Es ist Donnerstag und das heißt, wir werfen einen Blick in die Vergangenheit. Dieses Mal auf den 2. Oktober 2016. An diesem Datum habe ich den folgenden Text auf meinem damaligen Blog »Geek-Planet« veröffentlicht, den es heute nicht mehr gibt. Trotzdem sollen alle meine Texte an einem Ort versammelt sein.
Ich kann mich überraschenderweise noch sehr gut an East of West erinnern. Beim Lesen des Textes sind mir die Szenen wieder eingefallen. Teilweise sogar die Panels, die im Comic vorkommen. Das ist eben der Unterschied, wenn ein fantastischer Autor mit einem hervorragenden Künstler zusammenkommt und etwas Einzigartiges erschaffen. East of West versprüht Unmengen an Style und ist eine toll designte Welt. Doch wo andere schließlich an der Geschichte scheitern würden, erzählt Hickman einen Politthriller in einem Sci-Fi-/Fantasy-Setting, das seinesgleichen sucht.
East of West habe ich öfter gelesen, bevor es später endete. Es ist eine komplexe Geschichte mit Intrigen und Affären, Machtspiele und Manipulation. Die Beziehungen und roten Fäden werden einem nicht gleich klar. Auch so manche Persiflage geht vielleicht unter, wenn man nicht genau hinsieht. Vielleicht war das auch der Prototyp für Hickmans spätere Neu-Interpretation der X-Men bei Marvel. Aber dieser Prototyp kann sich sehen lassen.
East of West ist ein wunderbarer Comic, den man am besten in einem Rutsch liest. Jeden Tag eine Story-Arc, dann taucht man immer wieder voll und ganz in diese verrückt fantastische Welt ein. Im zweiten Handlungsbogen werden neue Charaktere in Stellung gebracht und eine alte Macht betritt die Bühne.
- Ausgaben: #6 bis #10
- Jahrgang: 2013/14
- Autor: Jonathan Hickman
- Künstler: Nick Dragotta
- Colors: Frank Martin
- Letters: Rus Wooton
Crow: „How far down does it go?“
Death: „All the way.“
Wenn Richter bestechlich sind und dem Gesetz nicht mehr vertraut werden kann, nimmt man es am besten selbst in die Hand. Sehr eindrucksvoll und visuell ekelhaft schön werden die Ranger eingeführt. Sie haben es sich zum Ziel gemacht, Korruption, Bestechung und alles, was damit in Zusammenhang steht, auszutreiben. Nachdem das erledigt wurde, haben sie sich zur Ruhe gesetzt. Doch ein Mann engagiert den besten Ranger, um die Chosen zu vernichten. Vielleicht lässt sich so, das Ende der Welt verhindern.
In einem Rückblick erleben wir die vier Reiter der Apokalypse gemeinsam, wie sie Gläubige, die sich an einer Stelle in der Wüste versammeln, einfach abschlachten und über sie lustig machen. Doch sie erkennen die Macht, die von diesem Ort ausgeht, und entscheiden, hier ihr neues Zentrum zu errichten. Bei dem Massaker ließen sie ein Kind leben, Ezra. Er wird der Erbauer des Monuments in »Armistice«. Seine Geschichte ist voller Ergebenheit und Leid. Femine, die er als Mutter ansieht, will er immer zufriedenstellen. Doch sie gönnt ihm dies nicht. Leid ist sein Leben, Leben ist sein Leid. Diese Unerbittlichkeit zeigt sich auch im Design der Charaktere. Die erwachsenen Versionen der Reiter sind cool gestaltet, vor allem ihre futuristischen Reittiere, die eine Mischung aus Pferd, Roboter und Massenvernichtungswaffe sind.
Death macht sich derweil auf die Suche nach seinem verschollenen Sohn, der irgendwo auf der Welt gefangen gehalten wird. Dabei geht er zu einem uralten Wesen. Manche Seen gelten in dieser Welt als Spiegel zu anderen Welten und wenn man Kreaturen richtig beeinflusst, gewähren sie Eintritt. So geht Death mit seinen beiden Gefährten Crow und Wolf eine endlose Treppe hinunter und bringt sie durch ein Labyrinth aus Gängen und noch mehr Treppen. Schließlich gelangen sie an ihr Ziel. Ein Gefängnis. Das älteste Gefängnis der Welt, das Death selbst mit erbaut hat. Dort findet er das Orakel. Wie die beiden miteinander sprechen und die visuelle Umsetzung der Szene ist einfach beeindruckend. Umgeben von endloser Dunkelheit besprechen die beiden die Bedingungen, welche Death erfüllen muss, um einen weiteren Schritt in Richtung seines Sohnes zu machen. Der Preis, den sie verlangt, ist interessanterweise nicht ihre Freiheit.
Später gelangen wir mit Death an eine Grabstelle mitten in der Wüste: Heetse’isi‘. Dort begegnen sie niemand geringerem als Wolfs Vater. Dafür, dass er so mächtig ist, wird er leider zügig besiegt. Zwar ist der Kampf beeindruckend dargestellt, jedoch hätte ich mir von so einem Wesen mehr erwartet. Doch bevor er Death den Standort seines Sohnes verraten kann, kommt ihnen ein Ranger in die Quere.
In der Zwischenzeit ruft die neue Präsidentin der Union einen Militärstaat aus und greift beinhart durch. Nichts und niemand ist vor ihrem reuelosen Vorgehen sicher. Was mich an dem Charakter so beeindruckt, ist, dass sie die Sicherheit ihres White Tower verlässt und sich auf die Straßen hinaus begibt, um Informationen zu beschaffen. Dabei schreckt sie nicht vor Folter und Mord zurück. Vor ihr kann man tatsächlich Angst bekommen.
Auch die Machtspiele, die vonstattengehen, steigen in ein neues Level auf. The Kingdom, wo sich interne Intrigen zwischen den Söhnen des Königs entwickeln, geht sehr geschickt darin vor, dass die Union in ihrer Schuld steht. In New Shanghai hat Xiaolian eine gewaltige Armee zusammengestellt und macht sich auf den Weg zu „Verhandlungen“ bei der »Wall«. Mal sehen, wie diese so ablaufen werden.
Zu guter Letzt noch ein Wort zum Beast, dem Sohn von Death und Xiaolian. Er ist zwar ein Gefangener, hat aber überraschend viel Kontrolle über die künstliche Intelligenz, die ihm Dinge beibringt. Bewusst, dass sein Ende bevorsteht, verlagert er sein Training vom reinen Theoretischen ins Praktische, was auch immer das bedeuten mag. Aber ich vermute, er wird sich nicht nur in Waffenlehre, sondern vielleicht in Kampfkunst üben.
Die zweite StoryArc von East of West setzt den guten Einstieg wunderbar fort. Jonathan Hickman und Nick Dragotta verstehen die Kunst des Wordbuildings. Jeder Charakter hat seinen Zweck und ist nicht nur bloßer Plotpoint. Ich bin gespannt auf das Finale von Year One.