Schon lange ist es her, dass ich ein Amazon Prime-Abonnement innehatte. Daher war es eine ganz angenehme Überraschung, dass ich bei der letzten Bestellung einen 30-Tage-Gratis-Zeitraum bekommen habe. Scheinbar muss man nur genug bestellen und man bekommt einen Monat geschenkt. Ob das ein zukunftsträchtiges Modell für Käufer*innen ist, sei einmal dahingestellt, aber nun hatte ich also diesen einen Monat und sah mich um, was es so zu entdecken gab.
Schnell fiel mein Blick auf die Serie The Continental. Wobei »Serie« ein eher ungenauer Begriff ist. Besteht The Continental doch nur aus drei Episoden, dafür hat aber jeder dieser Folgen knapp eineinhalb Stunden Laufzeit. Man könnte es also gerne auch als Trilogie sehen. Eine Trilogie, die erzählt, wie Winston Scott zu seinem Hotel gekommen ist. Winston Scott wird in den John Wick Filmen von Ian McShane mit sehr viel Gravitas und einer unheimlichen Macht gespielt. Man weiß nie so genau, was er denkt, was seine Ziele sind und welche Schritte er als Nächstes unternehmen wird. Außerdem scheint er in diesem Killer-Universum, welches vom High Table geleitet und beaufsichtigt wird, etwas außerhalb zu stehen. Es ist sein Hotel und alle Privilegien, die damit einhergehen, gehören ihm. Sein Reich, seine Gesetze. So wirkt es zumindest in den Filmen. Doch wie kam er zu diesem Status?
Diese Frage versucht die Serie The Continental zu beantworten. Wir treffen einen jungen Winston Scott, hier gemimt von Colin Woodell, der in den 70ern versucht, das Continental zu übernehmen. Die für New York verantwortliche Adjudicator kommt das ganz gelegen, da sich der aktuelle Inhaber nicht gerade nach Vorschrift verhält und seine Macht immer wieder ausnutzt und die geltenden Gesetze missachtet. Mel Gibson spielt diesen wahnsinnigen Cormac O’Connor und passt wunderbar in die Rolle. Es gibt dann noch ein paar Nebencharaktere, die ebenfalls etwas ausgebaut werden und eine eigene Geschichte durchmachen, allen voran Detective KD Silva (Mishel Prada) und Lou Burton (Jessica Allain), eine Dojo-Inhaberin und Karate-Expertin. Schließlich treffen wir noch einen jungen Charon (Ayomide Adegun), der in den Diensten von Cormac steht.
Die drei Episoden sind dicht gefüllt und die Geschichte schreitet durchaus mit hohem Tempo voran. Dreht sich die erste Folge noch um Winston und seinen Bruder Frankie, was sie in ihrer Kindheit durchgemacht haben und was dazu geführt hat, dass sie sich jahrelang nicht mehr gesehen haben, so dreht sich Winstons Fokus immer weiter auf das Hotel und seiner Rache an Cormac. Dabei bleiben Motivation und Antrieb von Winston stets nachvollziehbar. Colin Woodell kann zwar einem Ian McShane nicht das Wasser reichen, trotzdem spielt er den jungen Winston mit einer gekonnten Coolness, die ich ihm stets abkaufe. Er weiß, was er kann, ist intelligent und nutzt seine Vorteile aus. Seine Verhandlungstaktiken sind zwar manchmal etwas fragwürdig und man weiß nie so recht, was er vorhat, aber ich bin ihm gerne gefolgt.
Auch die Nebencharaktere dürfen immer wieder im Zentrum des Geschehens stehen. Was die Serie zu einem netten Ensemble-Unternehmen macht. Der Fokus bleibt zwar stets auf Winston, was bei gerade einmal drei Episoden natürlich wichtig ist, doch werden die restlichen Charaktere geschickt in Stellung gebracht, damit sie ihre eigenen Beweggründe haben, das Hotel stürmen zu wollen und es den Händen Cormacs zu entreißen. Man erfährt in The Continental ebenso, wie Charon und Winston zueinander gefunden und sich eine innige Freundschaft etablieren konnte, in der sich beide blind vertrauen.
Der Untertitel der Serie lautet: From the World of John Wick. Entsprechend sind die Erwartungen an The Continental. Für mich kann sie diese auch erfüllen. Ich habe nie erwartet, dass ich John Wick sehe, nur eben als Serie umgesetzt. Dafür ist das Budget zu gering (vermute ich zumindest) und wir haben bereits vier Filme mit John Wick. Ich brauche keine Serie, die dasselbe macht, nur eben in den 70ern. Ich will die Welt von John Wick sehen und neue Perspektiven darauf kennenlernen, und das gelingt der Serie mit Bravour. Wie in den Filmen wird nichts oder zumindest äußerst wenig direkt erklärt. Man sieht die Charaktere immer nur interagieren und den Regeln folgen oder ebendiese brechen. Überflüssige Exposition sucht man vergebens. Das bleibt dem Kern dieser Welt und den Filmen treu.
Die Action finde ich gut gemacht und erfrischend anders zu den Filmen. Die Macher finden immer wieder kreative Wege für Kämpfe und brutale Auseinandersetzungen, sie schrecken auch vor erbarmungsloser Aggressivität nicht zurück, die so manchen Charakter unberechenbar macht. Manche der Killer, die im Continental hausen, sind zwar schon fast bis ans Äußerste übertrieben, aber diese haben immer nur kurze Auftritte und dienen der Abwechslung. Ausnahme sind die berühmt-berüchtigten Twins, die direkt aus der Matrix sein könnten. Sie haben eine gefährliche, bedrohliche Aura um sich und passen hervorragend in diese Welt. Von Autoverfolgungsjagden, die einmal etwas anders geschnitten sind, über einen Zweikampf in einer Telefonzelle hin zur üblich gut gemachten Schießerei ist alles dabei, was eine Serie wie The Continental braucht.
Ich weiß nicht, warum die Serie so schlecht ankam. Mir hat sie sehr viel Freude bereitet, und ich hätte gerne noch eine zweite Staffel gesehen. Die drei Folgen enden zwar nicht direkt mit einem Cliffhanger, trotzdem wäre der weitere Verlauf der Geschichte interessant gewesen und wir hätten eventuell weitere Einblicke in diese mysteriöse Welt gehabt. Sehr schade. Dieses Jahr bekommen wir allerdings einen weiteren, anderen Einblick in die Welt von John Wick mit dem Film Ballerina. Mal sehen, was dieser Film zu erzählen vermag und welchen Stil sie wählen. Ich hoffe, er wird anders als John Wick oder The Continental und versucht einen eigenen Weg zu gehen.
