit ihren Leben außerhalb der angehenden Beziehung beschäftigt sind, sondern ebenso Evans Unsicherheit und Problem, anderen zu vertrauen. Es ist eine glaubhafte Darstellung, denn nicht jeder hat gleich 24h, 7 Tage die Woche Zeit, kann alles stehen und liegen lassen, nur weil man jemanden kennengelernt hat. Es muss sich entwickeln. Vor allem, wenn sich die Charaktere zufällig begegnen und nicht schon vorher befreundet sind, wie bei anderen Geschichten.

Eyes On Me ist ein Webcomic, der mich seit Jahren begeistert. Wie es scheint, wird allerdings das nächste Kapitel (Nummer 10), das letzte werden. Ich glaube, das ist erst das zweite Mal, dass ich es erlebe, dass ein Webcomic sein natürliches Ende erreicht. Ich hoffe, es wird ein gelungener Abschluss. Aber anhand der bisherigen Qualität zu urteilen, sollte das keine Schwierigkeit darstellen.