Der falsche Startpunkt (Avengers; 1996)

Ich habe mich mal wieder mit dem Konzept »Reading Order« beschäftigt. Besonders im Hinblick auf Comics von Marvel, weil ich seit Ende vergangenen Jahres wieder ein Unlimited Abo habe und dieses natürlich entsprechend nutzen möchte. »Reading Order« bezeichnet, wie der Name schon sagt, eine bestimmte, empfohlene Reihenfolge, in der man beispielsweise Comics lesen sollte. Diese vorgegebenen, meist von Fans erstellten Reihenfolgen werden besonders dann interessant, wenn man etwas chronologisch oder in seinem kompletten Umfang erfahren möchte – manchmal auch beides.

Also habe ich mich dafür durch verschiedene Seiten geklickt. Die geneigten Leser*innen können sich das bei Interesse leicht heraussuchen. Es gibt verschiedenste Aufbereitungsformen und Prinzipien, wie diese Listen dargeboten werden. Manche nennen wirklich die einzelnen Comic-Ausgaben, was mir zu kleinteilig ist. Charmant finde ich die Darbietung in Collected Editions, sodass man sich in einer Geschichte verlieren kann und diese in seiner Gänze erlebt. Das natürlich mal mehr, mal weniger. Es kommt immer darauf an, ob man gerade nur einen Charakter verfolgt oder ein Event stattfindet.

Events bei Comics beinhalten oft eigene Limited Runs und tie-in-Comics von vorhandenen Reihen. Da wird es schnell kompliziert. Ich will nicht zu tief in die einzelnen Themen einsteigen. Diese kommen mit Sicherheit noch öfter vor, und im Moment geht es mir darum, meinen Gedankenprozess darzustellen. Jedenfalls suchte ich nach einem guten Einstieg, von dem aus ich loslaufen konnte. Die Frage war nur, welches Jahr und mit welchen Comics es losgehen sollte. Gerade bin ich mit der dritten Phase des MCU fertig geworden (die Texte dazu erscheinen immer samstags) und ich hatte Lust auf gute Avengers-Geschichten.

Daher fiel die Auswahl relativ schnell auf die Brian Michael Bendis Ära. Über viele Jahre hinweg hat er den Kurs von den Avengers und Marvel geprägt und hat so manche der prominentesten Geschichten des Superheldenteams erzählt. Vor Jahren habe ich schon einmal Auszüge dieser Ära gelesen, aber nie so recht von vorne bis hinten und mit allem, was noch so nebenbei passiert. Mit dem Blick nach links und rechts dieses Hauptpfades, den Bendis vorgibt, erhoffe ich mir, ein paar gute Schmankerl zu finden. Charaktere, die ich vorher vielleicht unterschätzt oder gar nicht beachtet habe. Allerdings wollte ich nicht direkt mit »Avengers, Disassembled« anfangen, sondern etwas vorher. Da fiel mein Blick auf »Heroes Reborn«.

Ich wusste nicht genau, was sich dahinter verbirgt, aber es war ein Titel oder ein Event, welches mir bekannt vorkam. »Heroes Reborn« schien mir also ein durchaus treffender Start zu sein. Dann sah ich, dass diese Ära mit einer Avengers #1 Ausgabe begann und dachte mir: toller Einstieg. Das war ein großer Fehler. Ich öffnete also den Comic, begann zu lesen und entdeckte in den Credits den Namen Rob Liefeld. It’s gonna be a bumpy ride.

Besonders relevant ist dabei, dass diese Ausgaben der Avengers Mitte der 90er erschienen. Das war die Zeit, nachdem sich einige Marvel-Künstler (man muss hier nicht gendern) von dem Verlage gelöst hatten, um 1992 das Comic-Label Image zu gründen. Die Art der Zeichnungen und der Stil stehen wirklich für sich. Man weiß, wenn man Comics der 90er in Händen hält. Sie alle haben einen gewissen Vibe. Charaktere wurden übertrieben dargestellt, manche Künstler kannten das Wort „Proportion“ nicht – es war eine wilde Zeit. Davon haben sich natürlich auch DC und Marvel anstecken lassen, denn Image war mit diesem Konzept erfolgreich. Manchmal wurden sogar die Künstler, die sie vor ein paar Jahren verlassen hatten, wieder engagiert. Bei Avengers sollte es Rob Liefeld sein. Dessen Avengers #1 aus dem Jahre 1996 hielt ich nun in digitaler Form in Händen.

Zum Charakter von Liefeld kann ich nichts sagen, es gibt gemischte Kommentare. Was ich jedoch noch nie leiden konnte, war sein Zeichenstil, der in diesen Avengers-Comics seinen Höhepunkt fand, wenn man das so bezeichnen kann. Man muss nur den Namen Liefeld und Captain America in eine Bildersuchmaschine eingeben und man bekommt einen ungefähren Eindruck, was ich meine. So sieht der gesamte Comic aus. Die Proportionen der Charaktere passen weder für sich noch im Kontext zu anderen oder ihrer Umgebung. Manchmal sucht man Hintergründe oder die Umgebung sowieso vergebens, weil sich Liefeld auf so genannte Splash-Pages konzentriert, also ganzseitige Darstellungen der Charaktere. Dadurch gibt es wenige Panels, in denen sich eine Geschichte entfalten könnte. Nicht, dass diese besonders interessant wäre.

Comics haben den Vor- und Nachteil, dass beide Elemente gleichermaßen interagieren müssen: die Zeichnungen und das Skript. Es existiert jedoch ein ungleichmäßiges Verhältnis. Das Skript kann noch so gut sein, wenn die Zeichnungen einem nicht gefallen oder objektiv schlecht sind, geht die Geschichte unter (es gibt Ausnahmen, aber diese meist im Webcomic-Bereich, wo man teilweise die Künstler*innen bei ihrer Entwicklung und wie sie mit der Zeit besser werden, beobachten kann). Jedoch können herausragende Zeichnungen eine mittelmäßige Geschichte ausgleichen. In Avengers »Heroes Reborn« sucht man beides jedoch vergeblich. Für eine #1 Ausgabe ist die Einführung der Charaktere nicht gut gelungen. Es ist verwirrend, selbst für einen Comic-Interessierten wie mich, und man quält sich förmlich durch die Seiten.

Ich habe also nach »Heroes Reborn« gesucht und wurde, wie so oft, auf Reddit fündig. User AJjalol erklärt sehr eindrucksvoll und ausführlich, warum diese Ära so schlecht war und was falsch gelaufen ist (Can someone explain heroes reborn to me?). Also halte ich mich erst einmal an die Empfehlung des Kommentierenden und gehe etwas weiter in der Zeit voraus, wenn »Heroes Reborn« zu Recht endete und beginne mit den #1 Ausgaben von Iron Man, Avengers und Co. Ein zugegebenermaßen etwas holpriger Start, aber ich bleibe optimistisch. Außerdem habe ich so wieder etwas gelernt.