Geek-Planet: tschick von Wolfgang Herrndorf

Wie jeden Donnerstag sehen wir uns auch heute wieder einen Text aus alter Vorzeit an. Der folgende erschien am 17. Januar 2018 auf meinem damaligen Blog »geek-planet«, den es heute allerdings nicht mehr gibt. Dennoch möchte ich alle meine Texte an einem Ort versammelt wissen. Also gibt es einmal die Woche einen leicht redigierten, alten Text von mir, mit ein paar einleitenden Worten.

Zum Einschlafen höre ich immer noch und seit vielen Jahren den Podcast Die Sprechkabine. Philipp Seidel und Timo Hetzel haben angenehme Stimmen, sie sprechen im Podcast über alles und nichts. Man kann wunderbar dazu abschalten und einschlafen. Wenn ich durch bin mit den Folgen, fange ich einfach wieder von vorne an. Ich weiß nicht, wie oft ich den Podcast schon durchgehört habe. Jedenfalls kommt unweigerlich immer wieder die Folge zum Vorschein, wo sie über tschick sprechen.

Philipp Seidel ist angetan von dem Buch und aufgrund dessen habe ich es dann auch gelesen oder sogar kurz davor gekauft. Ich weiß die genauen zeitlichen Abläufe nicht mehr, es ist schon ein paar Jahre her. Trotzdem habe ich gute Erinnerungen an das Buch und verbinde sehr viel damit. Zu dieser Zeit habe ich ein paar Klassiker nachgeholt, über die ich noch Texte hervorkramen werde. tschick ist auf jeden Fall empfehlenswert und auch mit der alten Rezension von vor acht Jahren bin ich noch zufrieden.


Bereits 2010 erschienen, fiel mir das Buch von Wolfgang Herrndorf erst letzte Woche so richtig auf. Das Cover kam mir bekannt vor und irgendwo in den Untiefen meines Unterbewusstseins verband ich den Titel mit einem Film. Schließlich schwärmte Philipp Seidel in einer Folge der Sprechkabine (bitte fragt mich nicht welche) davon und so musste ich es mir einfach zulegen. Ich wusste nicht wirklich, was mich erwartet, und war deshalb sehr positiv überrascht. Tschick überzeugt auf allen Ebenen und sollte von so vielen Menschen, wie nur möglich, gelesen werden.

Die beiden Protagonisten in diesem Buch sind Maik und der titelgebende Tschick. Letztgenannter kommt neu an Maiks Schule. Seine aufregende Vergangenheit, sein eigentümliches, verschlossenes Verhalten sowie die Tatsache, dass er Russe ist, machen ihn zu einem Außenseiter. Ebenfalls ein Außenseiter, jedoch von einem ganz anderen Kaliber, ist Maik. Unauffällig, ja geradezu unsichtbar bewegt er sich durch die Schule, ist verliebt in das hübscheste Mädchen und kommt aus einer, na ja, schwierigen Familie. Als dann sein Vater mit der Sekretärin auf „Geschäftsreise“ fährt, während seine Mutter mal wieder die „Beauty-Farm“ besucht, überzeugt ihn Tschick zu einem Roadtrip in die Walachei. Es sollte der Beginn einer Reise werden, in der beide Protagonisten neue Seiten an sich entdecken, über sich hinauswachsen und Begegnungen durchmachen, die sie Deutschland nicht zugetraut hätten.

Genau dies ist es, was ich an dem Buch schätze. Man könnte die Ortsnamen einfach durch andere ersetzen und es würde nichts an der Faszination verloren gehen. Denn wo der Roadtrip stattfindet, ist nicht so wichtig. Zentraler Punkt ist, was auf diesem Roadtrip geschieht und wie die beiden Jungen immer wieder Grenzen überschreiten und Auswege finden müssen. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass sie gerade einmal vierzehn Jahre alt sind. Dies macht das Abenteuer gleich nochmal spannender, da beide Charaktere Aspekte verkörpern, die jeder Mensch an sich wiedererkennt. Wer war nicht schon einmal verliebt und egal, ob diese nun erwidert wurde oder nicht, das Gefühl ist doch vertraut. Jeder hatte in der Klasse einen Außenseiter oder war sogar selbst einer und kennt auch das Gefühl, blamiert zu werden. Somit werden viele Entscheidungen, die die beiden treffen, nachvollziehbar. Selbst die Begegnungen auf dem Weg durch Deutschland sind insofern transparent, als die Reaktionen einem bekannt vorkommen. Hätte man nicht selbst ähnlich entschieden?

Doch reine Nachvollziehbarkeit macht noch keinen modernen Klassiker aus. Der Eindruck von Zeitlosigkeit entsteht nicht nur durch die Beschreibung der Landschaften und Städtchen, die so wunderbar zu lesen sind. Die Zeitlosigkeit wird durch die fast vollständige Abwesenheit moderner Technologien (wer braucht die schon auf einem Roadtrip) verstärkt. Genauso, wie die von Herrndorf entwickelte, künstliche Jugendsprache zu diesem Eindruck beiträgt. Wer jetzt denkt, dass klassische Jugendbegriffe Verwendung finden, die schon beim Druck des Buches wieder veraltet sind, darf ich beruhigen. Herrndorf schafft es, mit einfachen Begriffen, so manchen wirren Formulierungen, garniert mit dem ein oder anderen Jugendwort (mir fällt im Moment kein besserer Begriff ein), eine Sprache erzeugen, die die Leser*innen einfach in den Bann ziehen muss.

Ich habe das Buch innerhalb von drei Tagen durchgelesen und konnte nicht glauben, dass es schon vorbei ist. Die Welt, die zwar unsere ist, aber doch ganz anders, lässt einen nicht mehr los. Ich will wissen, was mit Maik und Tschick passiert und wünschte, ihr Trip hätte länger gedauert. Doch nachdem ich das Buch fünf Minuten, nachdem die letzten Seiten gelesen waren, angestarrt hatte, in der Hoffnung, es würden sich noch irgendwo ein paar Seiten mehr finden, kam ich zu der Überzeugung: Es ist perfekt. Weder zu kurz noch zu lang. Am Gipfel der Euphorie kommt das Ende so schnell um die Ecke, dass es einen noch länger verfolgt. Herrndorf bringt die Leserinnen dazu, über die Welt nachzudenken. Ich bin davon überzeugt, dass jeder etwas aus Tschick lernen und für sich selbst mitnehmen kann.

Den Film kann ich übrigens ebenfalls sehr empfehlen. Diesen habe ich mir kurz nach dem Genuss des Buches zu Gemüte geführt und hatte ähnliche emotionale Reaktionen wie beim Buch. Manche Übergänge gelingen zwar aufgrund fehlender Beschreibungen nicht ganz so glatt wie im Buch und nicht alle schauspielerischen Momente gelingen. Trotz dieser Mängel oder vielleicht auch gerade deshalb hat der Film Charme und ist jede Minute, die man investiert, wert.